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Einzug in freiere Zeiten – Dornbirner Fasching

28.02.2022 • 19:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Faschingsumzug 1949 Dornbirn Dornbirner Fasnatzunft (3)

Erster Dornbirner Umzug nach Zweitem Weltkrieg wurde voller Erfolg.

Im Jahr 1949 zog langsam aber stetig der wirtschaftliche Aufschwung in Vorarlberg ein. Auch wenn die Normalbevölkerung in Vorarlberg finanziell noch nicht davon nutznießen konnte, gab er doch Kraft und Raum um über anderes als zwingend notwendige Lebenserhaltung nachzudenken. Der Verkehrsverein beschloss, den Dornbirner Faschingsumzug nach 20 Jahren wieder zum Leben zu erwecken. Mit bombastischem Erfolg.

1929 – Der letzte Umzug war kalt. Es war kalt, am 12. Februar 1929. Die Brunnen in Dornbirn waren zugefroren, die Stimmung etwas trist. Doch unbeirrt zogen die Narren noch durch die Stadt. Wegen der Kälte kamen nicht viele Besucher. Aber hätten sie gewusst, dass es für 20 Jahre der letzte bunte Umzug durch Dornbirn sein sollte, wäre es wohl anders gewesen.

Der Abzug der Besatzungsmächte spielte ebenso eine Rolle wie der Zustand der Schifffahrt.
Der Abzug der Besatzungsmächte spielte ebenso eine Rolle wie der Zustand der Schifffahrt.

Ein Jahr später ließ das Vorarlberger Volksblatt schon verlauten „Die Hatler, so wird erzählt, veranstalten in diesem Jahr keinen Faschingsumzug. Mit Rücksicht auf die großen Kosten und die Knappheit der Geldmittel wird der Umzug diesmal unterlassen. Dafür aber wimmelts an allen Ecken und Enden von Kaffee- und anderen Kränzchen“. Dabei blieb es. Der nächste Umzug in Dornbirn fand erst wieder im Februar 1949 statt.

Andrang aufs große Treiben

Spätestens ab Mitte Februar 1949 geht ein großes Raunen durch die Vorarlberger Zeitungslandschaft. Der Dornbirner Faschingsumzug soll wieder stattfinden, das war neben dem, dass im Sommer 1949 in Dornbirn die erste „Export- und Musterschau“ stattfinden sollte, eines der Gesprächsthemen schlechthin im Land. Organisiert, ebenso wie die Musterschau, vom Verkehrsverein und unterstützt von den Vorarlberger Künstlern Jupp Schneider und Prof. Burtscher hatte man Großes vor.

Die von den Nazis demontierte Dornbirner Straßenbahn hatte ebenfalls einen Auftritt.
Die von den Nazis demontierte Dornbirner Straßenbahn hatte ebenfalls einen Auftritt.

Wie groß der Umzug werden sollte, war schlussendlich, trotz aller Vorbereitung, eine Überraschung. Circa 35.000 Zuseher, nach anderen Schätzungen waren es sogar zwischen 40.000 und 50.000, aus ganz Vorarlberg und Umgebung trafen in Dornbirn ein. Sonderzüge fuhren von Bregenz und Bludenz ab. Diese nahmen 12.000 Fahrgäste auf, obwohl die Garnituren nur für 5000 Personen bereitgestellt waren.

Private Autobesitzer wurden dazu angehalten, Personen freiwillig nach Dornbirn mitzunehmen und keinen Platz unbesetzt zu lassen. Im Vorverkauf kostete ein Festabzeichen zwei Schillinge. Mit diesem moderaten Preis wollte man möglichst allen den Zugang zum Faschingsumzug ermöglichen.
Am Sonntag den 27. Februar 1949 um 14 Uhr war es dann so weit: Der Faschingsumzug in Dornbirn startete bei schönstem Wetter.

Die Nachkriegszeit

In den ersten Nachkriegsjahren mussten zusätzlich zur Zivilbevölkerung über 65.000 Kriegsflüchtlinge und Heimatvertriebene versorgt werden. Für die Besatzungsmacht Frankreich keine leichte Aufgabe, da ihr Land selbst stark vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen und verwüstet worden war. Dennoch erholte sich Vorarlberg weitaus schneller aus der wirtschaftlichen Notlage. Hilfe aus der Schweiz und die nahezu komplett erhaltene Infrastruktur trugen dazu bei. Dieser Aufschwung hatte zur Folge, dass Arbeitskräfte aus den südlichen und östlichen Bundesländern angeworben werde mussten beziehungsweise zuzogen.

Wohnungsknappheit war die Folge

1949 gab es alleine in Dornbirn 1200 Wohnungssuchende. Das wurde natürlich auch am Faschingsumzug thematisiert. „Pfropfat voll“ hieß ein Umzugswagen. Eine vollgepfropfte Wohnung, die dennoch immer noch Zimmer zu vermieten hatte.

Freiheit der Meinungsäusserung.Unvorstellbar war es, während des Naziregimes öffentlich solch Kritik über Mißstände oder das Regime zu äußern, auch nicht auf satirische Art und Weise.

Faschingsumzüge wurden für propagandistische Zwecke eingesetzt und die Teilnehmer und Veranstalter hatten sich den politischen Verhältnissen angepasst zu verhalten. 1949 durfte man, bis zu einem gewissen Grade, wieder tun und lassen was man wollte. Auch das war ein Motivator für den Dornbirner Faschingsumzug. „Im Fasching ist alles erlaubt und was das Jahr über nicht gesagt werden kann, wird eben bildlich dargestellt. … Die dargestellten Gruppen werden von einem Zensurausschuss begutachtet, damit ist die Gewissheit geschaffen, dass parteipolitische oder unsittliche Ideen fern bleiben.“

Viel einzustecken hatten die Großmächte

Da wurde eine riesige Kuh von Pferden durch die Dornbirner Straßen gezogen. Die Milchkuh „Miss Austria“ wurde dabei von den vier Großmächten kräftig gemolken, währen die auf der Kuh reitenden Parteien untätig zusahen. Der „Staatsvertrag“ wurde genauso aufs Korn genommen wie die Arbeit der UNO und eine Riesenschnecke spiegelte das Gefühl der Bevölkerung zum Abzug der Besatzungsmächte wieder. Aber auch „Ländle“-eigenes wurde thematisiert. „Der ,Jasserball‘ war ein Reigen köstlicher Kostüme, zu denen die 36 Blätter des Kartenspiel die Vorbilder geboten hatten. … Lauten Beifall löste der Riesenwagen ,Rappenloch‘ aus, unter dessen felsengetragener Brücke ein garstiger Drachen seine qualmenden Nüstern blähte“, so das „Volksblatt“.

Aber auch eine Gastgruppe aus Feldkirch hatten etwas zu sagen: Mit dem Titel „Kuhdorf Dornbirn“ marschierten die Feldkircher an den Zusehern vorbei – in Anspielung auf einen Sager während einer Debatte rund um die Landesschau, für die eben auch Feldkirch gerne Veranstaltungsort gewesen wäre. Insgesamt zogen 70 Umzugswagen durch die Stadt. Man geht davon aus, dass es der österreichweit größte Faschingsumzug des Jahres 1949 war.

Man fand nicht alles lustig

Etwas gekränkt reagierten man damals im Bregenzerwald auf das Faschingstreiben, konkret auf eine bestimmte Verkleidung, wie medial berichtet wurde: „Unangenehm berührte es jeden Bregenzerwälder, dass gerade seine Tracht für diesen Faschingsumzug herhalten musste. Es sei hier an das Mannweib mit der mächtigen Tabakspfeife erinnert, das auch nach dem Umzug zu vermeintlichen Belustigung verschiedene Gastlokale besuchte. Dass selbst das Schappale (Kopfschmuck der von ledigen Bregenzerwälderinnen zu kirchlichen Festen und Hochzeiten getragen wird, Anmk. d. Red.) in der Maskerade zu sehen war, ist wohl eine Verunglimpfung eines der schönsten Trachtenstücke und damit der ganzen Tracht.“

Der Umzug klang noch lange nach

„Natürlich hörte man auch Meinungen, das viele Geld hätte einem besseren Zweck dienen können als einem Faschingsumzug, allein selbst die Kritiker verkannten nicht, … das es um etwas anderes und höheres ging als um den ,Stiefelema‘ … um den Erfolg einmütiger und einträchtiger Zusammenarbeit, um eine Probe, ob man in der Lage ist, mit vereinten Kräften die Not der Nachkriegszeit zu überwinden, um den Beweis dafür, dass es Gebiete gibt, auf denn sich alle finden können.“

So lauteten die Anfangsworte der Eröffnungsrede zur Export- und Musterschau in Dornbirn von Ernst Kolb. Er bekleidete damals den Posten des Ministers für Handel und Wiederaufbau in der Regierung von Bundeskanzler Leopold Figl.

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