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Ohne Plan “droht in Europa bald Chaos”

13.03.2022 • 15:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Migrationsforscher Gerald Knaus
Migrationsforscher Gerald Knaus kleinezeitung

EU stehe “die größte Flüchtlingskrise ihrer Geschichte bevor”.

Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen hat der Krieg bereits aus der Ukraine vertrieben. Ist das erst der Anfang?

Gerald Knaus: Derzeit deutet alles darauf hin, ja. Flucht aus vielen großen Städten, die nun unter Beschuss sind, steht uns wohl noch bevor. Putins Art, Krieg zu führen, zielt auf solche Fluchtbewegungen ab. Und sollte er große Teile des Landes besetzten, werden die Frauen und Kinder, die kommen, nicht nur bleiben. Es werden auch ihre Männer nachkommen.

Eine baldige Rückkehr scheint also wenig realistisch?

Die Menschen wollen in ihrem Land bleiben, dafür kämpfen sie. Es geht nicht um Auswanderung, sondern um Flucht vor Gewalt und Bomben. Und sie können, abgesehen vom armen Moldawien, nur in die EU fliehen, das ist alternativlos.

Ihnen hat die EU unbürokratischen Schutz abseits der Asylsysteme zugesagt. Ist es damit getan?

Das war eine historische und richtige Entscheidung. Angesichts der Zahl jener, die derzeit ankommen und die wohl noch kommen werden, ist allerdings noch niemand vorbereitet. Es braucht dringend eine Luft- und Zugbrücke, Logistik, damit Menschen aus den Nachbarländern der Ukraine geholt und in aufnahmebereite Städte in der ganzen EU gebracht werden. Denn Länder wie Polen, Rumänien und Moldau sind bereits jetzt am Limit.

Auf eine Verteilung konnte man sich auch diesmal nicht einigen. Ist das nicht illusorisch?

Es geht nicht um Quoten, sondern um Menschen, denen droht, auf der Straße zu bleiben, wenn noch Millionen kommen. Es gibt in Europa enorme Empathie. Nun braucht man ebenso viel Organisation. Wenn Madrid, Paris oder Vorarlberg sagen: Wir können Tausende aufnehmen, muss man sie nur hinbringen. Man braucht keine Zustimmung der Staaten, dank EU-Richtlinie. Wir brauchen zuversichtliches Vorgehen williger Staaten mit Unterstützung der Bevölkerung. Wer jetzt nicht daran arbeitet, steckt den Kopf in den Sand.

Und wenn das nicht gelingt?

Dann drohen in wenigen Wochen Millionen Menschen – vor allem über Österreich und Deutschland – durch die EU zu irren, auf der Suche nach Unterkunft. Neben notwendiger Improvisation in einer Megakrise droht dann unnötiges Chaos und Sorge. 2015 kamen viel weniger, das war im Vergleich nur eine Übung. Und auch damals gab es Populisten, die versuchten, davon zu profitieren.

Könnte die Stimmung also schnell umschlagen?

Es liegt an uns Europäern. Zweckoptimismus ist nicht irrational. Die immense Hilfsbereitschaft in der EU, mit der der Kreml nicht gerechnet hat, macht Mut. Und auch wenn das umschlägt, werden die Menschen kommen. Es wird dann nur viel schwieriger zu bewältigen. Putin hofft, dass Angst vor Flüchtlingen seinen Anhängern in der EU hilft.

Was muss getan werden, damit das nicht passiert?

Es braucht einen Stab mit Ex-Spitzenpolitikern und Experten für Kommunikation. Es braucht Zusagen für die Aufnahme von Bürgern, Städten und Ländern und das Organisieren von Transporten. Eine Konferenz nächste Woche, wo man Spitzenpolitiker vom Kaliber eines Barak Obama, auch aus der EU, ernennt, die an Staaten auch außerhalb der EU appellieren, aufzunehmen. Wie 1956 beim Ungarn-Aufstand. Da haben sich die Hälfte der damals existierenden Staaten der Welt an einer Aufnahme beteiligt und Ungarn aus Österreich abgeholt. Und man muss erzählen, wo und wie Empathie hilft. Positive Geschichten, Inspiration und Kooperation, wie einst bei der Berliner Luftbrücke 1948, einer der ersten Krisen im letzten kalten Krieg.

Entsprechende Bemühungen sind bisher nicht erkennbar.

Noch nicht. Weil zu viele Länder hoffen, dass die Menschen weiterziehen. Sich darauf zu verlassen und nicht rechtzeitig für Unterkünfte zu sorgen, wäre vollkommen unverantwortlich. Gerade Österreich und Deutschland sollten sich dafür einsetzen, sonst gehören sie bald zu den Hauptbetroffenen, weil dann viele hier feststecken.

Wenn wir das gut organisieren, ist ein humanitärer Erfolg in dieser Tragödie möglich. Dazu muss man realistisch sein. Es ist nicht damit getan, dass man ein paar Zehntausend für zwei Wochen unterbringt. Dies ist schon jetzt die größte humanitäre Flüchtlingskrise in der Geschichte der EU. Je schneller das jeder erkennt, desto besser.

Von dieser Erkenntnis ist in Österreich bisher nichts zu bemerken. Sind wir nicht ausreichend vorbereitet?

Kein EU-Land ist ausreichend vorbereitet ist. Das ist verständlich, auf historisch einmalige Ereignisse bereiten sich Verwaltungen ja nicht vor. Aber man muss jetzt klar kommunizieren, dass wir damit rechnen müssen, dass mehr Menschen nach Österreich kommen werden als 2015/2016. Allein in Moldawien sitzen schon mehr Menschen als jene, die damals während der gesamten Krise nach Österreich gekommen sind. Jeden Tag kommen mehr und viele werden weiterziehen.

Sorgt diese Aussicht nicht erst recht für Panik?

Nicht, wenn es gelingt, jene zu mobilisieren, die helfen wollen. Dann kann das eine Sternstunde der Humanität in der EU werden. Nur muss man ehrlich kommunizieren. Es wird schwierig. Man braucht einen langen Atem. Helfer brauchen den Staat, um langfristig helfen zu können. Wir werden kurzfristig wohl auch Menschen in Turnhallen und Messen unterbringen müssen, aber je besser die europäische Empathie genutzt wird, desto weniger wird dies nötig.

Und Österreich soll sich trotzdem aktiv für zusätzliche Aufnahmen einsetzen?

Menschen werden ohnehin nach Österreich kommen. Die Frage ist: organisiert oder chaotisch? Je mehr alle Ebenen kooperieren, desto besser. Die Gesellschaft kann das schaffen – aber nur mit Realismus, ohne Illusionen. Die EU-Staaten haben Ukrainern ein Versprechen von Schutz gegeben. Das gilt es einzuhalten. Denn im Vorfeld dieses Krieges hat die EU versagt.

Inwiefern?

Wir haben versagt, Putins Brutalität richtig einzuschätzen. Der Krieg hätte uns spätestens im Oktober nicht mehr überraschen dürfen. Er läuft in Wahrheit seit acht Jahren. Viele haben bei der Annexion der Krim weggesehen, den Krieg im Donbass ignoriert. Die Ukraine blieb allein, und kämpft allein. Sanktionen sind richtig, aber sie kamen zu spät.

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