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Lawinenwarnstufe 3 bringt die meisten Unfälle

05.02.2022 • 20:34 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Verbreitete Lawinengefahr hält die Einsatzkräfte der Bergrettung Vorarlberg auf Trab. <span class="copyright">Bergrettung Vorarlberg</span>
Verbreitete Lawinengefahr hält die Einsatzkräfte der Bergrettung Vorarlberg auf Trab. Bergrettung Vorarlberg

Verbreitete Lawinengefahr hält die Einsatzkräfte der Bergrettung Vorarlberg auf Trab.

Die Lawinensituation in den Nordalpen ist seit Beginn der Woche äußerst angespannt. Viel Neuschnee und starker Wind waren die Baumeister für die bedrohliche Situation. In Vorarlberg sind diese Woche gleich mehrere Schneebretter abgegangen. Dabei waren die Skigebiete Sonnenkopf, Golm sowie Silvretta Montafon, Lech-Zürs, Damüls und Warth-Schröcken betroffen. Im Gebiet Albona bei Klösterle wurde ein 43-Jähriger von einem Schneebrett mitgerissen und getötet. Seit Freitag sind damit innerhalb von 24 Stunden in Westösterreich neun Menschen durch Lawinen ums Leben gekommen.

„Jeder Lawinenabgang ist einer zu viel“, meint Klaus Drexel, Sprecher der Bergrettung Vorarlberg. In prekären Phasen wie diese Woche sind die Einsatzkräfte der Hilfsorganisation besonders gefordert. Ab Lawinenwarnstufe drei ist am Stützupunkt des Polizeihubschraubers Libelle in Hohenems permanent ein Hundeführer samt Vierbeiner stationiert. „Bei einem Einsatz sind sie sofort parat und müssen nicht noch irgendwo abgeholt werden“, erläutert Drexel.
Steigt die Lawinenwarnstufe weiter an, werden sämtliche Ortsstellen in Bereitschaft versetzt. Material und Ausrüstung sind gepackt, und jeder ist angehalten, sich in der Nähe vom Depot aufzuhalten, da jederzeit etwas passieren könnte.

Große und spontan abgehende Lawinen

Lawinenwarnstufe 5 ist die höchste auf der Skala. In dieser Situation werden sehr große und spontane abgehende Lawinen erwartet. Es könnte dann auch Straßenabschnitte, Ortschaften oder ganze Talschaften betroffen sein. Spätestens dann wird auch das Bundesheer alarmiert, um zu unterstützen. Sicherheitslandesrat Christian Gantner hat das bereits am Donnerstag veranlasst.

Die aktuelle Situation stuft Drexel als heikel ein. „Wenn die Lawinenwarnstufe auf drei sinkt, wird es kritisch. Denn das ist die Warnstufe, welche die meisten Unfälle mit sich bringt“, sagt er. Der Grund: Immer wieder wird die Einstufung fälschlicherweise mit Schulnoten verglichen. Drei schätzen demnach viele als „akzeptabel“ ein. Dabei besteht eine erhebliche Gefahr, da ­Lawinen bereits in diesem Stadium leicht ausgelöst werden können.

Klaus Drexel
Klaus Drexel

Risikoschwelle

„Bei vielen ist der Reiz, die erste Spur im Tiefschneehang zu ziehen größer als die Vernunft. Und jeder Mensch hat eine andere Risikoschwelle“, weiß Drexel aus Erfahrung.
Er mahnt, dass bei entsprechender Lawinenlage manche Hänge schlichtweg tabu sind. Wintersportler sollten sich stets bewusst sein, dass sie nicht nur sich selbst einem Risiko aussetzen, sondern auch die nachrückende Einsatzmannschaft. Natürlich entscheiden die Einsatzkräfte vor Ort, ob sie das Risiko eingehen und sich in den Hang begeben. Der Eigenschutz steht an erster Stelle. „Aber schließlich will man ja helfen, wo es nur geht“, sagt der Bergretter.

Auch bei Lawinenabgängen, bei denen es definitiv keine Verschütteten gibt, soll der Verursacher übrigens die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle (RFL) anrufen und das Ereignis melden. „Denn vielleicht wurde der Abgang beobachtet und dann eine weitreichende Rettungskette in Gang gesetzt“, informiert Drexel.

Rat zum Kurs

Ein immer beliebterer Wintersport ist das Skitourengehen. Mit Beginn der Pandemie hat der Wintersport noch einmal mehr Anhänger bekommen. Erfahrung in den Bergen und Lawinenkunde sind dabei Pflicht. Drexel empfiehlt wärmstens, einen dementsprechenden Kurs – etwa über „Sicheres Vorarlberg“ – zu besuchen. Solche werden regelmäßig für Skitourengeher und Freerider initiiert. Auch die Bergrettung ist dort unterstützend dabei. Ziel ist es, Wintersportler mit alpinen Gefahren im Gelände vertraut zu machen, den Umgang mit der Notfallausrüstung zu schulen und so das Risiko einer Lawinenverschüttung zu minimieren. Die Nachfrage ist groß, alle bisherigen Kurse in dieser Saison ausgebucht. Und dennoch ist laut Drexel immer wieder zu beobachten, dass Menschen mit mangelnder Notfallausrüstung unterwegs sind. „Und das über Leben oder Tod entscheidet.“

Hubschrauber rund um die Uhr

Trotz der Häufung an Lawinen­ereignissen gab es in der bisherigen Saison 2021/2022 erst wenige, heißt es vonseiten des Lawinenwarndienstes in der Landeswarnzentrale. Trotzdem verläuft die Wintersaison für die Bergrettung im Vergleich zum Vorjahr wieder einsatzintensiver, durch stärkeren Betrieb in den Skigebieten. Gäste dürfen wieder ins Land, das macht sich bemerkbar. Brüche, Schnittwunden durch Skikanten, das sind die „klassischen“ Verletzungen bei Pistenunfällen, die häufig von der Bergrettung abgewickelt werden. Bei Schönwetter sind die Hubschrauber quasi rund um die Uhr im Einsatz, berichtet Drexel.

Verhalten im Notfall

Klassische Einsätze der Bergrettung sind, Personen (aber auch Tiere), die in eine alpine Notlage geraten sind, zu retten. Und das saisonunabhängig. Dazu kommen auch Sucheinsätze, Unterstützung der anderen Rettungsorganisationen, Rettungsdienste in Skigebieten oder etwa bei Rodelrennen.
Wer in eine solche alpine Notlage gerät, sollte generell die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle (RFL) kontaktieren – die Notrufnummer ist die 144. Dort werden sämtliche Einsätze an die erforderlichen Rettungsorganisationen weitergeleitet. Es gibt auch sogenannte Notrufsäulen, vor allem auf Berghütten. Durch diese wird eine direkte Verbindung zur RFL hergestellt. Natürlich eignet sich für den Notruf am besten ein Telefon (Handy). Wichtig ist, dass der Notrufer bestenfalls erreichbar bleibt.
Wer keinen Empfang hat, sollte das Handy ausschalten und statt dem PIN den Euro-Notruf 112 wählen. Und noch weitere Tipps hat Drexel: „Wenn ich alleine verunfalle, keinen Empfang habe und keinen Notruf absetzen kann, versuchen, durch Zeichen – etwa Lichtsignale in der Nacht mit der Handytaschenlampe – oder rufen auf mich aufmerksam zu machen. Die meisten Rucksäcke haben auch eine Notfallpfeife an den Riemen.“
Der vorsätzliche Missbrauch des Notruf ist, nebenbei erwähnt, strafbar. Doch Drexel sagt, es sei besser, einmal mehr zu alarmieren als einmal zu wenig.

Eine Holschuld

Drexel ist selbst gerne mit den Tourenski unterwegs. Mit dabei hat er immer die Notfallausrüstung (Lawinenverschüttetensuchgerät, Schaufel, Sonde, Erste-Hilfe-Set, Biwaksack) und sein Handy. Für das Tourengehen lautet außerdem die Grundregel: niemals alleine losgehen. „Natürlich beachte ich auch den aktuellen Lawinenlagebericht und bereite mich auf meine Tour vor“, sagt er.
Es gibt die permanente Möglichkeit, sich auf der Webseite des Lawinenwarndienstes über die aktuelle Situation zu informieren (siehe auch links). Auch darüber, wo die Gefahrenstellen sind. „Man muss es natürlich auch tun“, formuliert es Drexel.
Die Lawinengefahr geht vorerst nur langsam zurück, lautet die aktuelle Prognose. Für Sonntagnacht und Montag sind starke Schneefälle und orkanartige Böen vorausgesagt. Dadurch wird die Lawinengefahr Anfang der Woche wieder ansteigen.

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