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Schneiden ist nicht gleich schneiden

21.03.2022 • 12:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Zurzeit ist Baumschnitt-Zeit. Manfred Prutsch gibt Tipps. Und Baumschneidekurse für den OGV Dornbirn.

Warum sollte man Obstbäume schneiden? Manfred Prutsch nennt mehrere Gründe: Zum einen sichert der richtige Schnitt einen regelmäßigen Fruchtertrag, zum anderen kann man den Baum in die gewünschte Form bringen. Außerdem ist er lichter und dadurch weniger anfällig für Pilzerkrankungen. Seine Äste brechen nicht so leicht bei Sturm oder von der Schneelast beziehungsweise der Last der Früchte, unter der er sich ganz schön biegen kann. Ein voll tragender Apfelbaum kann gut und gerne 400 bis 500 Kilogramm Äpfel tragen.
Nicht zuletzt bedeutet das Bäumeschneiden für Prutsch aber auch „Ausgleich und Balsam für die Seele“. Er ist im Vorstand des Dornbirner Obst- und Gartenbauvereins und gibt das Wissen über den Baumschnitt weiter: „Die meisten meiner Kursteilnehmer haben einen eigenen Hausgarten und wollen ihr eigenes Obst selbst genießen. Dabei unterstütze ich sie.“

Weg vom Alltagsstress

Prutsch hat mit einem Partner zusammen ein eigenes Unternehmen, eine Bioapfelbaumplantage. „Ich bin kaufmännischer Angestellter. Die Arbeit in der Natur, mit Bäumen, ist für mich ideal, um vom Alltagsstress herunterzukommen“, erklärt er. Seine Kursteilnehmer sind Geschäftsführer ebenso wie junge Männer oder Hausfrauen. Einige Schnitttechniken zeigt er am eigenen Obstbaum im Garten, den er zufrieden einen „geordneten Saustall“ nennt.
In der Nacht war zum Beispiel ein Igel zu Gast, der unter dem Moos in den Pflasterritzen nach Insekten gesucht hat. „Hast du einen Igel im Garten, weißt du, dass dein Garten in Ordnung ist“, sagt der Dornbirner. „Wer Schneckenkorn streut, nimmt in Kauf, auch die Igel zu vergiften, die die Schnecken fressen.“ Viele Vögel im Garten sind ebenfalls gut, sie picken die Insekten von den Bäumen. Wildbienen wiederum befruchten die Obstblüten und sorgen für reiche Ernte.
Für Obstbäume nennt Prutsch ein paar einfache Regeln: Den Baum nicht billig im Baumarkt kaufen. Sich überlegen, was man will: Möchte man mit Spindelbäumen eine Hecke ziehen? Möchte man einen großen Solitärbaum in die Mitte des Gartens pflanzen? Soll der Baum klein im Beet stehen? Es ist wichtig, nicht nur die Sorte zu wissen, sondern ob es ein Hochstamm, ein Halbstamm oder eine Spindel ist. Denn ein Hochstamm braucht gut und gerne zehn mal zehn Meter Platz für seine Krone – und für seine Wurzeln ebenso. Die kleinsten Bäume dagegen werden gerade mannshoch. Hier ist für das Pflücken nicht einmal eine Leiter vonnöten.

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Intaktes Arbeitsmaterial

Apropos Leiter: „Wie oft höre oder sehe ich, dass Leute mit eingeknickten oder verbogenen Leitern arbeiten? Das ist hochgradig gefährlich, denn so eine Sprosse kann leicht durchbrechen.“ Zusätzlich zur intakten Leiter arbeitet der Kenner mit einer Baumschere und einer Handsäge. Eine Motorsäge muss man mit beiden Händen bedienen, das ist ihm zu riskant. Außerdem: Wer seine Bäume von Anfang an richtig beschnitten hat, muss in der Regel keine riesigen Äste absägen. In seinen Kursen vermittelt Prutsch die Wuchsgesetze: Wie wächst ein Baum? Außerdem zeigt er den Unterschied zwischen Blütenknospe und Blattknospe – „Blütenknospen wollen wir nicht abschneiden, denn daraus entsteht die Frucht“ –, und er bringt den Teilnehmern die verschiedenen Schnitttechniken bei. Er selbst hat sechs Jahre lang Schnittkurse besucht. Im Kurs war ihm immer alles klar. Bis er zu Hause vor seinen eigenen Bäumen stand. Aber er gab nicht auf, machte eine Baumwärterausbildung im schweizerischen Thurgau, eine Ausbildung im Obstbau. „Jede Sorte, jeder Baum ist anders. Aber die Wuchsgesetze sind immer gleich.“ Ein Fehler ist es zum Beispiel, zu viel wegzuschneiden, insbesondere die feinen Äste. „An ihnen wächst nachher das Obst.“ Aber die Natur verzeihe vieles, sagt er.

Weitere Kurse geplant

Ein weiteres Gesetz: „Schnitt heißt Wachstum. In den ersten fünf Jahren beschneide ich den Baum jedes Jahr, danach nach Bedarf. Habe ich die ersten fünf Jahre das Schneiden versäumt, wird es doppelt schwierig. Schneide ich in den ersten fünf Jahren viel, nehme ich dafür allerdings in dieser Zeit wenig Früchte in Kauf. Ein beschnittener Baum wird erst nach einigen Jahren beginnen zu tragen.“ Dafür kann man das Obst dann leicht ernten. Und man muss den Baum nicht fällen, nur weil man aus Versehen einen gekauft hat, der in seinem Garten zu viel Platz einnimmt. Denn das kann man auch mit Schneiden auf die Dauer nicht ändern.

Miriam Jaeneke

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