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Das Beste kommt zum Schluss

05.02.2022 • 23:45 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Lukas Mathies will es in Peking nochmal wissen. <span class="copyright">GEPA</span>
Lukas Mathies will es in Peking nochmal wissen. GEPA

Am Dienstag startet Lukas Mathies in Peking.


Lukas Mathies hat sehr gute Jahre hinter sich – und auch sehr schlechte. Im Winter 2013/14 war der drahtige Montafoner der beste Alpinboarder der Welt. Der damals 22-Jährige reiste als frisch gekürter Parallel-Gesamtweltcup-Sieger zu den Spielen nach Sotschi, wo seinerzeit neben dem Riesenslalom auch noch der mittlerweile aus dem Programm gestrichene Slalom ausgetragen wurde. Mathies galt im Slalom zumindest als Medaillenkandidat und war im Riesenslalom, seiner Paradedisziplin, nichts weniger als der Top-Favorit, stand er doch in vier der sechs Riesentorläufe der Saison auf dem Podest.

Eisig
Doch es kam alles ganz anders in Sotschi. Bei der Riesenslalom-Qualifikation am frühen Morgen des 19. Februars 2014 war die Piste bei frostigen Temperaturen spiegelglatt. Mathies kam mit den extrem eisigen Bedingungen nicht zurecht, und riskierte, wie er heute sagt, einfach auch viel zu viel. Gleich drei Mal stürzte der Saisondominator in seinem ersten Qualilauf, damit war das Finale der Top 16 für ihn nicht mehr zu schaffen. „Ich war viel zu leichtsinnig“, erinnert sich Mathies, „ich bin wie auf einer griffigen Piste gefahren“.

Dabei hätten ihm wohl zwei solide Läufe für die Finalqualifikation gereicht; bei diesem Finale, das um 13 Uhr stattfand, wären bei deutlich höheren Temperaturen die Bedingungen Mathies auf den Leib geschneidert gewesen. Drei Tage später wurde Mathies im Slalom Fünfter. „Ich blicke nicht im Groll zurück. Natürlich wäre es genial gewesen, wenn ich eine Medaille gewonnen hätte. Doch ein fünfter Platz bei Olympischen Spielen ist jetzt nicht so schlecht“, kommentiert der einstige Juniorenweltmeister lachend. Und wer Mathies kennt, der weiß, dass der Alpinboarder aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Das meint er schon so. Genauso offen gesteht er aber auch: „Unmittelbar nach den Spielen war ich schon mehr enttäuscht, als ich es heute bin, denn die Chance auf eine Medaille war groß. Aber so ist es eben, bei Olympia muss man am Tag X bereit sein.“

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Mathies will bei Olympia die rot-weiß-roten Farben hochhalten. GEPA

Lebenserfahrung

Mathies bezeichnet heute seine Erlebnisse in Sotschi als wertvolle Lebenserfahrung und schätzt die Geschehnisse unaufgeregt ein. „Es ist schon cool, mal in der Situation gewesen zu sein, vor den Spielen als Top-Favorit gehandelt zu werden. Diese Erfahrung machen nur ganz wenige. Auf der Piste ist es damals im Riesenslalom an meinem zu aggressivem Fahrstil gescheitert, aber der eigentliche und tiefere Grund war, dass ich dem Druck nicht gewachsen war.“
In Peking zählt Mathies nicht zu den Favoriten. Niemand erwartet eine Medaille von ihm. Denn nach Sotschi bekam seine Karriere einen Knick. In der Saison 2014/15 schaffte es Mathies im Weltcup immerhin noch drei Mal unter die Top Ten und wurde im Gesamtweltcup Zwölfter, auch seine WM mit den Plätzen sechs und zehn war noch vorzeigbar. Seinen eigenen Ansprüchen wurde er schon damit nicht gerecht, doch danach verlor der St. Gallenkircher vollends den Anschluss. Zwischen März 2015 und Dezember 2018 schaffte er es nur ein einziges Mal in die Top Ten, er verpasste sowohl die WM 2017 in der Sierra Nevada als auch 2018 die Spiele in Pyeongchang. „Es wurde von Jahr zu Jahr zäher“, erinnert sich Mathies, der sich, wie er sagt, nach seinem Gesamtweltcup-Sieg viel zu viel Druck gemacht hat. „Mir ist die Lockerheit verloren gegangen.“ Zudem hatte er massive Materialprobleme. Eine neue Bindungsplatte, die seinerzeit im Weltcup Einzug hielt, montierte er auf sein Siegerboard der Saison 2013/14, was ein Fehler war, wie er längst weiß.

Materialwechsel

Seine Platzierungen wurden von Winter zu Winter schlechter. Am Tiefpunkt im Winter 2016/17 schaffte er es serienweise nicht mal mehr in die Top-30. Einen Kopfsponsor hatte der zuvor so gefragte Raceboarder längt nicht mehr. „Ich habe weitergemacht, weil mir der Rennsport immer noch Spaß machte, die Motivation war immer da“, offenbart Mathies, der immer auf den Rückhalt seiner Freundin Melanie vertrauen konnte. Sie glaubte immer an ihn. „So hart diese Zeit für mich als Leistungssportler war, als Mensch habe ich mich in diesen Jahren gefunden. Ich habe bei Sola eine Lehre als Mechatroniker begonnen, die ich im November erfolgreich abgeschlossen habe.“
Als Mathies dann eben die Spiele in Pyeongchang verpasste, war dann jedoch endgültig klar, dass es mit dem Leistungssportler Lukas Mathies so nicht mehr weitergehen konnte.
Er wechselte die Brettmarke und sagt rückblickend: „Ich hätte das schon viel früher machen sollen.“ Denn siehe da, jetzt startete der Mechatroniker neu durch. Endlich konnte er an seine Erfolge aus den Anfangsjahren seiner Karriere anschließen. Der Wintersportler brauste im Weltcup auf die Plätze sieben, vier, zwei – und feierte schließlich beim Weltcupfinale in Winterberg am 23. März 2019 seinen zweiten Sieg im Weltcup

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Nach einer langen Durststrecke hatte Mathies im Jahr 2019 wieder Erfolge zu bejubeln. Hier feiert er seinen sechsten Platz bei der Weltmeisterschaft in Park City. GEPA

Rücktritt
Bei der WM 2019 in Park City wurde er wie bei den Titelkämpfen 2021 in Rogla Sechster im Riesenslalom. Vergangenen Sommer traf Mathies dann eine Grundsatzentscheidung: „Ich habe beschlossen, dass ich in eine letzte Saison gehe und dann 2022 aufhöre. Dieser Schritt fühlt sich richtig an, auch wenn mir viele raten, dass ich bis zur WM 2023 weiterfahren soll. Aber ich will nicht mehr“, kündigt er seinen Rücktritt erstmals öffentlich an, was ein spürbar großer und befreiender Moment für ihn ist. Denn jetzt hat er öffentlich ausgesprochen, was bislang nur sein engster Kreis wusste. Mathies stockt nach dieser Ankündigung für einige Sekunden, schickt dann aber hinterher: „Diese Entscheidung ist in Stein gemeißelt. Egal, was bei den Spielen passiert.“ Und obwohl Mathies in Peking eben nicht zu den Favoriten gehört – völlig chancenlos ist der 30-Jährige nicht.

Schlussakkord

Der frühere Gesamtweltcupsieger hat sich mit den Plätzen 13, 4 und 8 souverän für die Spiele qualifiziert, nachdem er zu Saisonbeginn wegen Corona fehlte. Die Form stimmt, die Podestplätze sind für den St. Gallenkircher sehr wohl in Reichweite. „Es wäre ein Märchen, wenn ich die verpasste Olympiamedaille von Sotschi in Peking nachholen würde und ich glaube auch, dass alles passieren kann. Ich werde einfach locker drauflosfahren, beweisen muss ich ja niemanden mehr was. Denn wie die Sache auch ausgeht, wenn ich aus Peking heimkomme, steht bei mir die Weltcupkugel in der Vitrine, die kann mir keiner mehr nehmen.“
Ja, der Leistungssportler Lukas Mathies hat sehr gute Jahre hinter sich – und auch sehr schlechte. Und wer weiß, vielleicht gelingt ihm beim Schlussakkord seiner Karriere am Dienstag tatsächlich noch ein Paukenschlag. Es würde irgendwie zum Werdegang des drahtigen Boarders passen. Andernfalls wird Mathies dem Rennsport im März eben leise Servus sagen. Seine Welt würde davon nicht untergehen. Denn der Mann hat seinen Platz im Leben abseits vom Sport längst gefunden.

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