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„Die Ukraine immer noch im Herzen“

05.03.2022 • 19:47 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
In Hard betreibt Andriy Kuzo das Café am Dorfbach. <span class="copyright">Hartinger</span>
In Hard betreibt Andriy Kuzo das Café am Dorfbach. Hartinger

Ex-Handballprofi und Wahlvorarlberger Andriy Kuzo sammelt mit Spenden für die Ukraine.

Die bunte Faschingsdekoration im Café am Dorfbach in Hard hängt noch an der Decke, den Wänden und in den Fenstern. Doch Andriy Kuzo, der das Lokal gemeinsam mit seiner Frau Ingrid betreibt, ist alles andere als zum Lachen und Fröhlichsein zumute. „Ich kann schon seit Tagen nicht mehr richtig schlafen“, sagt der gebürtige Ukrainer, der mittlerweile mit seiner Gattin und den Kindern in Vorarlberg sesshaft geworden ist. Zu groß ist die Sorge um seine Mutter sowie die beiden Brüder und deren Familien, die noch immer in seiner Geburtsstadt Lemberg (Lviv) leben. Der ehemalige Handballprofi ist ständig mit ihnen in Kontakt, um zu erfahren, wie die aktuelle Situation ist.

Spendenaktion

Doch Kuzo möchte nicht nur ständig auf dem Laufenden sein, wie es seiner Familie geht. Er möchte sie und die Menschen in der Ukraine auch unterstützen. Aus diesem Grund hat er nach einer Möglichkeit gesucht, ein Spendenkonto einzurichten. Er wandte sich an Unternehmensberater Michael Defranceschi, den er über die Initiative „Kada – Sport mit Perspektive“ kennengelernt hatte. In deren Rahmen werden ehemalige Profisportler auf ihrem Weg in eine neue berufliche Zukunft begleitet. Im Fall von Kuzo war dies der Aufbau des Café am Dorfbach in Hard. Und auch mit dem Spendenkonto konnte Defranceschi dem ehemaligen Spitzensportler weiterhelfen. Denn der Unternehmensberater ist auch Landesgeschäftsführer des „Wirtschaftforum der Führungskräfte“ (WdF). Er wandte sich an den Bundesgeschäftsführer, der sofort Feuer und Flamme war. Auf diese Weise gibt es nun nicht nur ein Spendenkonto, sondern das WdF hat auch einen öster­reichweiten Spendenaufruf gestartet.

Lemberg hat eine lange Geschichte. Noch ist die Lage dort nicht so schlimm wie in anderen Städten der Ukraine, aber die Einwohner rüsten sich. <span class="copyright">REUTERS/Pavlo Palamarchuk</span>
Lemberg hat eine lange Geschichte. Noch ist die Lage dort nicht so schlimm wie in anderen Städten der Ukraine, aber die Einwohner rüsten sich. REUTERS/Pavlo Palamarchuk

Für Kuzo heißt das, dass er derzeit nicht nur damit beschäftigt ist, in seinem Lokal zu arbeiten und als Handballtrainer tätig zu sein. Er befasst sich auch damit, wie den Menschen in seinem Geburtsland mit dem Spendengeld am besten geholfen werden kann. Was dringend gebraucht wird, weiß der 42-Jährige aus den Gesprächen mit seiner Familie und Bekannten vor Ort: „Lebensmittel und medizinisches Material“. Nun geht es noch darum, zu organisieren, wie die Hilfsgüter schlussendlich in die Ukraine kommen sollen. Mit dieser Frage beschäftigt sich der ehemalige Profisportler derzeit. Dazu hat er auch noch neun Frauen und deren Kindern geholfen, aus der Ukraine nach Vorarlberg zu kommen. Ab morgen steht ihnen eine Unterkunft der Caritas zur Verfügung. Für die vergangenen Tage musste eine Zwischenlösung gefunden werden. Einige der Flüchtlinge haben Kuzo und seine Familie bei sich aufgenommen. Für die anderen hat der gut vernetzte Ex-Sportler Alternativen gefunden.

„Rasch Hilfe vor Ort leisten“

Für den Gaißauer Unternehmensberater Michael Defranceschi war es Ehrensache, dass er Andriy Kuzo bei dessen Vorhaben, eine Spendenaktion zu starten, unterstützt. „Es geht in dieser Situation darum, dass rasch Hilfe vor Ort geleistet wird“, betont er. Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine ließen niemanden kalt. Daher hätten die Bundes-Verantwortlichen des „Wirtschaftsforum der Führungskräfte“ (WdF) sich ebenfalls dazu bereit erklärt, einen Beitrag zur Linderung des Leids zu leisten. „Österreichs Führungskräfte zeigen hohe Bereitschaft, hier rasch und gemeinsam zu unterstützen“, erklärt WdF-Bundesvorsitzender Andreas Zakostelsky.

Die Aufgaben bei der Spendeninitiative sind klar verteilt. „Als WdF stellen wir die nötige Öffentlichkeit für die Aktion her“, erläutert Defranceschi. Andriy Kuzo zeichnet dann dafür verantwortlich, dass die Unterstützung dann auch vor Ort an den richtigen Stellen ankommt. „Er kennt sich in der Ukraine besser aus und ist durch seine Kontakte bestens informiert“, betont der Unternehmensberater.Er bedauert den Krieg in der Ukraine und hofft, dass es irgendwann eine Rückkehr zu einem friedlichen Miteinander geben wird. Die Lösung liegt im Dialog und nicht in der Konfrontation, ist Defranceschi überzeugt.

Das WdF ist eigenen Angaben zufolge mit rund 3000 Mitgliedern Österreichs größtes unabhängiges Manager- und Managerinnen-Netzwerk. Die Organisation wurde im Jahr 1979 gegründet und steht „für die Förderung einer Führungskultur, die sich der strategischen Unternehmensziele ebenso bewusst ist wie der sozialen Verantwortung von Entscheidungen“. Die Mitglieder stammen aus unterschiedlichsten Unternehmen – vom Familienbetrieb bis zum Weltkonzern. Das WdF bietet die Möglichkeit zum branchenübergreifenden Austausch.

Unternehmensberater Michael Defranceschi kennt Andriy Kuzo schon länger. <span class="copyright">Exzellenzinitiative/Marcel Hagen</span>
Unternehmensberater Michael Defranceschi kennt Andriy Kuzo schon länger. Exzellenzinitiative/Marcel Hagen

Arbeit, Sport und die Organisation der Hilfe sind für den 42-Jährigen eine durchaus willkommene Ablenkung von der Sorge um sein Geburtsland und die Menschen dort. Erst Mitte Februar war Kuzo zuletzt in Lemberg. Schon damals habe in der Stadt, die ansonsten ein beliebtes Reiseziel für Touristen – auch aus Russland – ist, eine nervöse Stimmung geherrscht. Dass nur wenig später der Krieg mit einer derartigen Wucht kommen würde, habe sich aber niemand vorstellen können.

Zusammenhalt

Beeindruckt zeigt sich Kuzo vom Zusammenhalt in der Ukraine und auch vom Auftreten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der in der Krise Präsenz zeigt und sich nicht versteckt. „In der Ukraine sagt man: Früher hat man ihn einen Clown genannt, nun ist er zum Joker im Spiel geworden“, berichtet der Wahl-Vorarlberger.

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Hartinger

Mit 19 Jahren hat er die Ukraine verlassen, um als Handballprofi seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In Tschechien hat er seine Frau Ingrid kennengelernt. Mit ihr und den beiden Kindern lebt er seit mittlerweile 13 Jahren in Vorarl­berg. Das Ländle ist für Kuzo und seine Familie zur Heimat geworden. Die Ukraine – das Land seiner Geburt – hat er dennoch immer noch im Herzen, wie er sagt. Umso mehr schmerzt ihn die derzeitige Situation und umso wichtiger ist es für ihn, den Menschen dort zu helfen.

Spendenaufruf des WdF: Iban-Spendenkonto: AT14 1500 0005 0144 5142; Kennwort: Ukraine

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