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“Das möchte man sich nicht vorstellen”

04.03.2022 • 22:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
"Das möchte man sich nicht vorstellen"

Nach dem Brand eines Gebäudes am Gelände des ukrainischen AKW Saporischschja gab es bald Entwarnung.

Wie im Laufe des Tages klar wurde, betraf das Feuer nach dem Beschuss des AKW Saporischschja ein Trainingsgebäude und nicht einen der sechs Reaktoren. Würden die Schutzmaßnahmen ausreichen, wenn im Zuge von Kampfhandlungen Reaktoren direkt betroffen wären? “Das ist genau der kritische Punkt”, sagt Nikoalus Müllner, Risikoforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien.

“Ein Reaktor ist gegen alles Mögliche ausgelegt, aber nicht gegen militärische Angriffe”, sagt Müllner. Das Containment, also die äußerste und letzte Schutzhülle um einen Reaktor, könne zwar großem Druck von innen standhalten und eventuell auch einem kleinen Flugzeugabsturz, nicht aber einem gezielten militärischen Angriff.

Ob es nach einer Beschädigung des Containments zu radioaktiver Freisetzung kommt, hängt davon ab, wie der Reaktorkreislauf betroffen ist – welcher auch nicht auf Explosionen in unmittelbarer Nähe ausgelegt ist. Problematisch wird es, wenn der Reaktordruckbehälter beschädigt wird, denn dann läuft der Reaktorkern trotz aller Notkühlsysteme in kürzester Zeit trocken. “Das ist ein Szenario, das man sich nicht vorstellen möchte”, erklärt Müllner.

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Nikoalus Müllner, Risikoforscher an der Universität für Bodenkultur in WienSonstiges

Auswirkungen vergleichbar mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl hält Müllner aber aufgrund der unterschiedlichen Art der Reaktoren für unwahrscheinlich, auch wenn das schwer einzuschätzen sei. “Ich denke aber, die Auswirkungen bei Reaktoren wie in Saporischschja wären eher lokal begrenzt.” Aus russischer Sicht wäre es aber völlig unsinnig, eine solche Situation zu riskieren. Außer der langfristigen Kontaminierung Tausender Quadratmeter von Land, hätte Russland nichts davon.

Belegschaft ist essentiell

Was aber, wenn sich die Belegschaft eines AKW weigert, unter russischer Kontrolle weiterzuarbeiten? Die Mannschaften sind für einen bestimmten Block ausgebildet, man sei darauf angewiesen, dass diese den Reaktor nicht verlassen. Der Reaktortyp (“WWER-1000”) war zwar weit verbreitet in der ehemaligen Sowjetunion und man könne Betriebserfahrung übertragen, aber kein Block sei zu 100 Prozent wie der andere. Dabei ginge es nicht nur um das Team im Kontrollraum, sondern auch um zahlreiche andere Mitarbeiter, sagt Müllner.

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Alles im grünen Bereich in ÖsterreichSonstiges

Relativ bald nach dem Vorfall in Saporischschja konnte Entwarnung gegeben werden. Es wurde versichert, dass es zu keiner radioaktiven Freisetzung gekommen sei. Aber wie verlässlich sind die Informationen, die aus dem nun von Russland kontrollierten Kraftwerk kommen? Nikolaus Müllner: “In Friedenszeiten hat jedes Kraftwerk ein Strahlenwarnsystem und mehrere Messstellen. Ob man Informationen im Falle von Schäden unterdrücken könnte, ist schwer zu sagen.”

Andere Länder jedenfalls haben Messsysteme, die nach Teschernobyl ausgebaut wurden. Man würde es sofort merken, wenn es in Österreich zu erhöhter Strahlung kommen würde. Die permanente Strahlenüberwachung ist auf einer Online-Karte öffentlich einsehbar.

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