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„Ein recht seltener Glücksfall“

07.03.2022 • 20:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hannelore Sprenger-Mähr <span class="copyright">nussbaumer</span>
Hannelore Sprenger-Mähr nussbaumer

Erstmals „Überkreuz-­Lebendspende“ bei zwei Paaren aus Vorarlberg durchgeführt.

Erstmals in der Transplantationsgeschichte Vorarl­bergs hat es im Herbst 2021 einen Treffer für eine sogenannte „Überkreuz-Nierenlebendspende“ für zwei Paare aus dem Ländle gegeben. Dabei konnte zwei nierenkranken Frauen erfolgreich die gesunde Niere des jeweils anderen Ehemannes transplantiert werden. „Ein recht seltener Glücksfall“, sagt Oberärztin der Abteilung Nephrologie und Dialyse am LKH Feldkirch, Hannelore Sprenger-Mähr. Die Eingriffe selbst sind – bei beiden Paaren zeitgleich – am Transplantationszentrum der Uniklinik Innsbruck durchgeführt worden. Allen vier Beteiligten geht es heute gesundheitlich gut.

Anonym

Die zwei Paare haben sich nie kennengelernt, denn eine Überkreuz-Spende, international „Crossover“ genannt, wird in Österreich anonym durchgeführt. Und trotzdem haben sie gegenseitig eine schicksalsträchtige Rolle im Leben der anderen übernommen. Möglich gemacht hat das eine wechselseitige Übereinstimmung der dafür notwendigen körperlichen Gewebsmerkmale und Blutgruppen. Auch das Alter war vergleichbar. „Alle vier waren der Überkreuz-Spende gegenüber sehr aufgeschlossen. Es ist doch ein großer Schritt, einem anderen Menschen ein Organ zu spenden – in diesem Fall sogar jemandem, den man gar nicht kennt“, so Sprenger-Mähr. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Niere beträgt für einen Patienten in Vorarlberg rund drei bis vier Jahre. Derzeit warten knapp 40 Personen im Land auf eine Spenderniere, transplantiert werden pro Jahr im Durchschnitt 15.

Durch eine Lebendspende eines gesunden Menschen kann diese Wartezeit verkürzt werden. Wenn sich innerhalb des Familien- oder Freundeskreises kein Lebendspender findet, dann werden die Patienten – wenn sie die medizinischen Kriterien erfüllen – routinemäßig auf die internationale Euro-Transplant-Warteliste (Spenden von Verstorbenen) gesetzt. Bis sie Organe erhalten, übernimmt die Dialyse die Aufgabe der erkrankten Nieren, und das Blut wird maschinell gerei­nigt. „Wenn bei uns Patienten in der Ambulanz betreut werden, von denen wir wissen, dass sie bald dialysepflichtig werden, dann machen wir sie darauf aufmerksam, dass auch die Transplantation eine Möglichkeit der Nierenersatztherapie ist. Es ist unserer Erfahrung nach sogar die beste Möglichkeit für all jene, die körperlich dafür geeignet sind“, erklärt Nephrologin Hannelore Sprenger-Mähr.

Aus persönlichem Umfeld

In Vorarlberg erhalten im Durchschnitt zwei bis fünf Menschen pro Jahr eine Niere von Lebendspender aus ihrem persönlichen Umfeld. „Wer das Glück hat und von vornherein weiß, dass es Angehörige, Partner oder Freunde gibt, die einer Lebendspende zustimmen, der kann sich die mehrmals wöchentlich notwendige Prozedur sogar ganz ersparen und eine neue Niere bekommen, ohne jemals dialysepflichtig zu werden“, weiß die Spezialistin. Am häufigsten finden Lebendspenden hierzulande zwischen Ehepartnern, Geschwistern sowie zwischen Eltern und ihren Kindern statt. „Im Falle von Kindern und jungen Erwachsenen, denen eine Dialyse bevorsteht, sind die Eltern eigentlich immer bereit, sich auf diese Möglichkeit hin untersuchen zu lassen.“ Häufigste Ursachen für einen ernsten Nierenschaden bei jüngeren Menschen sind chronische Entzündungen und angeborene Nierenerkrankungen. Bei älteren Menschen überwiegen Bluthochdruck und Diabetes.

Nicht jeder Mensch ist automatisch für eine Transplantation geeignet, nicht jeder Körper ist gesund und fit genug, um operiert zu werden und ein fremdes Organ anzunehmen. Das Alter spielt dabei allerdings nicht die entscheidende Rolle. „Es gibt gewisse medizinische Kriterien, die Patienten erfüllen müssen, um auf die Warteliste für Spendernieren aufgenommen zu werden. Egal ob sie 70 oder 20 Jahre alt sind“, erklärt Dr. Sprenger-Mähr: „Von unseren Dialysepatient:innen am LKH Feldkirch sind maximal 25 bis 30 Prozent für eine Transplantation geeignet. Patienten, die zusätzlich zu ihrer Nierenerkrankung etwa an schwerem Diabetes, Gefäßerkrankungen, Herz- oder Krebserkrankungen leiden, kommen dafür nicht infrage.“

Eine weitere Voraussetzung für eine Transplantation ist, dass das Gewebe von Spendern und Empfängern immunologisch zusammenpassen. Das gilt sowohl für Lebendspenden als auch für die Transplantation von Organen Verstorbener.