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„Derzeit spitzt es sich beim Impfen zu“

12.02.2022 • 22:57 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ist seit 2018 Geschäftsführer der koje: Thomas Dietrich.                                <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Ist seit 2018 Geschäftsführer der koje: Thomas Dietrich. Klaus Hartinger

Thomas Dietrich (32), Geschäftsführer der koje, spricht über Jugendliche und die Pandemie.

Sind Jugendliche die am meisten von der Pandemie betroffene Altersklasse?
Thomas Dietrich: Jugendliche sind durch die Pandemie schwer beeinflusst. Ob das jetzt mehr als bei Erwachsenen oder Kindern ist, soll nicht die Frage für die Jugendarbeit sein. Ich möchte keinen Wettbewerb daraus machen, wen es am schlimmsten erwischt hat.

Wie schwierig waren die letzten zwei Jahre für Jugendliche?
Dietrich: Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass die Pandemie große Auswirkungen auf Jugendliche gehabt hat, dass psychische Leiden mehr geworden sind. Jugendliche sind aber nicht homogen. Manche haben besser mit der Situation umgehen können, manche weniger gut. Letztlich ist aber sicher die soziale Schere weiter auseinandergegangen. Jugendliche, die von zu Hause aus nicht so viele Ressourcen hatten, sind auf jeden Fall noch einmal härter getroffen worden.

Was heißt das konkret?
Dietrich: Wenn man nicht in die Schule kann, nicht vielerorts eingebunden ist und die materielle Ausstattung fehlt, dann hängt noch mehr von der Familie ab. Wenn da die Voraussetzungen nicht gegeben sind, spürt man das umso mehr. Zuvor konnte man zumindest hinaus, ins Jugendhaus, in die Schule, und jetzt hat das alles zu Hause stattgefunden, und Freunde konnte man auch oft nur privat treffen. Dann wird es umso gewichtiger, wenn es zu Hause nicht so viel gibt und kein Platz da ist.

"Die soziale Schere ist weiter auseinander gegangen."       <span class="copyright">Hartinger</span>
"Die soziale Schere ist weiter auseinander gegangen." Hartinger

Wie waren Jugendliche noch besonders betroffen?
Dietrich: Es gab vielfältige Auswirkungen. Bildung und Beruf sind in der Jugendphase oft entscheidende Lebensumbrüche, die man gestalten muss. Beim Übergang Schule-Beruf gab es Auswirkungen und natürlich im Sozialleben. In der Jugend ist die Gruppe der Gleichaltrigen entscheidend. Es ist der Übergang von der Kindheit in das mündige Erwachsenenalter, und da ist die Peergroup wichtig, dass ich mich mit Freunden treffen kann. Kontakteinschränkungen sind da besonders dramatisch. Was sich aktuell wieder zeigt: Jugendliche haben oft die Rechte und Möglichkeiten von Kindern, aber Pflichten und Erwartungen von Erwachsenen.

Das heißt?
Dietrich: Das heißt, sie sollten sich erwachsen verhalten, arbeiten, lernen, vernünftig sein. Gleichzeitig dürfen sie vieles nicht selber entscheiden. Derzeit etwa beim Impfen, da spitzt es sich zu. Sie sollten alle Regeln und Maßnahmen einhalten, aber wenn die Eltern sagen, du darf dich nicht impfen lassen, dann haben sie ein Problem. Das hören wir von vielen Jugendlichen. Sie möchten für sich selbst entscheiden, und dann sagt man aber zu Hause, du darfst jenes nicht oder du sollst dieses.

Rechtlich ist es möglich, dass Jugendliche ab 14 Jahren selbst über die Impfung entscheiden.
Dietrich: Das stimmt schon, aber sie sind noch immer im Elternhaus und in einem Abhängigkeitsverhältnis. Dann kann es unter Umständen sogar auch so sein, dass Jugendliche sich ­heimlich impfen lassen und die Eltern es ja nicht erfahren dürfen.

Mit solchen Fällen sind Sie konfrontiert?
Dietrich: Ja, wobei für uns ganz wichtig ist, dass wir da keine Partei ergreifen. Die Entscheidung soll bei den Jugendlichen liegen. Die Offene Jugendarbeit möchte dazu einen Raum bieten für Gespräche und Informationen. Das zieht sich aber durch die ganze Pandemie. Die vielen Konfliktsituationen, die oft durch Erwachsene hervorgerufen sind, aber bei den Jugendlichen ankommen, führen zu Gesprächsbedarf. Und das kann oft der Jugendtreff mit seinem niederschwelligen Gesprächsangebot bieten. Das ist jetzt gerade beim Impfen der Fall, davor war es bei Ausgangsbeschränkungen, Tests oder anderen Sorgen.

Zur Person

Thomas Dietrich

Geboren am 17. September 1989 in Feldkirch, aufgewachsen in Bludesch.

Ein Jahr lang Tauchlehrer in der Karibik, Thailand und Ägypten.

Studium Sozialarbeit in Innsbruck. Leiter eines Jugendhauses in Innsbruck.

Seit 2018 Geschäftsführer koje (Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung).

Ist die teils aufgeheizte Impfdebatte eigentlich auch zwischen den Jugendlichen ein Thema?
Dietrich: Uns fällt auf, dass diese Spaltung, die man dabei merkt, oft von Erwachsenen gemacht ist. Jugendliche sind da oft in der Rolle von „Endkonsumenten“. Sie sind nicht die, die das betreiben, die Verschwörungstheorien verbreiten oder bei Demos randalieren. Sie holen sich ihre Infos aus Social Media und sind dann oft schnell in einer Algorithmus-Bubble gefangen. Sie stehen also oft erst am Ende der Debatte. Untereinander sind sie aber gar nicht so die engagierten Treiber des Themas.

Ist die häufig beklagte Spaltung der Gesellschaft bei Jugendlichen somit nicht so sichtbar?
Dietrich: Laut den Rückmeldungen, die ich von den Jugendeinrichtungen bekomme, nicht. Da geht es um andere Themen: Freunde treffen, was ausprobieren, Schule, Beruf. Das sind die Fragen. Uns als Offene Jugendarbeit ist die schwierige Situation, in der sich Jugendliche in dieser Pandemie befinden, bewusst. Aber jammern hilft nichts. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Was können wir für die Jugendlichen tun? Wie können wir Begegnungsräume bieten, wie können wir ein brauchbares Angebot schaffen?

"Jammern hilft nichts."      <span class="copyright">Hartinger</span>
"Jammern hilft nichts." Hartinger

Wie hat sich die Pandemie auf die Jugendarbeit ausgewirkt?
Dietrich: Prinzipiell steht die Offene Jugendarbeit für Freiräume und Begegnungsräume. Einschränkende Maßnahmen und Kontaktbeschränkungen widersprechen dem natürlich. In der ersten Phase war die Pandemie aber auch ein Innovationsturbo.

Inwiefern?
Dietrich: Unsere Angebote richten sich nach den Jugendlichen. Das heißt, wir haben sehr schnell digitale Angebote geschaffen. Da war der Zwang und der Bedarf da, Neues zu entwickeln. Es gibt Jugendarbeiter, die sagen, alles ist digital lösbar, und solche, die sich dem Digitalen komplett verweigern. Da gab es auf einmal einen Realitätscheck. Vieles geht digital, aber es gibt auch Grenzen. Im Laufe der Pandemie hatten wir dann das Glück, dass es öfters Ausnahmebedingungen für die Offene Jugendarbeit gab, sodass man zumindest in Kleingruppen arbeiten konnte. Das hat geholfen, das zu kompensieren, was digital nicht so gut geht, nämlich Beziehung.

"Wir haben schnell digitale Angebote geschaffen."    <span class="copyright">Hartinger</span>
"Wir haben schnell digitale Angebote geschaffen." Hartinger

Gab es in diesen zwei Jahren mehr oder weniger Zulauf zu den Jugendeinrichtungen?
Dietrich: Gerade in der ersten Phase haben wir mit den neuen Angeboten neue Jugendliche dazugewonnen. Ein paar wenige haben wir aber auch verloren. Derzeit ist es so, dass viele aufgrund der Belastungen eher zurückgezogen leben. Daher schauen wir in diesem Jahr, wie man wieder Jugendkultur, Jugendräume schaffen kann. Wir müssen schauen, die Jugendlichen aus diesem zurückgezogenen Leben rauszuholen, um in ihnen wieder Lebensfreude und -energie zu bringen.

Wie machen Sie das?
Dietrich: Indem wir uns wieder auf den Kern der Offenen Jugendarbeit fokussieren. Unverzweckte Räume, unverzweckte Möglichkeiten für Jugendliche schaffen, wo sie gestalten und sich einbringen können. Allerdings bräuchte es bei den derzeitigen Konflikten auch Entlastung für die Erwachsenen, für die Eltern, weil sich deren Probleme auf die Jugendlichen auswirken. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Die sind gerade einfach auch oft mehrfach belastet.

Gibt es eine „Generation Corona“?
Dietrich: Das ist eine Frage der Haltung. Wenn die Erwachsenen den Jugendlichen einreden, ihr seid eine „Generation Corona“, dann wird das wohl so sein. Dabei glaube ich, wir könnten sehr viel von den Jugendlichen lernen, weil sie sich immer neu erfinden müssen. Das ist ihr großes Potenzial. Dieser Abgleich von alten Werten und neuen Ideen. Wenn man Jugendlichen die Möglichkeiten schafft, werden die das Beste daraus machen. Dann ist das keine verlorene Generation. Man darf nur nicht vergessen, dass Jugendliche auch legitime Interessen haben, und die muss man ernst nehmen.

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