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Ein Blatt Papier als „Spiegel der Seele“

09.02.2022 • 22:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Frank Schulze, Elisabeth Sobotka, Wolfgang Urstadt und Susanna Boehm (v.l.).     <span class="copyright">Hartinger</span>
Frank Schulze, Elisabeth Sobotka, Wolfgang Urstadt und Susanna Boehm (v.l.). Hartinger

Die Bregenzer Festspiele gaben gestern erste Einblicke in das Bühnenbild für „Madame Butterfly“.

Einige wenige Kilometer von der Seebühne entfernt, in einer Produktionshalle in Lauterach, wurden am Mittwoch die ersten Kulissenteile des neuen Seebühnenbildes der Bregenzer Festspiele präsentiert.

„Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini steht bekanntlich heuer und im nächs­ten Jahr auf dem Programm. Die übergroßen weißen Teile aus Stahl, Styropor, Holz und Fassadenputz, die zu sehen waren, werden letztlich ein rund 300 Tonnen schweres Blatt Papier mit einer Fläche von 1340 Quadratmetern ergeben. Zusammengesetzt wird es aus 117 Einzelteilen, und es werde ein wesentliches Element des Bühnenbildes von Michael Levine sein, hieß es.

Widerspruch

Die Entscheidung für diesen Entwurf liege schon drei, vier Jahre zurück, erzählte Festspiel­intendantin Elisabeth Sobotka und „ich glaube, wir sind auf einem unglaublich guten Weg“. Die Seebühne arbeite damit, dass sie eine Setzung im See mache, die über Vergrößerung funktioniert, erklärte die Intendantin. Es gehe nicht um Realität, sondern darum, in der Naturkulisse eine Künstlichkeit und Leichtigkeit zu erzeugen. Das Blatt Papier sei ein zerbrechliches Element, das in Wirklichkeit nicht zerbrechen darf. „Diesen Widerspruch brauchen wir für die Seebühne.“

Blick auf die Kulissenteile.    <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Blick auf die Kulissenteile. Klaus Hartinger

Mit dem Aufbau sind die Festspiele derzeit voll im Zeitplan, informierte Technikdirektor Wolfgang Urstadt. Die Herausforderung sei, mit diesem schwebenden Papier eine Leichtigkeit zu erzeugen und es zugleich so zu bauen, dass es in jeder Situation funktioniert. Die Einzelteile, die derzeit in drei Hallen gefertigt werden, werden in der Folge auf Lkw geladen und teils als Sondertransporte nach Bregenz gebracht, wo sie auf der Bühne auch mithilfe eines Krans zusammengebaut werden. „Es ist ein großes Puzzlespiel mit vielen kleinen Teilen“, so Urstadt.

Geschichte auf Papier

Ausstattungsleiterin Susanna Boehm beschrieb zunächst mal ihren Job („Macht alles, was danach schön aussieht“) und erzählte dann, dass das Bühnenmodell in 3D erfasst und dann mit einer VR-Brille begangen wurde. Allerdings gebe es da Grenzen: Für die letzten Details sei die bildhauerische Hand notwendig. Letztlich werde „die Geschichte auf dem Papier transportiert“, erklärte sie.

So schaut die Seebühne derzeit aus.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
So schaut die Seebühne derzeit aus. Klaus Hartinger

Der Berliner Kascheur und Bildhauer Frank Schulze, der seit vielen Jahren für die Bregenzer Festspiele arbeitet, ist für die Fertigstellung zuständig. Im Gegensatz zu einem Puzzle könne man hier nicht rumprobieren, meinte er. Vielmehr baue man auf der Vorarbeit auf. Die Herausforderung bei seiner Arbeit liege im speziellen Fall darin, dass im Papierbild 47 Lautprecher verbaut werden müssen.

Dazu kommt, dass die Dinge auch aus der Entfernung gut auschauen müssen. Neben seiner Erfahrung ist Schulze daher auch noch viel am „Spazieren“: „Du gehst immer wieder zurück, auf die Tribüne, und schaust, wie es aus der Distanz ausschaut“, schilderte er seinen Arbeitsablauf.

Noch wird an den Teilen gearbeitet.     <span class="copyright">APA/ELISABETH GUT</span>
Noch wird an den Teilen gearbeitet. APA/ELISABETH GUT

Spannend für alle sei derzeit, wie alles auf der Seebühne zusammenwächst, meinte Sobotka. Als Herausforderung bezeichnete sie, dass das Bühnenbild für die Vorstellungen funktioniert und nicht nur als Skulptur am See. Die neue Produktion werde ganz anders als „Rigoletto“, erklärte sie. Bei „Madame Butterfly“ gehe es um Emotionen, Puccini habe hauptsächlich Emotionen komponiert. Dafür habe man eine wunderbare Übersetzung gefunden mit einem „Blatt als Spiegel der Seele“.

Vorarlberger Firmen

Noch ist das Papierblatt aber nicht fertig. Auf der Seebühne müsse dann noch verspachtelt, verputzt und bemalt werden, lieferte Urstadt einen Ausblick. Insgesamt sind an der Umsetzung größtenteils Vorarlberger Firmen beteiligt. Bis zur Fertigstellung gebe es aber viele arbeitsintensive Schritte, die noch zu machen sind, erklärte der Technikdirektor, wobei man auch auf gutes Wetter angewiesen sei. Bis Juni soll es dann fertig sein.

Was die Beständigkeit über zwei Jahre betrifft, habe man eine Reihe an Tests gemacht, erzählte Boehm. Im besten Fall schaue das Papierblatt im zweiten Jahr besser aus als im ersten, weil eine natürliche Patina dazukomme.

Festspielintendantin Elisabeth Sobotka.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Festspielintendantin Elisabeth Sobotka. Klaus Hartinger

Das ganze Blatt werde nicht bespielbar sein, sagte Sobotka, die genauen Grenzen werde man dann im Probenprozess ausloten. Zu „Madame Butterfly“, die erstmals auf der Seebühne gespielt­ wird, sagte Sobotka, dass es eines der Stücke sei, die aufgrund ihrer Heldin am unmittelbarsten Gefühle auslösen können. Puccini beschreibe hier Emotionen, aber auch den hoffnungsvollen Blick in die Weite. Das sei geradezu prädes­tiniert für den See.

Kammerstück

Die Oper sei ja ein Kammerstück, aber „auf der Seebühne funktioniert die Spannung zwischen einzelnen Personen und nicht Massen“, ist die Intendantin überzeugt. Überraschungen werde es auch geben, informierte sie, die würden aber nicht in der Beweglichkeit des Bühnenbildes liegen, wie es bei anderen Produktionen manchmal der Fall war.

In fast genau fünf Monaten findet die Klavierhauptprobe für „Madame Butterfly“ statt: Das ist dann das erste Mal, dass „alle Zutaten an einem Ort versammelt sind“. Premiere ist am 20 Juli. Rund die Hälfte der für 26 Aufführungen aufgelegten 189.000 Karten sind gebucht.