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Der Protest kommt Putin näher

19.03.2022 • 19:28 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Owsjannikowa, als sie nach ihrem Verhör vor die Presse trat – und ihr langsam klar wurde, dass sie in einem Russland unter Machthaber Wladimir Putin zur neuen „Staatsfeindin“ wurde
Owsjannikowa, als sie nach ihrem Verhör vor die Presse trat – und ihr langsam klar wurde, dass sie in einem Russland unter Machthaber Wladimir Putin zur neuen „Staatsfeindin“ wurde. APA/AFP/-

Ihr Anti-Kriegs-Protest hat sie zur Märtyrerin gemacht.

Sechs Sekunden. Sechs Sekunden zur besten Sendezeit sind es, für die Marina Owsjannikowa all ihren Mut zusammennimmt, sich in der ganzen Nation bekannten Nachrichtensendung plötzlich hinter der Sprecherin aufbaut und ihr Plakat in die Kamera hält: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen“, steht darauf. Dazu ruft sie mehrmals laut ins Studio: „Nein zum Krieg!“

Zuvor hat sich die 43-Jährige den besten Platz überlegt, um gesehen zu werden. Erwartungsgemäß schnell wird von der Regie ein aufgezeichneter Beitrag eingespielt, die 43-Jährige eilt zurück an ihren Schreibtisch, wo man sie zur Rede stellt.

In einem Land, in dem der Krieg nicht beim Namen genannt werden darf und Kriegsverbrechen mit „Spezialoperation“ umschrieben werden, ging die zweifache Mutter weit, sehr weit. Viel Mut – den aufzubringen, für die Redakteurin alternativlos war. Die Nation wachzurütteln. Vorbei an der vom Kriegstreiber im Kreml verordneten Zensur, Zuschauer mit der Wahrheit zu konfrontieren: Darum ging es ihr. Dabei war sie selbst lange genug Teil dieses Systems, sagen Kritiker: Über Jahre habe sie beim Ersten Kanal die Propagandapolitik des Kreml mitgetragen. Sie habe wie ihre Kollegen und Kolleginnen 2014 geschwiegen, „als alles begann“, und später, als Alexej Nawalny vergiftet worden sei. „Ich habe einfach mein Leben gelebt. Doch die Lügen wurden mehr, und ich konnte nicht mehr schweigen, erzählte sie der BBC. Nach 14 Stunden Verhör kam Owsjannikowa mit einer Geldstrafe davon – erledigt ist die Angelegenheit damit indes noch lange nicht.


Zerrissenheit, das ist das Gefühl, das seitdem in der Journalistin vorherrscht: „Ich glaube an das, was ich getan habe“, gibt sie zu Protokoll – zugleich habe sie nun „extreme Sorge“ um ihre Sicherheit und jene ihrer Kinder. „Ich kann nicht mehr zurück in mein altes Leben, es gibt kein Zurück.“ Sich ins Ausland abzusetzen, ist für die bis zum vergangenen Montag bei „Wremja“ für „Auslandsnachrichten“ Zuständige trotzdem keine Option. „Wir wollen auf keinen Fall weg, nirgendwo hin auswandern“, betont Owsjannikowa, wissend, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ihr Asyl angeboten hat. Die Konsequenzen könnten gravierend sein.

Zur Person

Marina Owsjannikowa wurde 1978 in Odessa in der damaligen Sowjetunion und heutigen Ukraine geboren. Die Fernsehredakteurin arbeitete bis zuletzt für den TV-Sender Perwy Kanal (Erster Kanal). Dort war sie für den Bereich „Auslandsnachrichten“ zuständig, recherchierte, führte Interviews und produzierte Fernsehbeiträge.

Klar ist: Die Unbeugsame aus Odessa wird gut daran tun, im Gespräch zu bleiben, gerade ein Verschwinden aus der Öffentlichkeit könnte fatal sein, wie unzählige Schicksale von Systemkritikern zeig(t)en.

In diesem Krieg, der auch in den Medien geschlagen wird, begann rasch nach dem Auftritt bereits der Kampf um die Deutungshoheit der Protestaktion. Duma-Abgeordnete stellten sie als „verrückte Fanatikerin“ hin. Andere kremlnahe Stimmen verwiesen auf ihre Herkunft und ihren ukrainischen Mädchennamen Tkatschuk, um sie als Verräterin zu diskreditieren. Denn die 44-Jährige ist wie unzählige Menschen in Russland – Kind „beider Seiten“: der Vater Ukrainer, die Mutter Russin. Im Interview mit dem „Spiegel“ erklärt sie, warum sie am Ende nicht anders konnte: „In unserem Land hatte die Staatspropaganda schon vor dem Krieg schreckliche Formen angenommen. Jetzt ist es unmöglich, die Propaganda zu ertragen.“ Davon, eine Heldin zu sein, will Owsjannikowa selbst nichts wissen: „Ich fühle mich absolut nicht so.“ Was nun kommen mag, vermag sie nicht vorauszusagen, denn: „Planen kann ohnehin niemand mehr.“


Eines zeigt ihre Aktion bereits: die tiefe Spaltung des Landes. Selbst in Russlands Elite regt sich Widerstand – obgleich sich aus Angst vor Repressionen bislang kaum jemand äußerte. Doch die Mauer bröckelt – und Owsjannikowas Schritt dürfte dies verstärken. Arkadi Dworkowitsch, Chef des Weltschachverbands und enger Kreml-Vertrauter, äußerte erstmals leise Kritik. Eine Panne gab es am Freitag bei einem Propaganda-Auftritt: Als Wladimir Putin im Moskauer Luschniki-Stadion den „Heldenmut“ seiner Soldaten lobte, war er plötzlich „weg“ – stattdessen waren aufgezeichnete Bilder zu sehen. Die Live-Übertragung wurde unterbrochen – wie jene von Owsjannikowa. Offiziell wegen „technischer Probleme“, doch auch Sabotage scheint vorstellbar.