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Anne Frank: Ein Verrat mit vielen Fragezeichen

24.01.2022 • 14:17 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Graffiti beim Anne-Frank-Zentrum in Berlin
Graffiti beim Anne-Frank-Zentrum in Berlin (c) imago images / Joko (via www.imago-images.de)

Neue Erkenntnisse, wer Anne Frank und ihre Familie verraten hat.

Für Simon Wiesenthal war es „das wichtigste Buch, das über das Dritte Reich geschrieben wurde“, von unbelehrbaren Leugnern wird es als Fälschung diffamiert, es wurde für das Theater bearbeitet, verfilmt und hat bis heute nichts von seiner bedrückenden, erschütternden Faszination eingebüßt: Die Tagebücher der Anne Frank, verfasst von einem kleinen jüdischen Mädchen, das sich mit seiner Familie und anderen Verfolgten von 1942 bis 1944 in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den nationalsozialistischen Besatzern verstecken musste.

Als Anne ihr Tagebuch begann – oft adressiert an ihre liebste Fantasiefreundin Kitty –, war sie 13 Jahre alt, am 1. August 1944 findet sich der letzte Eintrag. Diese Worte zeugen von einem Kind, das unter widrigsten Umständen zur jungen Frau heranreifte, das mit Erwartungshaltungen und Selbstzweifeln zu kämpfen hatte – und das auch zur Selbstreflexion fähig war: „Das halte ich nicht aus, wenn so auf mich aufgepasst wird, dann werde ich erst schnippisch, dann traurig, und schließlich drehe ich mein Herz wieder um, drehe das Schlechte nach außen, das Gute nach innen und suche dauernd nach einem Mittel, um so zu werden, wie ich gern sein würde und wie ich sein könnte, wenn … wenn keine anderen Menschen auf der Welt leben würde.“

Doch es lebten andere Menschen. Und einer davon hat schließlich das Versteck der Familie Frank verraten. Nur drei Tage nach dem letzten Tagebuch-Eintrag wurden alle acht Personen, die sich im Hinterhaus der Prinsengracht 263 versteckt hatten, verhaftet und deportiert. Edith Frank, die Mutter, starb in Auschwitz-Birkenau an Hunger und Erschöpfung, Anne und ihre Schwester Margot wurden ins KZ Bergen-Belsen verfrachtet, wo sie Ende Februar/Ende März 1945 vermutlich an Typhus starben. Nur der Vater, Otto Frank, überlebte den Holocaust.

Darüber, wer die Familie Frank und die anderen Versteckten an die Nazis verraten hat, gibt es bereits seit Kriegsende unterschiedlichste Spekulationen, Theorien – und auch Namen. Diese Woche sorgte das Untersuchungsergebnis eines internationalen Rechercheteams für Schlagzeilen, wonach ein jüdischer Notar den entscheidenden Hinweis gegeben habe. Der Mann hätte zunehmend Angst um seine eigene Familie gehabt und habe deshalb eine ganze Liste mit „Juden-Verstecken“ an die deutschen Besatzer weitergegeben – darunter jenes der Franks. Unumstritten sind diese Untersuchungsergebnisse nicht. Ronald Leopold, der Direktor der Anne-Frank-Stiftung, meinte dazu: „Man muss sehr aufpassen, bevor man jemanden in der Geschichte als Verräter von Anne Frank festschreibt.“ Das Anne-Frank-Haus in Amsterdam war an den Recherchen nicht beteiligt, stellte aber Archivmaterial zur Verfügung. Leopold: „Das Rechercheteam hat neue Informationen und eine faszinierende These hervorgebracht, die weiterer Forschung bedarf.“

Eine Nachbildung des berühmten Tagebuches von Anne Frank
Eine Nachbildung des berühmten Tagebuches von Anne FrankImago

Sorge besteht auch, dass diese Erkenntnisse, so ungesichert sie noch sind, zu antisemitischen Reaktionen führen könnten. Nach dem Motto: Die Juden verraten einander selbst. Während die Verräter-Frage also noch immer nicht restlos geklärt ist, steht zweifelsfrei fest, wer die Familie Frank verhaftet hat. Federführend beim Einsatz war ein gewisser SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer aus Wien. Dass sein Name einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, geht wiederum auf langjährige Recherchen von Simon Wiesenthal zurück.

Der Ausgangspunkt: 1958 hatte es in Linz antisemitische Demonstrationen gegen eine Theateraufführung der Frank-Tagebücher gegeben. Später traf Wiesenthal einen der jungen Leugner und fragte ihn: „Nehmen wir an, man würde den Beamten finden, der Anne Frank verhaftet hat, würden Sie das als Beweis gelten lassen?“ Der Mann bejahte widerwillig – und Wiesenthal begab sich auf die Suche. Tatsächlich machte er auf Umwegen den Namen ausfindig: Karl Josef Silberbauer. Vor dem Krieg Polizeibeamter in Wien, später Beitritt zur SS und Versetzung in die Niederlande. Nach dem Krieg wurde Silberbauer zwar vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Ab 1954 arbeitete er wieder bei der Wiener Polizei.

Nach den Enthüllungen Wiesenthals wurde Silberbauer suspendiert, ein Verfahren gegen ihn aber 1964 erneut eingestellt, da er nur auf Befehl gehandelt habe. In Deutschland hat sich im Vorjahr eine Elfjährige – vermutlich auf Geheiß ihrer Querdenker-Eltern – mit Anne Frank verglichen, da sie während eines Lockdowns ihren Geburtstag nur geheim mit Freunden feiern konnte. Wie unfassbar perfide und abgründig dumm dieser Vergleich ist, weiß und spürt man, wenn man die Tagebücher wieder zur Hand nimmt.

Neben Alltagsbeobachtungen hat Anne Frank über ihre ohnmächtige Angst geschrieben, jeden Moment entdeckt zu werden; über den Verlust von Freiheit, Selbstbestimmung und Intimsphäre. An ihrem 15. Geburtstag träumte sie im dunklen Hinterhaus von einem strahlend blauen Himmel und blühenden Blumen. Ihren 16. Geburtstag sollte Anne nicht mehr erleben. In einem ihrer letzten Einträge bricht noch einmal Zuversicht durch: „Sollte denn nun wirklich die lang ersehnte Befreiung nahen? Wir wissen es noch nicht, aber die Hoffnung belebt uns, gibt uns wieder Mut, macht uns wieder stark. Denn mutig müssen wir die vielen Ängste, Entbehrungen und Leiden durchstehen.“ Wenige Wochen später, am 4. August 1944, hielt ein Auto vor dem Haus Prinsengracht 263. Ihm entstiegen SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer und drei Helfer. . .