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„Vielleicht noch mehr psychologisch schärfen“

08.03.2022 • 21:47 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Premiere war eigentlich schon im Vorjahr geplant.      <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Die Premiere war eigentlich schon im Vorjahr geplant. Anja Köhler

„Jephtha“ von Landestheater und Symphonieorchester Vorarlberg erlebt am kommenden Sonntag ihre Premiere.

Im vergangenen Jahr hatten Solistinnen und Solisten, Chor und SOV, das Team um den Dirigenten Heinz Ferlesch und den Regisseur Stefan Otteni und alle jene, die in eine Opernproduktion eingebunden sind, bis zur Generalprobe an der Einstudierung von Georg Friedrich Händels „Jephtha“ gearbeitet – nun darf sie ab 13. März endlich vor Publikum über die Bühne des Kornmarkttheaters gehen.

In „Jephtha“ geht es um die Geschichte aus dem Alten Tes­tament, den Kampf der Israeliten gegen die Ammoniter. Zum Dank für göttliche Hilfe verspricht Jephta, das erste Wesen, das ihm bei der Heimkehr entgegenkommt, zu opfern. Es ist seine Tochter, die diesen Opfertod gerne auf sich nimmt.

Eigentlich ein Oratorium

Händels Librettist Thomas Morell verwandelte die Geschichte, verzichtete auf das Menschenopfer, indem das Mädchen wiederum durch göttlichen Ratschluss von e

Händels Librettist Thomas Morell verwandelte die Geschichte, verzichtete auf das Menschenopfer, indem das Mädchen wiederum durch göttlichen Ratschluss von einem Engel gerettet wird. Die in der Bibel noch Namenlose heißt nun Iphis, Morell gibt ihr auch einen Geliebten (Hamor) an die Seite, sodass die alttestamentarische Geschichte nun im Sinne des Barocks von inneren Konflikten und menschlichen Affekten durchzogen ist. So erklärt sich auch, dass „Jephtha“, eigentlich ein geistliches Oratorium, inzwischen auch auf der Opernbühne einen Platz findet.

Szene aus der Produktion "Jephtha".  <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Szene aus der Produktion "Jephtha". Anja Köhler

NEUE-Mitarbeiterin Katharina von Glasenapp erreichte den Regisseur Stefan Otteni in Bremen noch in der Vorbereitung für Shakespeares „Maß für Maß“, kurz bevor er sich für die intensiven Endproben auf den Weg nach Bregenz machte.

Herr Otteni, wie geht es Ihnen mit einem Jahr Abstand zwischen Generalprobe und Premiere?
Stefan Otteni: Stephanie Gräve, die Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, hat ja diesen Geniestreich gemacht, das gesamte Ensemble um ein Jahr umzubuchen. Alle haben sich darauf eingelassen und die Termine freigehalten. Nur die Partie der Storgè – der Gattin des Jephtha – mussten wir umbesetzen, und bei James Hall, dem Sänger des Hamor, gab es Überschneidungen, so dass die letzten vier Aufführungen jetzt von Owen Willetts übernommen werden. Ich finde es toll, dass alle mitgemacht haben, jetzt gehen wir noch mal frisch an dieses Werk heran.

Zwei Sprechrollen kamen hinzu.  <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Zwei Sprechrollen kamen hinzu. Anja Köhler

Hat sich etwas verändert in diesem Jahr, vielleicht auch durch die Corona-Einschränkungen oder ganz aktuell durch den Krieg in der Ukraine?
Otteni: Vielleicht werden wir noch mehr psychologisch schärfen. Aber ich glaube, dass allen jetzt noch mehr bewusst ist, wie kostbar es ist, dass wir spielen dürfen. Wir haben erfahren, wie fragil unser Theaterleben ist, wie schmerzlich wir die Kultur vermisst haben. Sie ist ein Nahrungsmittel für alle, Künstler wie Publikum. Was den Krieg betrifft: Ich habe ja zwei Sprechrollen entwickelt, der junge Mann zieht gemeinsam mit Hamor in den Krieg, beide kommen traumatisiert daraus zurück. Die Darsteller verstehen jetzt vielleicht noch mehr, was das bedeutet.

Was ist der Hintergrund für diese Sprechrollen?
Otteni: Sie beleuchten verschiedene Szenen neu. Sie stehen für zwei christlich erzogene Kinder, die Fragen stellen, reflektieren. Sie geben dem Ganzen eine andere Dringlichkeit, setzen gleichsam Ausrufezeichen oder auch Fragezeichen. Es geht bei „Jephtha“ ja auch um die Frage, ob man halten muss, was man Gott versprochen hat. Und es geht um das Gottesbild, ist es ein moderner, verstehender oder ein alter, strafender Gott?

Regisseur Stefan Otteni.  <span class="copyright">Felix Grünschloß</span>
Regisseur Stefan Otteni. Felix Grünschloß

Kommen wir zur Musik: Wie ist die Zusammenarbeit mit Heinz Ferlesch?
Otteni: Coronabedingt mussten wir das rund dreistündige Werk kürzen. Viele da-capo-Wiederholungen in den Arien fallen weg, auch einige Chöre. Die Kürzungen haben wir mCoronabedingt mussten wir das rund dreistündige Werk kürzen. Viele Da-capo-Wiederholungen in den Arien fallen weg, auch einige Chöre. Die Kürzungen haben wir miteinander entschieden und sie tun dem Oratorium auch gut. Die Farbigkeit der Affekte und Kontraste bleibt erhalten und durch die Kürzungen bekommt das Ganze eine große Sogkraft und Stringenz. Heinz Ferlesch ist ein toller Partner, er trägt die Sänger auf Händen. Es gab nie einen Kampf zwischen Regisseur und Dirigent, sondern immer Dialog und das Bestreben, Lösungen zu finden. Heinz Ferlesch hat sich immer wieder gewundert, dass ich so oft in den rein musikalischen Proben war. Aber ich lerne so viel von Händels Musik, was da an Subtext, an Unterströmungen und musikalischer Rhetorik enthalten ist. Etwa das ergreifende letzte Duett von Iphis und Hamor: Eigentlich ist es ein Abschied, aber es steckt so viel Sehnsucht darin, dass es wie ein neues Liebesduett klingt. Oder das Accompagnato-Rezitativ, wenn Jephtha seinen Eid schwört: das hat Shakespeare’sche Größe!

Eine große Rolle spielt ja bei Händel immer auch der Chor …
Otteni: Der Chor ist zum Küssen, die Sängerinnen und Sänger sind bestens vorbereitet (Anm.: von Benjamin Lack) und wunderbar aufgeschlossen für die szenischen Aktionen. Katharina von Glasenapp

Premiere „Jephtha“ von Georg Friedrich Händel: Sonntag, 13. März, 19.30 Uhr, Landestheater Bregenz, Großes Haus. Weitere Informationen und Aufführungstermine: www.landestheater.org