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Je strenger die Moral, desto mehr Nackte

12.03.2022 • 22:35 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Lucas Cranach der Ältere: „Das Goldene Zeitalter“, um 1530.      <span class="copyright">Wikimedia Commons </span>
Lucas Cranach der Ältere: „Das Goldene Zeitalter“, um 1530. Wikimedia Commons

Ein Gespräch mit Markus Hofer über sein neues Buch „Das Heilige und das Nackte“.

Wie sind Sie auf das Thema Nacktheit und Heilige gekommen?
Markus Hofer: Das hat eine lange Inkubationszeit in meinem Hinterkopf gehabt. Ich habe mich in meiner früheren Arbeit als Männerberater in der katholischen Kirche viel mit Männern, Frauen und Sexualität auseinandergesetzt. Mir sind dann im Laufe der Zeit auch Bilder aufgefallen, vor allem solche von Maria Magdalena und vom heiligen Sebastian. Es ist schon erstaunlich, wie viel Nacktheit in der Kirche abgebildet wird. In der Pandemie hatte ich die Zeit, diesem Thema systematisch nachzugehen. Ich war selber überrascht, wie vielseitig diese Thematik ist.

Wie kommt nun die Nacktheit in die Kirche?
Hofer: Die Sexualität ist einfach eine starke Kraft, und die kann man nicht unterdrücken. So sehr man auch moralisiert – und das tut man in der Kirche seit der Spätantike mit der nichtbiblischen Lustfeindlichkeit –, die Sexualität verschwindet nicht. Erst in der Neuzeit ist die Sexualmoral richtig rigide geworden. Je strenger aber die Moral, desto mehr Nackte findet man auf den Bildern.

Nimmt Maria Magdalena eine Sonderstellung ein?
Hofer: Maria Magdalena ist eine Heilige, der viel Unrecht geschehen ist. Die historische Maria Magdalena, die Apostolin der Apostel, der der auferstandene Jesus als erste begegnet, hat nichts mit der Sünderin im Evangelium zu tun. Die Sünderin, die Jesus die Füße ­wäscht, hat keinen Namen. Bald wurde Maria Magdalena aber in ­Verbindung mit ihr gebracht. Auf Bildern wurde sie immer mit offenen Haaren dargestellt. Eine züchtige Frau hatte damals ihre Haare unter der Haube.

zur Person

Markus Hofer

Geboren 1957, lebt in Götzis. Studium der Philosophie, Theologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Langjähriger Leiter des Männerbüros der Katholischen Kirche Vorarlberg. Mehrere Publikationen. Seit 2014 an der Fachstelle Glaubensästhetik in Feldkirch tätig.

Warum gab es im Mittelalter keine Darstellungen von Nacktheit in Heiligenbildern?
Hofer: Im Mittelalter war Nacktheit selbstverständlich. Alle haben im selben Raum geschlafen, Nachthemden und Unterhosen gab es früher noch nicht. Darum findet man auch keine Abbildungen von nackten Heiligen. Ab dem 16. Jahrhundert tauchen dann diese Bilder von Maria Magdalena auf, auf denen sie nackt dargestellt wird. In der Magdalenenkapelle in Feldkirch-Levis findet man sie zum Beispiel mit viel Stoff bekleidet, jedoch sind die Brüste nicht bedeckt. Die Sexualmoral erfuhr durch Luther, die Gegenreformation und auch durch die Syphilis eine gewisse Strenge. Dies war dann ein guter ­Nährboden, auf dem die Maler, vordergründiger oder auch etwas ­differenzierter, Nacktheit darstellten.

Ist die Scham etwas, dass beim Menschen von Anfang an dazugehört?
Hofer: Der Soziologe Norbert Elias stellt die Scham als etwas dar, das zivilisatorisch hinzugekommen ist. In den 1990er-Jahren schreibt der Ethnologe Hans Peter Dürr ein fünfbändiges Werk, in dem er Elias zu widerlegen suchte. Die Ethnologie fand nämlich heraus, dass es kein sogenanntes Naturvolk gibt, das frei von Scham ist. Auch wenn dieses nahezu unbekleidet lebte. Es gab dann ganz klare Schamregeln, die vorgaben, wo man hinsehen durfte und wohin nicht. Im übertragenen Sinn fängt bei Adam und Eva, als sie vor Scham die Feigenblätter nahmen, um sich zu verhüllen, die Geschichte der Menschheit an.

Eine der Abbildungen im Buch.    <span class="copyright">wikimedia commons</span>
Eine der Abbildungen im Buch. wikimedia commons

Was macht das Erotische von einem Heiligenbild aus?
Hofer: Die beiden Pole vom Heiligen und vom Nackten tun einander gut. Im 19. Jahrhundert bricht das jedoch auseinander. Die Folge ist, dass das Heilige blutleer und steril wird und das Nackte pornografisch. Das Heilige gibt dem Nackten auch ein Stück Würde, finde ich. Für mich gibt es nichts Unerotischeres als ein Nackt-Selfie, das mit einem Handy verschickt wird. Das Spiel zwischen verhüllen und entbergen macht die Erotik aus. Auf den Heiligenbildern ist die Nacktheit etwas Besonderes, obwohl es da auch schon manchmal in Richtung Porno geht. In der heutigen Zeit kommt es oft zu einer Banalisierung des Nackten, was ich eher würdelos finde. Für mich sind das Heilige und das Nackte ein sehr fruchtbares Paar. Die christlichen Moralisten haben also sehr wohl etwas zu diesem Spiel von Bergen und Entbergen beigetragen, letztlich zur Kultivierung der Erotik. Es gibt im Leben nicht nur Schwarz und Weiß. Daniel Furxer

Autor Markus Hofer.   <span class="copyright">Thomas Ender</span>
Autor Markus Hofer. Thomas Ender

Heilige Pin-Up-Girls und erotische Schmerzensmänner

Nackte Heilige vermutet man nicht unbedingt, wenn man ein Kirchengebäude betritt. Dass diese in Kirchen in ganz Europa zu finden sind, zeigt Markus in seinem Buch „Das Heilige und das Nackte“ auf. Maria Magdalena wird als Pin-up-Girl dargestellt. Der heilige Sebastian wird als leidender Schmerzensmann gemalt, meist nur mit einem Lendenschurz ausgestattet.

Ab dem moralisch strengen 16. Jahrhundert sucht sich die Nacktheit und die Sexualität ein Ventil in Gemälden. Zu sehen gibt es dabei einiges für Männer und für Frauen, wie der Autor ausführt. Gerade der heilige Sebastian wurde häufig in seiner ganzen Pracht dargestellt, sodass der Reformator Ulrich Zwingli meinte, die Frauen, die dies sähen, müssten beichten gehen.

Wortgewandt

Hofer beschreibt sehr wortgewandt, wie sich das Mittelalter, in dem die Nacktheit ganz natürlich war, in das prüde Zeitalter der Aufklärung verwandelte. Er räumt dabei auch mit einigen Klischees auf und legt dar, dass die Aufklärer in Sachen sexueller Aufklärung eine noch konservativere Haltung als die katholische Kirche einnahmen.

Einer strengen Sexualmoral stehen umso freizügigere Bilder entgegen, die auch in der päpstlichen Hauskapelle ihren Platz finden. Michelangelo, von dem man mittlerweile weiß, dass er homo­sexuell war, malte dort wunderschöne nackte Jünglinge an die Decke. Das Spannungsfeld zwischen einer homophoben Kirche und homo­erotischen Männern könnte kaum größer sein.

Reich bebildert

Im reichlich bebilderten Buch findet man die Darstellung biblischer Szenen, aber auch Beispiele aus alten Kulturen. Der nackte David findet ebenfalls seinen Raum, wie auch die bekannte biblische Geschichte der badenden Susanne.


Der flämische Maler Peter Paul Rubens hat mit seinem Meisterwerk „Samson und Delilah“ eine Szene voll von Erotik gemalt. Indem er den starken Samson auf den Knien von Delilah schlafend abbildet und sie mit entblößtem Busen zeigt, ist die Interpretation für den Betrachter recht eindeutig.

Diese Verbindung von Heiligem und Nacktem, die in die Erotik mündet, arbeitet Hofer in vielen Beispielen heraus. Und stärkt so seine These, dass das Heilige und das Nackte zum erotischen Wechselspiel beitragen. In kurzweiligen Kapiteln führt Hofer durch die Kulturgeschichte, und man bleibt am Text ebenso hängen wie an den Bildern.

Buchpräsentation: 29. März, 19 Uhr, vorarlberg museum Bregenz. Anmeldung: www.vorarlbergmuseum.at/kalender

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