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„Eine Goldene muss ich fast noch holen“

19.03.2022 • 22:21 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Thomas Steu bei den Olympischen Spielen. <span class="copyright">Gepa</span>
Thomas Steu bei den Olympischen Spielen. Gepa

Thomas Steu blickt auf seine beiden Medaillen zurück.

Sie sind mit Bronze im Doppelsitzer und Silber im Teambewerb von den Olympischen Spielen in Peking nach Hause zurückgekehrt. Welche Medaille bedeutet Ihnen mehr?
Thomas Steu:
Beide Medaillen sind natürlich cool, aber die Bronzene bedeutet mir schon etwas mehr. Da waren nur wir zwei (mit Kollege Lorenz Koller, Anm.), so wie es immer ist. Es ist cool, die Teamstaffel zu fahren und sich gemeinsam zu freuen. Aber der Einzelbewerb ist unsere Hauptdisziplin.

Bei beiden Entscheidungen wurden Sie nur von deutschen Teams geschlagen. Warum waren die Nachbarn besser? Was hat Ihre Analyse ergeben?
Steu:
Die sind einfach am Start ein bisschen besser. Materialtechnisch war es schwer, weil es an dem Tag des Doppelrennens fünf Grad wärmer war als am Tag zuvor. Wir haben uns gedacht, wir sind schnell und lassen es jetzt lieber so. Wir hatten ja nur Trainingsbestzeiten abgeliefert. Und dann ist es um so viel wärmer geworden, und wir waren dann mit zu viel Sicherheit unterwegs. Das haben wir zu spät kapiert, solche Dinge passieren. Wir konnten es aber auch nicht wissen, weil die Einsitzer auch nichts verändert haben, und Wolfgang Kindl war auch extrem schnell. Die Deutschen haben es einfach besser getroffen, das muss man neidlos anerkennen.

Wenn man es positiv sehen will, lässt dies immerhin noch Luft nach oben. Streben Sie eine Goldmedaille noch an?
Steu:
Von mir aus schon. Ich muss noch mit Lorenz darüber reden, wie lange wir noch weitermachen. Nächstes Jahr machen wir auf jeden Fall weiter, und dann sehen wir weiter. Ich bin dafür, weil eine Goldene muss ich fast noch holen.

Sie haben bereits Ihre Trainingsbestzeiten angesprochen. Hat das den Druck auf eine Goldmedaille erhöht?
Steu:
Ich glaube, von außerhalb schon. Selbst habe ich mir nicht mehr Druck gemacht. Ich wusste, dass die Deutschen noch näher kommen werden, weil sie immer bluffen. Und wir sind unsere Trainingsläufe ziemlich voll gefahren. Ich hätte aber nicht gedacht, dass wir so weit hinten liegen. Aber schon während der Fahrt habe ich gemerkt, dass es zu leicht geht und wir zu sicher unterwegs sind.

Das heißt, Sie haben für sich am Ende das Optimale herausgeholt?
Steu:
Das Optimale nicht, aber das Maximale. Natürlich wollten wir um den Sieg mitfahren, aber es war einfach nicht mehr möglich. Aber ich finde es nicht dramatisch, Bronze ist trotzdem geil.

Ein großer Grund, dass es nicht zu mehr gereicht hat, war auch die Kurve 13. Dort hatten Sie in beiden Bewerben mit großen Problemen zu kämpfen. Wurden Sie von dieser Kurve in Ihren Träumen noch heimgesucht, oder konnten Sie bereits Ihren Frieden damit schließen?
Steu:
Ich glaube, ich konnte meinen Frieden damit schließen. Ich habe danach das Rennen noch mal angesehen, und es wäre verdammt eng geworden, dass wir im Teambewerb Gold gemacht hätten. Natürlich hätte es spannender sein können, und vielleicht hätten wir sogar Gold geholt, aber es bringt nichts, nachzuweinen. Bei Kurve 13 hat sich jeder schwer getan. Es hätte auch anders ausgehen können, nämlich, dass es uns umwirft. Deswegen bin ich mittlerweile zufrieden und habe meinen Frieden geschlossen.

Ihr Kopfschütteln beim Zieleinlauf, obwohl Sie wussten, dass Sie gerade eine Medaille gewonnen haben, zeigt aber auch, was für ein Typ Sportler Sie sind: selten ganz zufrieden und immer nach der Perfektion strebend.
Steu:
Ich wusste, das könnte der Fehler gewesen sein, wegen dem wir nicht ganz oben landen. Vielleicht war es auch so, vielleicht auch nicht, das werden wir nie wissen. Ich war einfach nicht hundertprozentig zufrieden mit dem Lauf.

Der 10. Februar war aus Vorarl­berger Sicht ohnehin der olympische Feiertag schlechthin. Wie haben Sie die Goldfahrten von Alessandro Hämmerle und Johannes Strolz an diesem Tag mitbekommen?
Steu:
Mich hat es einfach extrem für die beiden gefreut, weil ich weiß, was dahinter steckt und was sie dafür machen. Vor allem „Izzi“, der schon das dritte Mal am Start stand und zwei Mal schon Favorit war. Und jetzt das zu erreichen, war richtig cool. Und dann der Strolz, den sie aus dem Kader geworfen haben und der jetzt so eine Saison hinlegt. Mich freut es für die beiden. Aber am Abend habe ich mich auf unser Rennen konzentriert. Vielleicht hat es aber schon beflügelt.

In welchem Rahmen konnten Sie Ihre Medaillen im Anschluss in China überhaupt feiern?
Steu:
In dem Dorf, wo wir waren, hat es so eine Art Mini-Österreich-Haus gegeben. Am Abend sind alle vom Team zusammengekommen, auch einige Deutsche waren da und auch Strolz. Mit ihm habe ich auch angestoßen. Es ist eine kleine Party entstanden, die etwas länger gegangen ist. Das war es dann aber auch.

Während diesen Festivitäten und dem ganzen Zeremoniell, was ist da in Ihrem Inneren vorgegangen? Was passiert mit einem, wenn man gerade olympische Medaillen geholt hat?
Steu:
Wenn man das Ziel, eine olympische Medaille zu holen, erreicht hat, auf das man eigentlich sein ganzes Leben hinarbeitet, in dem Moment ist man ungefähr 400 Kilogramm leichter. Man freut sich auch extrem für seine Eltern, weil die natürlich immer mit dabei waren, für die Brüder und Schwester, die ganzen Trainer, die so viel Arbeit hineinstecken. Obwohl ich eigentlich nicht gedacht habe, dass ich extrem viel Druck verspüre, war es doch so, dass Last abfällt und man sich freuen kann, dass das Ganze vorbei ist. Vor allem nach so einer Saison: wieder mit einer Verletzung, dann zurückgekämpft, dann qualifiziert, weil das war gar nicht so sicher, dann, dass wir coronafrei durchgekommen sind, weil auch das war ein enormer Druck. Es ist schon einiges zusammengekommen.


Dabei wirken Sie nach außen hin immer so ruhig, so abgebrüht, als ob Druck ein Fremdwort für Sie wäre. Wirkt das nach außen nur so, oder gibt es tatsächlich Momente, in denen bei Ihnen die Nervosität nach oben geht?
Steu:
Ich habe schon gemerkt, dass bei den olympischen Rennen etwas mehr Anspannung da war, aber nervös war ich nicht. Zu Lorenz habe ich gesagt, wir machen es einfach so wie im Training, fahren zwei gute Läufe, und dann sehen wir, was rauskommt. Ich glaube, die ganze Nervösität übernimmt meine Mama. Ich bin zum Beispiel angespannter, wenn ich bei einem Empfang vor allen Leuten reden muss, als vor einem Rennen. Das ist einfach mein Job, das mache ich mittlerweile seit 20 Jahren. Da konzentriere ich mich einfach nur auf das.

Hat sich durch Ihren Erfolg bei den Spielen bereits etwas verändert?
Steu:
(überlegt) Teilweise schon. Ich habe schon komische Aufträge erhalten oder mit den Sponsoren. Diejenigen, die wir haben, bleiben uns treu, und die haben uns auch einen Bonus versprochen. In Wien muss ich zum Beispiel bei einer Automationsmesse einen Vortrag halten. Das Medieninteresse ist allgemein größer. Ich hoffe, die Sponsorensuche wird leichter, weil es in unserer Sportart durchaus schwer ist, da sie nicht so populär ist.