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„Angst, es könnte noch etwas kommen“

19.03.2022 • 17:57 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Sigrid Hämmerle-Fehr leitet die ifs-Beratungsstelle Feldkirch.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Sigrid Hämmerle-Fehr leitet die ifs-Beratungsstelle Feldkirch. Klaus Hartinger

Psychotherapeutin erläutert, was Kriegsbilder mit Psyche machen.

Seit über drei Wochen gibt es Krieg in Europa. Was machen die Bilder von Gewalt, Flucht, Zerstörung mit der Psyche der Menschen bei uns?
Sigrid Hämmerle-Fehr: Bilder sind grundsätzlich ein Medium, das auf unsere Psyche, auf unsere Emotionen wirkt. Abgesehen von Text und Gehörtem ist der Sinneskanal der Augen schon einer der, der viel wahrnimmt und aufnimmt. Ein Bild wirkt auf jeden Fall auf Emotionen. Es regt etwas an, es macht betroffen, es erschreckt uns und gerade solche Kriegsbilder sind etwas, das Aufmerksamkeit erregt.

Welche Ängste und Sorgen können damit ausgelöst werden?
Hämmerle-Fehr: Das hängt sehr davon ab, was ein Mensch für eine Vorgeschichte hat. Es kann Menschen treffen, die Erinnerungen damit verknüpfen oder Menschen, die das zum ersten Mal sehen oder nur aus Filmen kennen. Das ist natürlich ein Unterschied. Da haben wir ganz individuelle Reaktionsmöglichkeiten.

Zur Person

Sigrid Hämmerle-Fehr

Geboren 1974 in Feldkirch, dort auch aufgewachsen.

Sozialpädagogin und Psychotherapeutin.

Seit 1998 beim Institut für Sozialdienste (ifs) als Streetworkerin, Jugend- und Elternberaterin und Psychotherapeutin beschäftigt.

Derzeit Leiterin der Beratungsstelle Feldkirch, regionale Sozialberatung.

Wie ist das dann für Menschen, die Kriegserfahrungen haben, ältere Menschen oder geflüchtete Menschen?
Hämmerle-Fehr: Es werden sicher unangenehme, Angst machende Erinnerungen ausgelöst, bis zu dem, dass eine Traumatisierung wiederbelebt werden kann. Wenn Menschen durch eigene Kriegserfahrungen eine Traumatisierung erlebt haben, dann können solche Bilder zu sogenannten Triggern werden. Diese Menschen können dann wieder in eine bedrohliche Gefühlslage kommen – wie damals in der realen Situation.

Die Bilder aus der Ukraine wirken auf unsere Psyche.  <span class="copyright">AP </span>
Die Bilder aus der Ukraine wirken auf unsere Psyche. AP

Was kann das bei Kindern auslösen?
Hämmerle-Fehr: Das ist ebenfalls sehr unterschiedlich, auch je nach Alter. Wir haben als Menschen die Fähigkeit, dass uns ein Bild zu abstrakt ist. Für ein Kind kann manchmal etwas sehr abstrakt sein, sodass es das gar nicht als real wahrnimmt. Es gibt spannende Untersuchungen zum Thema Medienkonsum beziehungsweise Spielekonsum. Es gab ja immer die Diskussion darüber, was Shootergames mit Kindern machen. Die Generation, die nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, hatte immer das Gefühl, damit würden Kinder zu gewalttätigen Monstern. Das muss aber nicht unbedingt so sein, weil Kinder das unter Umständen sehr abstrakt wahrnehmen und nicht mit der Realität verknüpfen.

Kann man das auf die Kriegsbilder übertragen?
Hämmerle-Fehr: Je nachdem: Wenn Kinder älter sind und bei den aktuellen Kriegsbildern merken, da passiert wirklich real etwas und Menschen werden getötet, dann kann das schon sehr irritierend sein und sie können Fragen stellen.

Was für Antworten gibt man darauf?
Hämmerle-Fehr: Es ist grundsätzlich immer wichtig, Kinder ernst zu nehmen. Das heißt auch in dem Fall, auf die Fragen von Kindern eingehen und zum Beispiel ja nicht sagen, das ist nichts und konkrete Fragen abtun. Dann soll versucht werden, altersgerechte, sachliche Informationen zu geben – in zwar in dem Ausmaß, wie es für das Kind in der momentanen Situation wichtig ist.

Was heißt das?
Hämmerle-Fehr: Das heißt, nicht zu viel sagen, sondern ganz sensibel zu schauen, welche Fragen hat ein Kind wirklich. Es möchte zum Beispiel wissen, was passiert mit den Menschen, die flüchten? Dann kann man sagen, die gehen in Nachbarländer oder kommen eventuell auch zu uns und bekommen Hilfe. Dann soll auch wieder geschaut werden, ob das schon genug für das Kind ist. Auf keinen Fall ganze Romane erzählen.

Es tritt auch ein Gewöhnungseffekt ein, sagt Hämmerle-Fehr. <span class="copyright">Hartinger</span>
Es tritt auch ein Gewöhnungseffekt ein, sagt Hämmerle-Fehr. Hartinger

Kann die Vielzahl der Kriegsbilder, die wir derzeit geliefert bekommen, auch zu einer Abstumpfung führen?
Hämmerle-Fehr: Ja, auf jeden Fall. Das kennen wir ja, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt. Anfangs reagiert man noch erschrocken und betroffen. Je häufiger wir so was dann sehen, umso „normaler“ wird es.

Ist der einzige Schutz, sich dieser emotionalen Überflutung zu entziehen, sich den Medien zu entziehen?
Hämmerle-Fehr: Es ist wichtig, den Medienkonsum gut zu dosieren. Was schon auch hilft ist, sich sachliche Informationen zu suchen. Viele möchten wissen, was wirklich passiert, um eine Situation einzuschätzen. Daher ist es sinnvoll, Informationen aus ein paar seriösen Quellen zu sammeln, um sich ein Bild zu machen. Das ist auch ein menschliches Bedürfnis. Man kann ja wählen zwischen reißerischen und sachlichen Inhalten und das auch begrenzen.

„Es ist grundsätzlich immer wichtig, Kinder ernst zu nehmen.“

Sigrid Hämmerle-Fehr, Psychotherapeutin

Nun kommt dieser Krieg ja in einer Zeit, in der die Psyche vieler Menschen auch durch die lange Pandemie angeschlagen ist. Gibt es da einen Zusammenhang?
Hämmerle-Fehr: Da kann man schon einen sehen. Es gibt eine Überbelastung durch Corona. Die Pandemie hat viele Einschränkungen und das Fehlen von Sicherheit mit sich gebracht. Man konnte nicht einschätzen, wie sich die Lage entwickelt, wann es besser wird. Es herrschte und herrscht Unsicherheit. Und jetzt kommt diese Kriegssituation noch dazu. Da geht es wieder um Sicherheit. Von Menschen in der Beratung hören wir öfters, jetzt ist doch grad noch Corona und jetzt kommt noch mal was dazu. Viele haben den Eindruck, dass wir von einer Tragödie in die nächs­te stolpern.

Haben Sie den Eindruck, dass bei den Menschen das Gefühl entsteht, dass die Welt unsicherer und instabiler wird?
Hämmerle-Fehr: Man könnte schon den Eindruck kriegen, vor allem weil es bei Corona und dem Krieg um das Thema Sicherheit, Berechenbarkeit geht. Da ist auch die Angst, es könnte noch etwas kommen. Das hat auch damit zu tun, dass wir es nicht gewohnt sind. In Mitteleuropa haben die letzten zwei Generationen so etwas nicht erlebt – dass sich plötzlich etwas bewegt, auf das wir relativ wenig Einfluss haben.

Wie reagieren Menschen darauf, wenn sie das Gefühl haben, es wird alles unsicherer und unberechenbarer?
Hämmerle-Fehr: Das ist ganz unterschiedlich. Rückzug ist eine Strategie. Rückzug in den privaten Raum, in die Familie. Dieses Gefühl kann Leute auch vorsichtiger machen. Wobei es sicher wieder andere gibt, die sagen, jetzt ist es eh schon alles egal, ich gebe Gas, ich muss mich ablenken und möchte möglichst viel tun. Aber das hängt stark mit der jeweiligen Persönlichkeit zusammen.