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Kein Platz im Heim, kein Geld für mehr Hilfe

12.03.2022 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Wilfried Lützkendorf am Tisch, wo die meiste Zeit des Tages verbringt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Wilfried Lützkendorf am Tisch, wo die meiste Zeit des Tages verbringt. Hartinger

Wilfried Lützkendorf ist schwer krank und dennoch nur in Pflegestufe eins gereiht.

Es ist eine prekäre Lage, in der sich der 69-jährige Wilfried Lützkendorf befindet.

Er lebt alleine in einer 60-Quadratmeter-Wohnung in Hittisau, kann wegen einer Erkrankung nicht nach draußen gehen, ist nach der kleinsten Anstrengung – und sei es nur Zähneputzen – erschöpft und er hat kaum Menschen um sich herum. In ein Pflegeheim kann er nicht, da er die dafür notwendige Pflegestufe nicht aufweist. Um mehr Unterstützung von ambulanten Diensten zu bekommen, fehlt ihm das Geld.

Die NEUE am Sonntag besucht den gebürtigen Deutschen gemeinsam mit Hospizmitarbeiter Roman Sutterlüty, der öfters bei ihm vorbeischaut. Wilfried Lützkendorf ist fremde Menschen nicht mehr gewöhnt, deshalb ist Sutterlüty als Bekannter bei dem Gespräch dabei. Im Wohn-Essraum läuft der Fernseher, der Senior sitzt am Tisch und dreht sich eine Zigarette. „Alle raten mir vom Rauchen ab, doch das ist mir wurscht. Das Rauchen lasse ich mir nicht nehmen“, sagt Wilfried Lützkendorf. Zu seiner Nase führen über die Ohren zwei dünne Schläuche, die mit einer großen Flasche, die am Boden steht, verbunden sind. Das ist ein Sauerstoffgerät. Wenn Lützkendorf es für längere Zeit abnimmt, bekommt er zu wenig Luft. Er leidet an der Lungenkrankheit COPD (chronisch ob­s­truktive Lungenerkrankung), Stufe vier. Das ist die höchste und letzte Stufe.

Nach jeder Tätigkeit erschöpft

Wilfried Lützkendorf ist geistig topfit. Seine Körperpflege kann er selbst erledigen, genauso den Abwasch und das Aufwärmen von Fertiggerichten. Das ist dann aber schon alles, und diese Tätigkeiten strengen ihn zudem sehr an. Nicht nur wegen seiner Erkrankung, sondern auch deshalb, weil er durch mangelnde Bewegung keine Kondition mehr hat. Beim Gehen benötigt er einen Gehbock. Wilfried Lützkendorf verbringt seine Tage, indem er, wie er sagt, „dasitzt, fernsieht oder liegt. Was soll ich sonst machen?“ Dieser Zustand dauert nun schon etwa drei Jahre.

Der 69-Jährige lebt seit zwölf Jahren in Vorarlberg, ursprünglich zog er wegen einer Lebenspartnerin her. Mittlerweile hat er keine Angehörigen mehr. Nur die Mitarbeiter von Hilfsdiensten kommen bei ihm vorbei. Das sind neben dem Hospiz und dem IfS der Krankenpflegeverein, der ein Mal wöchentlich bei Wilfried Lützkendorf ist, und eine Frau vom Mohi, die für drei Stunden an einem Nachmittag pro Woche Hausarbeiten verrichtet. Diese Dienste reichen nicht aus.

Optimal wäre, wenn pro Tag jemand ein, zwei Stunden im Haushalt hilft.

Wilfried Lützkendorf, Pensionist

Wie ihm geholfen wäre

„Optimal wäre, wenn pro Tag jemand für ein, zwei Stunden im Haushalt und vor allem beim Kochen hilft. Denn das Fertigessen macht nicht so super viel Spaß“, so Wilfried Lützkendorf ironisch. Er hat es zwar schon mit Essen auf Rädern probiert, doch das schmeckte ihm überhaupt nicht. Man muss dazu sagen: Wilfried Lützkendorf war früher ein wohlhabender Mann, der einen Glasbaubetrieb besaß. Er konnte sich alles leisten und lebte auf einem ganz anderen Niveau als jetzt. Vielleicht tut er sich auch deshalb schwer mit Essen auf Rädern.

Von dem Geld ist nichts übriggeblieben und der ehemalige Unternehmer muss von seiner kleinen Pension jeden Cent drei Mal umdrehen. Seine Wohnung kann er sich nur leisten, weil er im Förderprogramm des Landes „Soziales Netzwerk Wohnen“ ist.

Wenn Wilfried Lützkendorf  mit dem Rollator geht, zieht er stets die Schläuche des Sauerstoffgerätes mit.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Wenn Wilfried Lützkendorf mit dem Rollator geht, zieht er stets die Schläuche des Sauerstoffgerätes mit. Hartinger

„Schauen nicht dahinter.“

Obwohl Lützkendorf in seinem Alltag so stark eingeschränkt ist, ist er nur in Pflegestufe eins gereiht. Hospizarbeiter Roman Sutterlüty, der ein Ein-Mann-Unternehmen mit Hilfsdiensten für Senioren betreibt und im Krankenpflegeverein tätig ist, kennt sich mit dem Thema aus. Er sagt: „Die Begutachter des Pflegegeldes fragen zum Beispiel, ob jemand selbst abwaschen kann. Wird dies bejaht, ist der Punkt für sie erledigt. Sie schauen nicht dahinter. Wilfried etwa ist nach dem Abwasch erschöpft.“

Wegen seiner prekären Situation dachte Wilfried Lützkendorf auch schon daran, in ein Pflegeheim zu gehen, denn das würde vom Staat bezahlt. Doch dort werden Menschen üblicherweise erst ab Pflegestufe vier aufgenommen. „Wenn es genügend Heimplätze gäbe, bekäme Wilfried vielleicht einen Platz. Doch in der derzeitigen Situation mit fast 100 gesperrten Betten in ganz Vorarlberg hat er keine Chance“, sagt Roman Sutterlüty. So sah es auch die Case Managerin, die ebenfalls involviert war, aber nicht mehr für Wilfried Lützkendorf tun kann.

Keine Option

Eine 24-Stunden-Pflegerin kommt ebenfalls nicht infrage, da diese zu teuer, die Wohnung zu klein und der Betreuungsbedarf von Lützkendorf zu gering ist.
Käme der 69-Jährige wenigs­tens in Pflegestufe zwei oder drei, würde das zumindest mehr Geld bringen. „Damit wäre vieles leichter, weil ich dann mehr ambulante Diens­te bezahlen könnte.“ Eine Erhöhung habe er schon oft beantragt. Die letzte Absage erhielt er im Sommer 2021. Im Dezember 2021 stellte das IfS einen neuen Antrag auf Erhöhung, doch bis heute kam der Termin, bei dem ein Sachbearbeiter oder Arzt die Lage erhebt, nicht zustande.

Wie es weitergeht, ist ungewiss. Wilfried Lützkendorfs Krankheit wird sich voraussichtlich bald verschlechtern. So ist zu hoffen, dass wenigs­tens das soziale Angebot besser wird.

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