Allgemein

Die Gemeinschaft,
die Werte und Gemüse teilt

21.03.2022 • 12:43 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Einblicke in eine solidarische Landwirtschaft in Hohenems mit Pete Ionian, Lea Wimmer und Thilo Hanser.

Normalerweise sitzen Pete Ionian, Lea Wimmer und Thilo Hanser zurzeit über der Planung ihrer Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) in Hohenems. Oder sie sitzen vor den Jungpflanzen und arbeiten in der Erde, mit einfachen Gerätschaften und dem Wissen, das sie sich teils über den Kurs „Feldgemüsebau“ am LFI der Landwirtschaftskammer aneignen.
Im Moment sitzen sie allerdings vor ihren Computern, genau wie rund 30 Interessierte. „Ich hoffe, wir können uns bald live verabreden“, sagt Ionian in die Kamera und freut sich über den regen Zuspruch. „Es geht um ,artgerechte Bauernhaltung‘“, scherzt er, „eine nachhaltige Landwirtschaft im Sinne der Natur, der Bauern und der Menschen.“

Gerne Teilzeitbauern

„Wir suchen eine Gemeinschaft, die sich fragt: ,Woher kommen unsere Lebensmittel? Unter welchen Bedingungen werden sie angebaut?‘ Wir suchen eine teilende Gemeinschaft, die Lust auf frische, regionale Produkte hat, eigene Wünsche und Visionen einbringen und nicht von staatlichen Subventionen abhängig sein will. Wir wollen die regionale Nachhaltigkeit fördern.“
Die Drei werden dabei zu Teilzeitbauern: Wimmer, vorher unter anderem Modistin, wird zu 80 Prozent in Produktion und Organisation einsteigen, sie hat die größte gärtnerische Erfahrung. Hanser ist der Handwerker und Schaffer, er wird aber nebenbei außerdem im sozialen Bereich arbeiten. Wie er wird auch Ionian 40 Prozent seiner Arbeitszeit in die SoLaWi einbringen, Ionian hat Medien und Kommunikation studiert und ist darüber hinaus Sozialarbeiter. „Wir sind gleichwertige Bauern, allerdings mit unterschiedlichen Zugängen“, sagt er.

<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Pioniere in Vorarlberg

Die Pionierarbeit in Hohenems haben Jürgen und Lisa Mathis geleistet, erzählt er, und im Jahr 2019 mit einem Gemeinschaftsprojekt auf 2000 Quadratmetern Ackerland gestartet. „Mit 50 Mitgliedern waren sie die größte SoLaWi in Vorarlberg. Sie werden uns beratend zur Seite stehen, haben den operativen Teil aber an uns abgegeben.“ Die drei Jungbauern wollen noch eins draufsetzen: 60 Zusagen haben sie bereits. Das heißt, 60 Einzelpersonen, Familien oder Paare haben sich bereiterklärt, wöchentlich ihren Gemüseanteil in Hohenems abzuholen. Donnerstags werden sie beim Abholen aufeinandertreffen und Rezepte, Erfahrungen und Ideen austauschen.
Die Vernetzung ist ihnen wichtig, genau wie die Eigeninitiative. „Normalerweise suchen ja nicht die Bauern eines solchen Projekts ihre Abnehmer, sondern die Abnehmer schließen sich zusammen und suchen die entsprechenden Erzeuger. Wir wollen daher das Kind vom Kopf auf die Füße stellen“, erklärt Ionian den interessierten Zuhörern am Bildschirm. Sie sollen sich zu einem Verein zusammenschließen. Tatsächlich sind die am Computer Anwesenden einem Engagement übers reine Abholen und Bezahlen hinaus sehr zugetan, sagt der Jungbauer später. Sie wollen anpacken, das Projekt weiterentwickeln. Das passt zu seinen Vorstellungen. Denn er und seine beiden Weggefährten möchten eine Gemeinschaft entstehen lassen, die etwas verändern will.

Eigeninitiative gefragt

Weg vom Wegducken – „Verantwortung haben die anderen“ –, weg vom Passivsein – „wenn wir was ändern, nützt das sowieso nichts“ –, weg vom Uninformiertsein – „heutzutage kann man das ja alles gar nicht mehr nachvollziehen“ –, weg vom Nichtentscheiden – „welche Lebensmittel ich morgen brauche, kann ich heute noch nicht sagen“ –, weg von der Anonymität – „im großen Supermarkt haben sie wenigstens viel Auswahl“ – hin zur Verbindlichkeit, zum „Ja“, zu biologischem, regionalem Wirtschaften mit schmackhaften Ergebnissen in einer positiven Gemeinschaft.

<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Große Pläne

Sie soll wachsen, ebenso wie das Gemüse, das Obst, die Kräuter. „Im Moment haben wir noch ungefähr 20 Ernteanteile zu vergeben“, sagt Ionian. Dabei wird im Voraus kalkuliert, die Mitmachenden zahlen einen bestimmten wöchentlichen Betrag. Mit diesem soll viel passieren: Nicht nur Gemüsekulturen sollen in Hohenems wachsen und von April bis Dezember an die Mitglieder der SoLaWi verteilt werden. Melanzani, Brokkoli, Salate, Zuckerschoten, Paprika, Kraut, Kürbis, Spinat; insgesamt 120 Sorten, dazu dreißig Kräuterkulturen und essbare Blüten wie Ringelblumen, eventuell auch Obst sollen angeboten werden. Außerdem sollen der Ausgaberaum erweitert, ein großer Rolltunnel angeschafft, Drainagegräben gezogen, eigene Jungpflanzen und in Zukunft auch eigenes Saatgut produziert werden. Nicht nur rein handwerklich eine Herausforderung. Viele Saatguthersteller sind daran interessiert, dass möglichst alle ihre oft hybriden Sorten kaufen müssen, die keine keimfähigen Samen hervorbringen. Aufgrund der Saatgutgesetzgebungen auch rechtlich ein dickes Brett, versichert Ionian. Aber sie sind dran am Bohren – und sie haben gerade erst begonnen.
Kennengelernt haben sich die drei übrigens über ein anderes Projekt, das vom Denkansatz her verwandt ist: Sie wollen als Kollektiv von einem Dutzend Erwachsener einen Bauernhof nachhaltig bewohnen und bewirtschaften. Dafür suchen sie noch nach einem geeigneten Objekt.

Miriam Jaeneke

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.