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Lohnquote: Vorarlberger profitieren am wenigsten

17.02.2022 • 20:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Lohnquote: Vorarlberger profitieren am wenigsten
AK-Präsident Hubert Hämmerle und und AK-Direktor Rainer Keckeis präsntierten das Standort-Rating 2022. Foto: AK/Dietmar Mathis

Standort-Rating 2022 der AK Vorarlberg präsentiert.

Die Arbeiterkammer (AK) Vorarlberg hat gestern die zweite Ausgabe ihres Standort-Ratings präsentiert. In der 100 Seiten umfassenden Publikation werden unter anderem die Arbeits- und Lebenssituation der heimischen Arbeitnehmer bewertet.
Die Erkenntnisse decken sich im Wesentlichen mit jenen aus dem Jahr 2019. Hauptkritikpunkt ist einmal mehr die aus Sicht der AK ungleiche Verteilung der Früchte des wirtschaftlichen Schaffens. Zu den Sorgenkindern gehören auch das leistbare Wohnen und die Pflege. Verbesserungspotenzial sieht die AK bei der Kinderbetreuung und der Weiterbildung.

Ende der Lohnzurückhaltung

Wie aus dem gestern präsentierten Arbeitsstandort-Rating der AK hervorgeht, ist die Verteilung von Lohneinkommen und unternehmerischen Gewinnen ungleicher als in allen anderen Bundesländern. 46 Cent pro erwirtschaftetem Euro fließen hierzulande in Lohneinkommen. In Wien sind es knapp über 50 Cent, im Öster­reich-Schnitt 48,5 Cent. „Das zeigt, dass den wirtschaftlichen Zusatzgewinn der letzten 20 Jahren großteils die Unternehmer und Kapitaleigner eingestreift haben. In Anbetracht der herausragenden Stundenproduktivität des Standorts Vorarlberg von knapp 52 Euro realem Bruttoregionalprodukt pro Stunde haben sich die Arbeitnehmer einen fairen Anteil am Wachstum verdient“, sagt Hämmerle.
Die Lohnzurückhaltung hat laut dem AK-Präsidenten zu „illustren Exporterfolgen geführt, weil dadurch zum Nachteil anderer Volkswirtschaften ein preislicher Wettbewerbsvorteil lukriert werden konnte“. Gleichzeitig führe eine niedrige Bruttolohnquote aber zu einem reduzierten Inlandskonsum, da den Menschen weniger Geld zum Leben bleibe. Hämmerle fordert ein Ende der Lohnzurückhaltung und die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von 1700 Euro netto.

Luxus Wohnen

AK-Direktor Rainer Keckeis führte aus, dass gerade die steigenden Wohnkosten die soziale Situation im Land verschärfen. Arbeitnehmer seien zunehmend damit konfrontiert, dass die Veranlagung von Unternehmensgewinnen in den Grundstücks- und Immobilienmarkt zu einer Preisexplosion führe. „Die enorme Auseinanderentwicklung der Löhne und der Preise für das Wohnen führt heute dazu, dass der Eigentums­erwerb für den ganz überwiegenden Teil der Vorarlberger Arbeitnehmer verunmöglicht wird“, so Keckeis. Auswüchsen am Grundstücksmarkt müsse deshalb dringend ein Riegel vorgeschoben werden. Die durchschnittlichen Haus- und Wohnungspreise sind laut Keckeis mit 66 bzw. 55 Prozent in den letzten fünf Jahren in keinem anderen Bundesland so stark gestiegen wie in Vorarlberg.
Zudem geht aus dem Standort-Rating hervor, dass der öffentliche oder auch gemeinnützige Wohnungsmarkt, bestehend aus Gemeindewohnungen und Genossenschaftswohnungen, in Vorarlberg nur knapp 13,5 Prozent ausmacht Der Anteil liegt damit deutlich unter dem Österreich-Durchschnitt von 24 Prozent und an letzter Stelle im Bundesländervergleich.

Kinderbetreuung

Beim Thema Kinderbetreuung zeigt das Standort-Rating eine durchaus positive Entwicklung. Laut AK-Direktor Rainer Keckeis braucht es aber auch hier weitere Anstrengungen. Denn nur 46,6 Prozent der betreuten Kinder sind in einer Einrichtung, die es den Eltern erlaubt, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Das sei zwar eine Verbesserung um mehr als 10 Prozentpunkte gegenüber dem Jahr 2018, bedeute aber im immer noch den erst fünften Platz im Bundesländervergleich. Die Konsequenz sei, dass die 42 Prozent jener Frauen in Vorarlberg, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, angeben, dies wegen Betreuungs- und Pflegepflichten zu tun.

Bildung

Im Jahr 2020 hatten immer noch 17,8 Prozent der Vorarlberger im erwerbsfähigen Alter maximal einen Pflichtschulabschluss als höchste abgeschlossene Ausbildung. „Das ist der höchste Anteil im Bundesländervergleich und eine ernstzunehmende Herausforderung für die steigenden Ansprüche am Arbeitsmarkt“, ist AK-Direktor Keckeis überzeugt. „Hochtechnologie und Digitalisierung erfordern lebenslanges Lernen und benötigen ein durchlässiges Bildungssystem, das den Weg von Lehre bis Studium ermöglicht.“
Gleichzeitig sei der Anteil der Lehrlinge in „Lehre und Matura“ in Vorarlberg mit 4,1 Prozent nach wie vor der niedrigste in Österreich.

Corona

Selbstverständlich hat auch die Coronapandemie ihre Spuren hinterlassen. Die Krise wirke wie ein Brennglas auf den Arbeitsmarkt und zeige auf, wo die größten Probleme liegen, teilte AK-Präsident Hubert Hämmerle mit. Besonders hart getroffen habe es Menschen, die bereits seit Längerem arbeitslos sind. Nach Angaben der AK war Ende 2021 mehr als ein Viertel aller Arbeitslosen länger als ein Jahr ohne Beschäftigung. In keinem anderen Bundesland sei die Zahl der Langzeitarbeitslosen so rasant angestiegen wie in Vorarlberg. „Während der Höhepunkt der gesamten Arbeitslosigkeit zu Beginn der Coronakrise erreicht wurde, spitzt sich das strukturelle und langfristige Problem der Langzeitarbeitslosigkeit noch weiter zu“, so Hämmerle. Ende 2021 waren immer noch um 55 Prozent mehr Langzeitarbeitslose beim AMS gemeldet als vor der Krise.
Statt eines „unwürdigen Vermittlungs-Ping-Pongs“ stellt sich der AK-Präsident einen erweiterten Arbeitsmarkt vor, der neue Perspektiven für Langzeitarbeitslose schaffen soll. Zudem forderte er einmal mehr die Anhebung der Nettoersatzrate auf 70 Prozent.


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