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Last Minute – eine ernstzunehmende Überlebensstrategie

13.02.2022 • 14:28 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ich philosophiere gerne. Ganz oft auch über die Dinge des alltäglichen Lebens und somit auch sehr häufig über mich und meine Verhaltensauffälligkeiten. Ich hinterfrage, warum ich so bin, wie ich bin, und nachdem man nicht die ganze Verantwortung für die eigenen Charaktereigenschaften seinen Eltern unterjubeln kann, muss ich für die eigenen Unzulänglichkeiten eine andere Ausrede finden. Die Natur zum Beispiel. Über die lässt sich einiges praktisch herleiten.
Aufgrund bestimmter Anlässe frage ich mich derzeit nämlich gerade, warum ich denn immer alles – und zwar wirklich alles – im letzten Moment erledigen muss. Wäsche, Abgabetermine, Kochen und der Gang auf das WC. Alles wird hinausgezögert bis zum letztmöglichen Zeitpunkt. Bekomme ich einen Auftrag ohne Deadline, kann man davon ausgehen, dass nix passiert bis ins Jahr 2082. Aber zurück zur Fragestellung. Warum bin ich eine, die erst in die Gänge kommt, wenn’s kurz vor knapp ist?

Ich glaube, dass die Ursachen diesbezüglich in der Natur unserer Vorfahren und frühen Homo sapiens liegt. Ich gehe mit meinem bescheidenen wissenschaftlichen Verständnis davon aus, dass es zwecks Überlebensstrategie der Menschenart verschieden ausgeprägte Persönlichkeiten gab. Es gab jene, die, sobald die Nahrung nur zum Teil verbraucht war, sofort ihre Steine und Hölzer nahmen und auf die Jagd gingen. Das waren jene, die viel Zeit und lange Pirschgänge brauchten, damit sie erfolgreich waren. Das konnte dauern, bis die Jäger mit einem halben Mammut zurückkamen. Währenddessen blieb der andere Teil in der Höhle, sorgte für Feuer und stärkte sich. Denn die waren das überlebenswichtige Backup. Geschah der ersten Jäger-Kompanie etwas, kam sie aufs Äußerste minimiert, vom Säbelzahntiger angebissen und erfolglos zurück, musste die zweite Kompanie raus. Jene Gruppe, die gekonnt in letzter Sekunde und in rasender Geschwindigkeit eine Jagd erfolgreich zu Ende brachte. Das gelang ihnen aber nur, wenn sie den Hungertod im Nacken spürten. In der Zwischenzeit konnte sich die geschlagene Gruppe der Bedachten wieder erholen. Somit: Wären wir noch in der Steinzeit, ich wüsste, wo mein Platz wäre, und keiner hätte mich entrüstet gefragt, warum ich denn alles immer „last minute“ mache. Ich kann nicht anders, mein Steinzeitkörper ist noch geprägt auf Arterhaltung. Nachdem es keine Mammuts mehr gibt, kompensiert er diese Strategie. Und jetzt gehe ich schnell einkaufen. Das Geschäft macht in fünf Minuten zu.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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