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Wie repräsentativ ist Gewesslers Klimarat?

13.02.2022 • 14:50 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
++ HANDOUT ++ ERSTES TREFFEN DES KLIMARATES DER BUeRGER MIT BP VAN DER BELLEN UND UMWELTMINISTERIN GEWESSLER
++ HANDOUT ++ ERSTES TREFFEN DES KLIMARATES DER BUeRGER MIT BP VAN DER BELLEN UND UMWELTMINISTERIN GEWESSLER APA/KLIMARAT/KARO PERNEGGER

Methode der Auswahl läuft Gefahr, Engagierte und Empörte anzuziehen.

“Eine Art Mini-Österreich” soll er sein: der Ende Jänner gestartete “Klimarat“, ein Kongress rund hundert zufällig ausgewählter Österreicherinnen und Österreicher, der in den kommenden Monaten Vorschläge an die Politik erarbeiten soll, wie die Republik die Klimakrise angehen sollte.

“Der Klimarat spiegelt die österreichische Bevölkerung wider, was die Merkmale Alter, Geschlecht, Bildung, Wohnort und Einkommen betrifft”, so heißt es auf der Website des auf Initiative der Grünen bzw. von Klimaministerin Leonore Gewessler eingerichteten Gremiums.

Daran melden nun aber einige Zweifel an: In einem Gastkommentar im “Standard” schreibt Europarechtsexperte Stefan Brocza – er fürchtet offenbar den Einfluss “100 nicht gewählter und niemandem verantwortlicher Personen hinter mehr oder weniger verschlossenen Türen” –, die Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Klimarats sei “nach Auswertung eines Fragebogens zur persönlichen Einstellung zu dem Thema” erfolgt, womit das Gremium “nicht mehr repräsentativ für die Gesamtbevölkerung” sei.

Ein schwerer Vorwurf, den Brocza da erhebt. Was ist wirklich dran?

1. 2003 Menschen, oder: das echte “kleine Österreich”

Eine schnelle Anfrage der Kleinen Zeitung in Gewesslers Büro führt weiter zur Statistik Austria. Die Bundesanstalt hat im Auftrag des Klimaministeriums die Auswahl der Klimarat-Mitglieder abgewickelt. Und gibt bereitwillig Auskunft darüber, wie das abgelaufen ist: In zwei Durchgängen hat man zufällig 2003 aus einer Grundmenge von rund sieben Millionen Personen ausgelost – diese umfasste alle Menschen zwischen 16 und 84 Jahren in Österreich, ausgenommen Fremde, die sich seit weniger als fünf Jahren im Land aufhalten.

Die Auslosung dieser 2003 Menschen erfolgte so, dass ihre Zusammensetzung am Ende nach folgenden sieben Kriterien jener der Gesamtbevölkerung entspricht:

Sprich: Diese 2003 ausgelosten Personen entsprachen im Wesentlichen dem Kriterium “ein kleines Österreich” – mit Ausnahme von Kindern und sehr alten Menschen sollten darin alle Bevölkerungsgruppen nach den genannten Kriterien enthalten sein.

Zwei Anpassungen hat die Statistik Austria aber vorgenommen: Erstens hat sie Menschen des niedrigsten Bildungsgrades (Pflichtschulabschluss oder niedriger) etwas überrepräsentiert, weil diese tendenziell seltener an Befragungen teilnehmen. Und zweitens kommen die beiden Durchgänge ins Spiel, aber dazu gleich mehr.

2. Die Frage: Wollen Sie Klimarat werden?

Diese 2003 Menschen wurden im Herbst per Brief (und in der Folge Erinnerungsbrief und Anruf) über ihre Wahl informiert und aufgefordert, einen Fragebogen im Internet auszufüllen bzw. ihn per Telefonbefragung ausfüllen zu lassen. In den 20 Fragen wurde unter anderem die Bereitschaft abgefragt, am Klimarat (sechs Präsenzveranstaltungen an Wochenenden) teilzunehmen und ob sie bereit sind, sich dort an die geltenden Coronaregeln zu halten.

Es wurde aber auch die Zustimmung zu drei klimapolitischen Fragen in diesem Fragebogen (den die Statistik Austria der Kleinen Zeitung übermittelt hat) abgefragt:

Weil die Teilnahme am Klimarat nicht verpflichtend war – im Gegensatz zum Beispiel an Schöffengerichten oder Mikrozensus-Befragungen –, hat die Statistik Austria schon damit gerechnet, relativ wenige Antworten zu erhalten, deswegen die Einladung auf zwei Durchgänge. Anhand des Rücklaufs aus dem ersten Durchgang (1003 Personen, an die die Briefe am 14. September verschickt wurden) haben die Statistiker die Stichprobe für den zweiten Durchgang korrigiert – die 1000 Briefe am 5. Oktober gingen vermehrt an Menschen aus Gruppen, die auf die Aufforderung in der ersten Stichprobe nicht geantwortet hatten.

3. Die Auserwählten

Nach diesem Prozess – Stichprobenauswahl anhand der sieben Merkmale und Fragebogen – blieben von diesen 2003 repräsentativ ausgewählten Personen gerade einmal 145 Menschen über, die den Fragebogen vollständig ausgefüllt hatten und sich damit bereit erklärten, am Klimarat teilzunehmen. Sie alle – unabhängig davon, welche Antworten sie (etwa auf die “klimapolitischen” Fragen) gegeben hatten – bekamen ein Formular zugeschickt, mit dem sie schriftlich ihre Teilnahme am Klimarat erklären sollten. 128 Menschen schickten diese Einverständniserklärung zurück.

Aus diesen 128 wählte die Statistik Austria dann – möglichst repräsentativ – die 100 Klimarat-Mitglieder aus. Die übrigen wurden als “Reserve” in Evidenz gehalten. Erst an diesem Punkt des Prozesses übermittelte die Anstalt dem Klimaministerium die Daten der Auserwählten, das sie zum ersten Sitzungstermin, planmäßig das letzte Novemberwochenende, einlud.

4. Ausfall der Ungeimpften

Nur kam auch hier Covid dazwischen. Des Lockdowns wegen wurde der Termin am 27./28. November abgesagt, ein neuer für 15./16. Jänner angesetzt. Und in diesem Zeitraum gingen noch einmal 30 Klimarat-Mitglieder verloren.

Manche hatten aus privaten oder beruflichen Gründen abgesagt, so die Statistik Austria – ein großer Grund für die Absagen sei aber Corona gewesen. Manche wollten sich mitten in der Omikron-Welle nicht einer Präsenzveranstaltung aussetzen – aber mit der Verschärfung der Veranstaltungsregeln von 3G auf 2G wurden jene potenziellen Klimaräte ausgeschlossen, die weder geimpft noch genesen waren.

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An sich wäre der Mechanismus für solche Ausfälle gewesen, dass die Statistik Austria für jeden Ausfall einen passenden Kandidaten aus der Reserve nachnominiert. Weil aber von 128 Menschen 30 absagten, blieben am Ende nur 98 Teilnehmer übrig – weniger als die angepeilten 100, weswegen alle, die noch bereit zur Teilnahme waren, schließlich am Klimarat teilnahmen.

5. Und wie repräsentativ ist das?

Abschließend beantworten ließe sich die Frage, wie repräsentativ der Klimarat nun tatsächlich besetzt ist, nur beantworten, wenn die Statistik Austria (anonymisiert) alle soziodemografischen Daten und die ausgefüllten Fragebögen zur Verfügung stellen würde. Das tut sie derzeit nicht, sondern verweist auf einen “Methodenbericht” zum Klimarat samt Grafiken und Tabellen, der demnächst online gestellt werden soll. Derzeit sei er noch nicht freigegeben, so eine Sprecherin der Anstalt, “ich kann Ihnen aber glaubhaft versichern, dass die Leute im Klimarat schon ganz gut die sieben Millionen repräsentieren”.

Was sich jedenfalls sagen lässt: Eine aktive Auswahl anhand der Einstellung zur Klimapolitik – wie von Brocza suggeriert – hat es nicht gegeben. Denn alle zur Teilnahme bereiten Ausgewählten haben am Ende teilgenommen, egal, welche Antworten sie im Fragebogen gegeben haben.

6. Die Schwächen des Systems

Das heißt aber nicht, dass das System ohne Schwächen wäre. Die Kleine Zeitung hat mit mehreren Statistik-Experten gesprochen. Im Grunde sei die gewählte Methode “nach bestem Wissen und Gewissen” gut, findet etwa Eva Zeglovits, Geschäftsführerin des Ifes-Instituts, von der Kleinen Zeitung mit den Unterlagen konfrontiert.

Drei Faktoren würden die Repräsentation aber stören: Erstens würden jene, die durch viel Text abgeschreckt würden, wohl schon durch die briefliche Ansprache und Fragebögen “aussortiert”. Zweitens fielen durch die Coronaregeln die Ungeimpften weg – das sei zwar kaum vermeidbar, aber doch eine Verzerrung.

Am schwersten wiege aber, drittens, der Faktor Freiwilligkeit bei der Reduktion von 2003 auf 145 potenzielle Teilnehmer: “Mit so einer Methode erreicht man vor allem die Engagierten oder die Empörten“, sagt Zeglovits. Wer sich für Klimathemen interessiere – egal, ob er jetzt für härtere oder gegen alle Maßnahmen ist –, werde selbstverständlich die Chance nutzen, an so einem Klimarat teilzunehmen.

Der Großteil der Bevölkerung, der dazu keine starke Meinung hat, werde vergleichsweise seltener ja zur Teilnahme sagen – sechs Wochenenden bei einer Abgeltung von 100 Euro pro Sitzung seien keine kleine Hürde, gerade für Berufstätige oder Eltern.

Ähnlich sieht das der emeritierte Statistikprofessor Erich Neuwirth: “Solange die Freiwilligkeit eine Rolle spielt, wird das mit der Repräsentativität sehr schwer.”

Die einzige Art, das zu umgehen, wäre, die Teilnahme an Bürgerräten verpflichtend zu machen, so Zeglovits – dafür bräuchte es aber eine gesetzliche Grundlage, die es derzeit nicht gibt. Und damit ist der Klimarat weiter auf Freiwilligkeit angewiesen.

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