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Unser Leben mit Schnaken, oder: Man lernt nie aus

07.03.2022 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue</span> Kopfkino von Salmhofer
Neue Kopfkino von Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Jahrzehntelang, nein, eigentlich fast mein ganzes Leben lang habe ich geglaubt, das Insekt, das weitläufig unter dem Namen Schneider oder Schnake bekannt ist, sei die männliche Form der Gelse. Meine Oma hat mir das einmal erzählt, als ich etwa vier Jahre alt war und ich mich vor dem großen, langbeinigen und surrenden Insekt fürchtete. „Des is a Mandal von der Gelse. Des sticht ned. Brauchst keine Angst haben.“

Sie hatte insofern recht, als es sich um ein Insekt aus der Familie der Zweiflügler handelt und zu den Mücken gehört. Mit der Gelse per se aber nix zu tun hat. Schon gar nicht in Bezug auf Paarung. Da bin ich also durch mein Leben spaziert mit einem vermeintlichen Wissen, das total und komplett falsch war.
Ähnliches ist einer guten Bekannten von mir passiert. Als wir vor ein paar Jahren im Wildpark in Feldkirch spazieren gegangen sind, hat sie mich gefragt, warum Reh und Hirsch voneinander getrennt sind, Gehege-technisch. Ob das mit der Brunft vom Hirsch zu tun haben könnte. Ich hab’ sie ein wenig verdutzt angesehen, woraufhin sie gemeint hat: „Na, weil man die Weibchen von den Männchen getrennt hat!“

Als ich ihr sagte, dass das Reh ein ganz eigenständiges Wild mit Rehbock ist und der Hirsch eine Hirschkuh hat, war sie total vor den Kopf gestoßen. Sie ist immer davon ausgegangen, dass das Reh das Weibchen vom Hirsch ist. Und nein, sie ist eine wirklich gescheite Frau. Aber genauso wie bei mir die Schnake haben bei ihr wohl auch Rehe und Hirsche nie eine große Rolle gespielt, und das vermeintlich angeeignete Wissen darum wurde nie hinterfragt. So is es, so hammas gelernt, so bleibt’s. Meine Schnake hat mir gezeigt, dass ich immer wieder auch das hinterfragen soll, was ich meine zu wissen. Erstens, nicht alle unsere Quellen des Wissensursprungs haben uns richtig gefüttert, und zweitens ändert sich das Wissen rund um unsere Welt kontinuierlich.

Ich bin noch aufgewachsen mit dem absoluten Verbot, auch nur daran zu denken, Spinat aufzuwärmen, weil dann sei er giftig. Zecken hat man bei mir immer entfernt, indem man ihnen hinten am Po Öl raufgeschmiert und sie dann mit kreisenden Bewegungen gegen den Uhrzeigersinn herausmanövriert hat. Unwissend, dass der Zeck in seiner Todespanik, weil er gerade erstickt, grad noch ein bissi mehr ungutes Zeug in den gebissenen Körper hineinspuckt. So ist das, unser Know-how rund um unser Leben, und unsere Welt ändert sich stetig. Ich finde das lässig. Wie viele „Schnaken“ es wohl noch gibt in meinem Kopf?

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.