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Bildraum Bodensee als Forum der Fotografie

21.02.2022 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Einige der Künstler und die Kuratorin in der Ausstellung in Bregenz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Einige der Künstler und die Kuratorin in der Ausstellung in Bregenz. Klaus Hartinger

Bildraum Bodensee bietet Querschnitt durch Fotografie in Österreich.

“Stadt Land Fluss“ ist ein Spiel aus Kindertagen bei dem man zu zufällig ermittelten Buchstaben des Alphabets Städte, Länder und Flüsse möglichst rasch zu Papier brachte. Der Erste der alle notiert hatte, rief „Fertig!“ und bekam dann dafür extra Punkte. Die derzeit laufende Ausstellung „Stadt Land Fluss“ von Bildrecht, die sich um die Urheberrechte der Bildenden Künstlerinnen in Österreich kümmert, im Bildraum Bodensee in Bregenz, hat auch etwas Spielerisches.

Wie zufällig wählten die Künstler ihre Themen – sei es nun die chinesische Millionenstadt bei Iris Andraschek, die im Stile Gottfried Bechtolds zugedeckten Autos in Kairo bei Peter Garmusch, die Ansichtskarten von Rom, Venedig und Athen bei Gerhard Klocker, die Südtirolersiedlung in Lienz von Anja Manfredi, die Straßenbilder von Peter Schreiner entlang eines mysteriösen, schwarzen Dreiecks oder das Porträt des oberitalienischen Flusses Tagliamento bei Herwig Turk.

Die Besucher erwartet ein breites Spektrum zeitgenössischer Fotografie. <span class="copyright"> Hartinger</span>
Die Besucher erwartet ein breites Spektrum zeitgenössischer Fotografie. Hartinger

Iris Andraschek (geboren 1963 in Horn) zeigt in der 33-Millionen-Stadt Chongqing, die bei uns gänzlich unbekannt ist – wer weiß schon wo die Milliarde Chinesen wohnen? –, dass die zwangsumgesiedelten Kleinbauern in der Großstadt jede kleine Fläche nutzen, um Landwirtschaft zu betreiben.

Peter Garmusch (geboren 1974 in Graz) ist ein Globetrotter, der zur Zeit der Eröffnung der Ausstellung gerade in Mexiko weilte. Seine verdeckten Autos könnten auch in der Eichholzstraße in Bregenz stehen, wo ein grünbewachsener Göpf-Betonporsche dahinschimmelt. Die liebevoll handgefertigten Abdeckungen führen das Paradoxon „rasender Stillstand“ von Gottfried Bechtold überzeugend weiter.

Tabubruch

Der Vorarlberger Gerhard Klocker (geboren 1962 in Hard) macht einen routinierten Tabubruch, indem er als Kunstfotograf die Linse eines urlaubenden Hobbyfotografen einnimmt, der sein Staunen über das Kolosseum auf ein A6-Format bannt. Er tradiert damit die Überführung von Nicht-Kunst in Kunstkontext weiter, die vor hundert Jahren Marcel Duchamp mit seinem als Kunstwerk deklarierten Pissoir ins Leben rief.

Anja Manfredi (geboren 1978 in Lienz) zeigt eine für sie ganz besondere Siedlung: die Südtirolersiedlung in Lienz in Osttirol, in der sie als Kind aufgewachsen ist. Ein kleines Kunstbuch erläutert die analogen Fotos der Kinderzeit. Ihre Großeltern waren sogenannte Optanten, die den Lügen Hitlers „heim ins Reich“ folgten. Peter Schreiner (geboren 1980 in Hallein) macht das, was man gemeinhin „Streetfotographie“ nennt. Er folgt auf seinen 360 Fotografien in den Straßen Wiens einem mysteriösen schwarzen Dreieck („The Black Triangle“), das den Eindruck macht, dass hier Aliens ihre seltsamen Spuren hinterlassen hätten.

Blick in die Ausstellung.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Blick in die Ausstellung. Hartinger

Herwig Turk (geboren 1964 in St. Veit an der Glan, lebt in Wien) hat in seiner Mixed-Media-Installation von 2021 die „Anamnese einer Landschaft“ geschaffen. Der Fluss Tagliamento, der in die Adria mündet, ist der letzte natürlich fließende Fluss Europas. Das Flusstal ist eine Problemzone: Ohnedies dünn besiedelt, schrumpft die Bevölkerung, die Täler entvölkern sich und die Leute ziehen in die Ballungszentren. Nach einem schweren Erdbeben 1976 sind zusätzlich viele Leute nicht mehr aus den Städten an den Fluss zurückgekommen.

„Anamnese“ ist in der Medizin die Bestandsaufnahme eines Patienten. Genau so eine Bestandsaufnahme hat Turk bei „seinem“ Fluss Tagliamento gemacht. Er hat entlang des Flusses Videos gedreht und je nach Jahreszeit den Wasserstand überprüft. Er hat angeschwemmtes Holz, Autoreifen und neue Pflanzen im Auwald gesammelt. Der Künstler hat Interviews mit Anrainerinnen geführt. Er hat Fotos gemacht, die er in Röntgenkästen präsentiert. So hat Herwig Turk verschiedene Gesichter dieses Flusses gezeichnet. Der Künstler zeigt auch die Gefahr auf, dass der Fluss mithilfe der EU-Gelder aus dem Coronafonds denaturiert wird und so der letzte wildfließende Alpenfluss Europas zerstört werden könnte.

Panoptikum

Die aus Vorarlberg stammende Kuratorin Verena Kasper-Eisert, die im Hauptberuf für die Fotoschiene des Museum Hundertwasser im Kunst Haus Wien zuständig ist, die sich Ökologie und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, kann mit dieser Ausstellung ein buntes Panoptikum zeitgenössischer Fotografie vorlegen. Der Dialog mit Kunst und Künstler hat so gesellschaftliche Relevanz.
Bis 17. März. Dienstag und Donnerstag, 13 bis 18 Uhr, Freitag und Samstag, 11 bis 16 Uhr.

www.bildrecht.at

Wolfgang Ölz

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