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Mordfall Janine G. – das Protokoll der Tatnacht

19.03.2022 • 21:50 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
In diesem Wassergraben lag die tote Janine G. Grundstücksbesitzer fanden ihre Leiche. <span class="copyright">Hartinger</span>
In diesem Wassergraben lag die tote Janine G. Grundstücksbesitzer fanden ihre Leiche. Hartinger

NEUE am Sonntag konnte das Vernehmungsprotokoll einsehen.

Nach mehreren misslungenen Versuchen, Janine G. durch schnelles Drehen ihres Kopfes das Genick zu brechen, zerrt Pascal S.* die zart gebaute Frau auf den Boden und würgt sie. Mehrere Minuten lang. Als sich Janine G. nicht mehr rührt, setzt sich der 25-Jährige auf die Couch, zündet sich eine Zigarette an und sagt zu Michael D.*, der kauernd in einer Ecke hockt und unter Schock steht: „Verkopf dich nicht.“

Es sind Szenen wie aus einem Film, die sich in der Nacht zum 3. März in einer Wohnung in einer ruhigen Seitenstraße in Lustenau abspielen. So zumindest schildert sie sinngemäß der dringend tatverdächtige Michael D. in seiner knapp vierstündigen Vernehmung vor der Polizei. Ob sich die Geschehnisse tatsächlich so zugetragen haben, ist unklar. Da der massiv belastete Pascal S. sagt, er habe nichts mit dem Mord zu tun und sonst jede Aussage verweigert, beruht das bisher bekannte unmittelbare Tatgeschehen im Mordfall Janine G. alleine auf den Angaben von Michael D.. Beide sitzen seit vergangener Woche wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft.

Wie aus dem Nichts

Gewalt ist selten etwas, das aus dem Nichts kommt. Bei fast allen Frauenmorden, so sagen Experten, gibt es eine Vorgeschichte. In dieser Geschichte hat sich die Eskalation nicht angekündigt. Schenkt man Michael D. Glauben, deutete nichts darauf hin, dass dieser „chillige Abend“ eine derart grausame Wendung nehmen würde. Auch fiel Pascal S. bisher nicht wegen Gewaltdelikten auf, bei seinen zwei Vorstrafen handelt es sich lediglich um Kleinigkeiten. Eine intime Beziehung mit Janine G. ist lange her und dürfte laut Zeugen nur von sehr kurzer Dauer gewesen sein. Waren es die Drogen und der Alkohol, die die Stimmung in dieser Nacht kippen ließen? Ging es um verletzten Stolz, die vielzitierte Kränkung, Zurückweisung – oder gar um Geld, wie eine Verwandte des Opfers vermutet?

In der Nacht zum dritten März kauften Janine G. und die beiden Tatverdächtigen bei dieser Tankstelle in Lustenau ein. <span class="copyright">Hartinger</span>
In der Nacht zum dritten März kauften Janine G. und die beiden Tatverdächtigen bei dieser Tankstelle in Lustenau ein. Hartinger

Die beiden Tatverdächtigen, der bislang unbescholtene, arbeitsuchende Michael D. und der ebenfalls arbeitslose, unstet lebende Pascal S., lernten sich vor ein paar Monaten flüchtig kennen. Am 2. März habe man sich spontan „zusammengeschrieben“, erzählt Michael D. den Ermittlern. „Ich habe ihn eingeladen, dass er zu mir nach Hause kommt.“ Der 19-Jährige besitzt eine kleine Eigentumswohnung in einer ruhigen Gegend im Norden der 23.600-Einwohner-Gemeinde. Dort taucht Pascal S. gegen 18 Uhr mit einer Bekannten D. auf. Zuvor war er den ganzen Tag mit Michael D. unterwegs. Die Besucher haben Kokain dabei, es wird Bier getrunken und Gras geraucht. Gegen 22 Uhr, so erinnert sich der 19-Jährige, sei D. nach Hause gegangen. Kurze Zeit später soll Pascal S. ihm eröffnet haben, „dass jetzt eine Kollegin kommt und wir mit ihr noch etwas unternehmen“. Dabei handelte es sich um Janine G.. Die gelernte Zahnarztassistentin bringt einen Freund mit, Michael D. hat beide noch nie zuvor gesehen.

Mordfall Janine G. – das Protokoll der Tatnacht
Pascal S. und Michael D. in der Tankstelle, aufgenommen von einer Überwachungskamera. LKA

Gemeinsam fahren sie nach Fußach, wo Janines Bekannter wohnt. Auf dem Weg dorthin machen sie Halt bei einer Tankstelle und besorgen sich Alkohol und Zigaretten. Die Ermittler werden später aufgrund von Kontobewegungen feststellen, dass Janine G. dort um 0.40 Uhr eingekauft haben muss. Sie schauen sich die Aufnahmen der Überwachungskamera an und werden fündig. Sie sehen, wie Janine G. die Tankstelle betritt, gemeinsam mit Pascal S. und Michael D.. Das Überwachungsvideo gilt als einer der wichtigsten Hinweise, die zur Ausforschung der beiden Tatverdächtigen geführt haben.

In Fußach wird dann weiter getrunken und auch Gras geraucht. Eine Flasche Berliner Luft, das ist starker Pfefferminzlikör, macht die Runde. „Alle waren sehr gut gelaunt, und Janine und auch ich haben sehr viel gelacht“, gibt Michael D. zu Protokoll. Nach ein bis zwei Stunden, so schildert er weiter, sei Janines Bekannter müde geworden. Daraufhin fahren Pascal S., Michael D. und das spätere Opfer wieder nach Lustenau. „Die Stimmung war zu dem Zeitpunkt immer noch entspannt. Wir befanden uns sicher noch zwei Stunden in meinem Wohnzimmer und haben Musik gehört und TV geschaut.“ Während bei Michael D. laut eigenen Angaben irgendwann „Bett-Stimmung“ aufkam, habe Janine G. unbedingt noch irgendwo Kokain auftreiben wollen. Irgendwann, so erinnert sich der 19-Jährige, habe Janine zu Pascal gesagt, dass sie noch jemandem ein „Nude“ (Nacktfoto, Anm.) schicken werde, um an Kokain zu kommen. Daraufhin seien die beiden in die Garderobe gegangen.

Die Leiche der 30-jährigen Janine G. wurde im Lustenauer Ried abgelegt. Der Platz nahe der Diskothek Sender sei in der Partyszene bekannt, sagt die Polizei.<span class="copyright">LPD</span>
Die Leiche der 30-jährigen Janine G. wurde im Lustenauer Ried abgelegt. Der Platz nahe der Diskothek Sender sei in der Partyszene bekannt, sagt die Polizei.LPD

Was dort genau passiert ist, liegt im Dunkeln. Ob tatsächlich ein Nacktfoto geschickt wurde, weiß nur Pascal S., der – mittlerweile von einem Verfahrenshelfer vertreten – noch immer beharrlich schweigt. Mehr als fraglich ist auch, ob die Handyauswertung hier weiterhelfen kann. Denn der Nachrichtendienst Snapchat, der laut Medien­experten und Jugendforschern gerne zum Austausch von Nacktbildern verwendet wird, löscht die Bilder aus der Datenbank, sobald sie der Empfänger angesehen hat.

Tat und Todesursache

Jedenfalls muss in dieser „halben Minute“, wie Michael D. schätzt, irgendetwas passiert sein. Denn als die beiden aus dem Gang zurückkommen, nimmt der ausgelassene Abend plötzlich eine dramatische Wendung. Wie Michael D. den Ermittlern erzählt, habe sich Pascal S. plötzlich zu ihm gedreht und gesagt „Ich breche ihr jetzt das Genick“. Er sei dabei vorgegangen „wie in einem Film“, aber es sei ihm nicht gelungen. Anschließend, so führt der jüngere der beiden Tatverdächtigen aus, „setzte er (Pascal) sich auf Janines Bauch und würgte sie mit beiden Händen“. „Stirb endlich“, habe er gesagt, während Janine „was duasch du, was duasch du!“ geschrien habe.

Wenige Minuten später liegt die junge Frau dann regungslos auf dem Wohnzimmerboden. Der Gerichtsmediziner wird später „erhebliche Gewalteinwirkung gegen den Hals“ feststellen. Als Todesursache gibt er an: Einatmen von Erbrochenem, vermutlich in bewusstlosem Zustand. „Es ist mir klar gewesen, dass sie tot ist“, gibt Michael D. zu Protokoll. Er habe Pascal S. gefragt, warum er das gemacht habe. „Er sagte mir, dass er mir das irgendwann erzählen werde.“ Die Ermittler wollen von Michael D. wissen, warum er nichts unternommen habe. „Ich wollte etwas machen, aber aufgrund des Alkohols und des Schocks war ich wie festgenagelt.“ Außerdem habe er Angst gehabt, dass Pascal auch ihm etwas antun könnte. Er sei jedenfalls sehr geschockt gewesen, das Ganze sei wie aus dem Nichts gekommen. „Die Atmosphäre war davor ganz normal. Es gab nichts Ungewöhnliches.“

Schulden als Motiv

Ein mögliches Motiv bringt eine Verwandte des Opfers ins Spiel. Janine G. habe ihr vor einem Jahr anvertraut, dass sie für Pascal S. einen Kredit aufgenommen habe, wovon noch 10.000 bis 15.000 Euro offen gewesen sein sollen. Die Zeugin erzählt den Ermittlern auch von einem gemeinsamen Treffen im Februar 2022, bei dem sie Pascal S. persönlich gesagt habe, dass er seine Schulden nun endlich begleichen solle, ansons­ten würde sie Anzeige erstatten. „Er antwortete darauf aggressiv, dass wir dann sehen werden, was dann passieren würde.“ Laut der Zeugin wollte Janine G. „die Sache mit dem Geld“ am Abend des 2. März „endgültig klären“.

Pascal S. gab auf Vorhalt der Polizei zu, dass er sich vor zwei Jahren 15.000 Euro ausgeliehen hat. Seinen Angaben zufolge waren davon aber nur noch 2000 Euro offen. Ebenfalls räumte er ein, Chats mit Janine G. auf seinem Handy gelöscht zu haben. Jedoch nur, weil sie über Drogen geschrieben hätten.

Leiche auf der Rückbank

Szenen wie in einem schlechten Film spielten sich offenbar auch nach der Tat ab. „Ich wollte nur noch, dass er meine Wohnung verlässt“, so Michael D.. Aber Pascal S. habe ihn unter Druck gesetzt. „Er sagte, dass, wenn etwas passieren würde, nicht nur er, sondern auch ich im Arsch sei.“ Die beiden Männer tragen Janine G. daraufhin gemeinsam aus der Wohnung in die Tiefgarage zum Mietwagen von Michael D.. „Wir haben sie so platziert, dass es so aussah, als würde sie auf der Rückbank sitzend schlafen.“

Dann fahren die beiden Männer nach Bludenz. Pascal S. sitzt hinter dem Steuer. Laut Michael D. suchte er „einen geeigneten Platz, wo man Janine entsorgen konnte“. Nachdem er diesen nicht gefunden habe, sei er wieder zurück nach Lustenau gefahren. Laut dem 19-Jährigen dürfte es zwischen 7.30 und 8 Uhr gewesen sein, als ihn Pascal S. zu Hause absetzte und mit dem Auto weiterfuhr.
Am Abend gegen 18.30 Uhr treffen sich die beiden wieder. Michael D. erinnert sich, dass Janine zu diesem Zeitpunkt „noch immer auf der Rücksitzbank in meinem Pkw lag. Wir sind dann so verblieben, dass wir uns um Mitternacht bei mir zu Hause treffen und er mir das Auto ohne Janine zurückbringt“. Das nächtliche Treffen fand dann doch nicht statt, weil Michael D. laut eigenem Bekunden zu müde war und schlafen ging. Am Freitag­abend sei sein Wagen dann wieder vor dem Wohnblock gestanden, das Auto von Janine sei weg gewesen.

Ob er wisse, wohin Pascal S. Janine gebracht habe? „Er hat mir persönlich gesagt, dass er sie zum Sender (Diskothek, Anm.) bringen will.“ Ganz in der Nähe wurde Janine G. am späten Samstagnachmittag gefunden, kurz zuvor war sie von ihrem Vater als abgängig gemeldet worden. Janine G. lag rücklings in einem Wassergraben mitten im Lustenauer Ried, nur mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Wann genau sie dort abgelegt wurde, ist noch nicht restlos geklärt. Die Ermittler vermuten in den frühen Samstagmorgenstunden. Auf die Frage, warum er nicht die Polizei verständigt habe, sagt Michael D.: „Ich hatte Angst. Ich konnte nichts mehr essen und nicht mehr schlafen.“ Zwei Kollegen, denen er erzählt habe, was passiert sei, hätten ihm davon abgeraten, zur Polizei zu gehen.


*Namen von der Redaktion geändert.

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