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Vier Szenarien, wie Putin vorgehen könnte

24.01.2022 • 21:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein russischer Militärkonvoi auf der Krim: Russland hat die Ukraine mit seinem Aufmarsch umzingelt
Ein russischer Militärkonvoi auf der Krim: Russland hat die Ukraine mit seinem Aufmarsch umzingelt AP

Wie hoch ist die Gefahr eines großen Krieges?

Russland hat rund 100.000 Soldaten an der Grenze der Ukraine aufmarschieren lassen. Nato und USA sehen eine Kriegsgefahr. Russland bestreitet das. Wie sehen Sie die Lage?

WALTER FEICHTINGER: Wenn ein Land über Tausende von Kilometern so viele Soldaten an die Grenze eines anderen Landes schickt und dort über Monate hinweg stationiert, dann ist das keine „normale Übung“. Das ist der Aufbau einer militärischen Drohkulisse – vorerst mit dem Ziel, den politischen Gesprächen Gewicht zu verleihen.

Der Westen und die Ukraine sehen Russland wegen des Aufmarsches als Aggressor. Moskau bezeichnet die Nato als Aggressor und kritisiert die Ost-Erweiterung und die Militärhilfe für Kiew.

Szenario 1: Cyberangriffe und Krieg der Worte

Russland setzt den Truppenaufmarsch fort. Es gab bereits Cyber-Angriffe auf Einrichtungen der Ukraine. „An dieser Schraube lässt sich beliebig drehen“, sagt Walter Feichtinger. Moskaus Cyberexperten wären in der Lage, einen Staat in hohem Maße lahmzulegen. Zusätzlich könnten Tumulte geschürt werden. „Und wir befinden uns bereits mitten im Propaganda-Krieg“, so der Experte. „Russland sagt: ,Wir wurden über den Tisch gezogen, der Westen ist schuld.´“ Mit all dem hält man Verhandlungsdruck aufrecht.
Wahrscheinlichkeit: hoch

Szenario 2: Invasion im Osten der Ukraine

Russland könnte massiv die separatistischen Kräfte im Donbass unterstützen, was das Kräfteverhältnis im Osten der Ukraine ändern würde. Sodann könnte Russland eine Invasion in größerem Maßstab durchführen. „Primär ist hier sicher der Donbass angedacht. Weiter im Süden der Ukraine könnte Russland versuchen, über die Stadt Mariupol eine Verbindung zur Krim zu schaffen“, so Feichtinger. Das wäre ein strategisch wichtiger Geländegewinn für Russland.
Wahrscheinlichkeit: derzeit mittel; bei einem Scheitern der Gespräche hoch.

Szenario 3: Durchmarsch bis Kiew

„Die Ukraine ist ein sehr, sehr großer Flächenstaat. Das ganze Land, bis nach Kiew, in Besitz zu nehmen, wäre auch für Russland mit den rund 100.000 Mann, die derzeit bereitstehen, nicht machbar – auch nicht mithilfe der Luftwaffe“, so Feichtinger. Einen sehr hohen Preis würde Russland dann als Besatzer zahlen: „Die ukrainischen Sicherheitskräfte und Paramilitärs, die schon im Donbass gekämpft haben, würden ja nicht einfach zusehen. Afghanistan wäre da noch eine leichte Übung gewesen.“
Wahrscheinlichkeit: sehr gering.

Szenario 4: Aktionen im Mittelmeer, Ostsee

Auf Seiten der Nato werden auch Szenarien durchgespielt, wonach Russland bei einem völligen Scheitern der Gespräche seine Präsenz im Mittelmeer, an der Ostsee und in der Arktis nutzen könnte. „Das ist denkbar, aber nicht realistisch“, sagt der Experte. Das würde über die Ukraine hinausgehen und wäre ein direkter Krieg gegen die Nato. „So ein großes Angriffsszenario kann Russland nur verlieren – und es ginge auch weit über das hinaus, was Russland derzeit in Europa im Kalkül hat.“
Wahrscheinlichkeit: gegen Null.

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