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Einer, der Vorarlberg verändert hat

14.02.2022 • 11:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Einer, der Vorarlberg verändert hat
Herbert Thalhammer im Jahr 2000. Hartinger

Herbert Thalhammer ist vergangene Woche an Corona verstorben.

Am 8. Februar verstarb der ehemalige Landtagsabgeordnete, Aktivist und Lehrer Herbert Thalhammer, der nicht nur für seine Familie, Freunde und Schüler eine große Lücke hinterlässt, sondern auch für die Vorarlberger Landespolitik der 1980er-Jahre eine historische Persönlichkeit war. Thalhammer war nicht nur Lehrergewerkschafter und Mitbegründer der Gemeindeliste „Feldkirch blüht“, sondern auch Landtagsabgeordneter jenes Listenverbundes aus den bürgerlich bis rechtslastigen „Vereinten Grünen Öster­reichs“ und der politisch sehr heterogenen „Alternativen Liste“ (AL), die in Vorarlberg erstmals in Österreich überhaupt den Einzug in einen Landtag ­schafften und damit am Beginn der späteren Grünen stehen sollte.
Die abgesehen vom Umweltschutz politisch sehr unterschiedlichen vier Abgeordneten hatten sich bald zerstritten. Und während sich der ebenfalls aus der AL stammende aber eigentlich wertkonservative Kaspanaze Simma auf Umweltschutz und Landwirtschaft konzentrierte, stellte Thalhammer im Vorarlberger Landtag so etwas wie der links-alternative Einzelkämpfer dar.

Ausnahmeerscheinung

In den 1980er-Jahren war er damit im konservativen Vorarlberg eine wirkliche Ausnahmeerscheinung. Wie kein Zweiter im damaligen Landtag trug er damit zu einer Modernisierung und Pluralisierung des politischen Diskurses bei. Wirklich neu an seiner Politik war, dass er diese für und mit allen in Vorarlberg lebenden Menschen machen wollte. Er knüpfte jene Kontakte zu Migranten und Exilanten aus der Türkei, die später dazu führten, dass mit Ali Gedik der erste türkeistämmige Kurde überhaupt – wenn auch nur kurzfristig – auf einer Kandidatenliste auftauchte.

Auf Augenhöhe

Die damaligen Aktivisten aus der Türkei können sich bis heute an seinen solidarischen Umgang mit ihnen auf Augenhöhe erinnern. Im September 1988 forderte er als erster Landtagsabgeordneter gemeinsam mit dem damaligen KPÖ-Chef Brandner und dem linken türkisch-kurdischen „Werktätigenbund“ in einer Kampagne das „Wahlrecht für Gastarbeiter“. Unterstützung kam auch für deren Kampf gegen türkische Rechtsextreme und die Politik des türkischen Generalkonsulats.
1989 schied er wieder aus dem Landtag aus und unterstützte mit seiner politischen Erfahrung unter anderem uns damalige Jugendliche beim Aufbau unabhängiger linker Jugendgruppen.

Spiritualität. Im Jahr 1991 brach er zu einer langen Reise nach Indien auf, von der er nach über einem Jahr mit seiner späteren Frau heimkehrte. Wie die Beatles vor ihm, war er dort in den Bannkreis der Transzendentalen Meditation geraten und träumte seither davon, den Weltfrieden nicht mehr durch politische Kämpfe, sondern durch Yoga und Meditation zu erreichen. Politisch schlug sich die Hinwendung zur Spiritualität in einer erfolglosen Kandidatur unter dem Namen „Lüt für Feldkirch – Naturgesetzpartei“ bei den Gemeinderatswahlen 2000 nieder.

Wieder als Lehrer tätig

Beruflich kehrte er wieder in seinen angestammten Beruf als Lehrer zurück, wo er sich immer wieder sehr für benachtei­ligte Schülerinnen und Schüler einsetzte. Viele haben seinem persönlichen Einsatz ihren Schulerfolg zu verdanken. Sein Einsatz für Chancengleichheit setzte sich hier auf einer ganz praktischen Ebene fort. Vorarlberg verliert mit ihm nicht nur einen Pionier der Grünbewegung, sondern auch einen solidarischen Zeitgenossen, der auf seinem Lebensweg sehr unterschiedliche Menschen geprägt hatte.

Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter und NEUE-Gastkommentator

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