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„Einer, der seinen Platz nicht gefunden hat“

23.02.2022 • 19:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Live-Musik und -Projektionen sind Bestandteil der Produktion.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Live-Musik und -Projektionen sind Bestandteil der Produktion. Klaus Hartinger

Das Theater Kosmos zeigt die Uraufführung „Die Entführung des Thomas G.“ von Benjamin Blaikner.

Die kommende Uraufführung des Theater Kosmos befasst sich mit einem Thema aus der jüngeren Vorarl­berger bzw. österreichischen Vergangenheit, das im öffentlichen Bewusstsein relativ wenig präsent zu sein scheint. 1977 hat der in Wien studierende, in Bregenz und Wolfurt aufgewachsene Thomas Gratt gemeinsam mit zwei anderen Studenten den österreichischen Industriellen Walter Michael Palmers entführt, um Lösegeld zu erpressen.

30,5 Millionen Schilling wurden erbeutet, von denen der Großteil nie mehr aufgetaucht ist. Gratt, der Mitglied der linksextremen terroristischen Bewegung 2. Juni war, wurde ebenso wie seine Komplizen kurz nach der Freilassung des Opfers gefasst und zu 15 Jahren Haft verurteilt. 13 davon verbüßte er, ohne je ein Gnadengesuch zu stellen. 2006 nahm er sich im Alter von 50 Jahren das Leben.

Im Mittelpunkt steht der Palmers-Entführer Thomas Gratt.      <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Mittelpunkt steht der Palmers-Entführer Thomas Gratt. Hartinger

Die Entführung des Thomas G.“ heißt nun das Stück, das ab kommendem Samstag zu sehen ist. Geschrieben wurde es vom 36-jährigen Salzburger Benjamin Blaikner. Die Anregung dazu kam von Theater-Kosmos-Leiter Hubert Dragaschnig. Blaikner hatte zuvor in Salzburg ein Stück mit RAF-Bezug gemacht. Den Namen Thomas Gratt habe er bis dahin allerdings nicht gekannt, erzählt der Autor.

Es folgten Recherche und Gespräche mit der Schwester von Gratt und anderen Menschen, die den Vorarlberger gekannt hatten. Das daraus entstandene Werk versteht der Autor als „assoziative Revue“, wie er sagt. Es sei keine Thomas-Gratt-Biographie, wenngleich Stationen aus dessen Leben die Anhaltspunkte seien. Allerdings komme sein Name nicht vor. Ein Mann und zwei Frauen stehen auf der Bühne, wobei die Frauen verschiedene Rollen einnehmen würden.

Zum Stück

„Die Entführung des Thomas G.“

von Benjamin Blaikner.

Mit Torsten Hermentin, Sonja Kreibich, Agnieszka Wellenger.

Regie Benjamin Blaikner – Licht, Liveprojektionen Remo Rauscher – Musik Jonatan Szer.

Premiere: Samstag, 26. Februar, 20 Uhr, Theater Kosmos Bregenz. Weitere Vorstellungen: 27. Februar sowie 3. , 4., 5., 11., 12., 13., 17., 18. und 19. März. Beginn 20 Uhr, Sonntagsvorstellungen um 17 Uhr.

www.theaterkosmos.at

Komplexe Gedanken

Blaikner, der künstlerisch auch in den Bereichen Tanz, Choreographie, Musik und Regie tätig ist, wird selber inszenieren. Erzählt wird die Geschichte in fünf Akten, die sich aber nicht an eine strenge Chronologie halten. Dazu werden auch Texte von Thomas Gratt selbst eingebaut, „schön geschriebene mit sehr komplexen, philosophischen Gedanken“, so Blaikner. Vieles kreise um den Suizid, auch sein Abschiedsbrief wird Teil des Stückes sein.

Selbst zu inszenieren gebe ihm die Möglichkeit, sich lange mit dem Stoff zu beschäftigen, sagt der 36-Jährige. Das führe auch dazu, dass sich der Text während der Proben verändere. In „Die Entführung des Thomas G.“ werde es drei Elemente geben, erklärt Blaikner, Liveprojektionen, Livemusik und Sprechtheater, die im besten Fall gleichwertig agieren sollten. Für die Musik ist der Argentinier Jonatan Szer zuständig. Remo Rauscher wird sich um Licht und Projektionen kümmern.

Autor und Regisseur Benjamin Blaikner.     <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Autor und Regisseur Benjamin Blaikner. Klaus Hartinger

Für Blaikner ist Gratt eine spannende Persönlichkeit, ein intelligenter, vermutlich hochbegabter, aber auch ein wenig verlorener Mensch, „ein Mensch, der seinen Platz nicht gefunden hat.“ Als Terrorist sieht er ihn nicht, vielmehr als jungen („der war Anfang 20“) linken Studenten, der auch unter dem Einfluss älterer deutscher Terroristinnen stand, die die drei jungen Österreicher angeworben hatten.

„Spannend ist auch das Frauenthema“, sagt der Autor und Regisseur. Zumal Frauen im Leben von Gratt sehr wichtig gewesen seien. „Es geht um Ideale und Enttäuschungen“, liefert Blaikner eine weitere Charakterisierung des Stück – nicht nur um die Person des Vorarlbergers. Für die Zuschauer bleibt somit auch Platz für Assoziationen.

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