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Das verkorkste Leben von zwei Frauen

24.03.2022 • 18:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Helga Pedross (r.) und Maria Fliri als Mutter und Tochter in „Aberland“. <span class="copyright">Mark Mosman</span>
Helga Pedross (r.) und Maria Fliri als Mutter und Tochter in „Aberland“. Mark Mosman

„Aberland“ nach einem Roman von Gertraud Klemm wurde im alten Hallenbad in Feldkirch uraufgeführt.

Mit einem Kapitel aus „Aberland“ hat die 1971 geborene nieder­österreichische Autorin Gertraud Klemm den Publikums­preis beim Bachmannpreis 2014 gewonnen. Ein Jahr später, 2015, stand der Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Barbara Herold von dieheroldfliri.at hat „Aberland“ nun wie berichtet für das Theater bearbeitet und jene Romanteile verwendet, die sie interessiert haben bzw. darauf Schwerpunkte gesetzt. Die Uraufführung war am Mittwoch­abend im Alten Hallenbad in Feldkirch zu erleben.


Vorneweg: Zu einem Theaterstück ist der Roman durch die Bearbeitung nicht geworden. Vielmehr hat die von Herold inszenierte Produktion den Charakter einer szenischen Lesung – mit eben einigen theatralen Elementen. Zwei Frauen stehen auf der Bühne: Mutter Elisabeth­ (Helga Pedross) und Tochter Franziska (Maria Fliri). Das Publikum sitzt links und rechts davon in zwei Blöcken einander gegenüber.

Zwei Generationen von Frauen.     <span class="copyright">Mark Mosman</span>
Zwei Generationen von Frauen. Mark Mosman

Nicht glücklich

Elisabeth, Endfünzigerin, Ehefrau eines Mannes, der sie laufend mit Jüngeren betrügt, hat sich in ihrem eigentlich bequemen Leben eingerichtet und ist dennoch nicht wirklich glücklich damit. Franziska, verheiratet mit einem „sportlichen Tiroler“ und Mutter eines Kleinkindes, will eigentlich ihre Dissertation schreiben, kommt aber aufgrund der häuslichen und familiären Pflichten nicht dazu. Dazu drängt ihr Mann noch auf ein zweites Kind.


Mit einigem Schwung und einiger Dynamik erzählen die beiden aus ihrem Leben bzw. vielmehr Episoden und Geschichten daraus und während Elisabeth das in der Ich-Form macht, geschieht das bei Franziska in der dritten Person – bei ihr ist die Distanz noch größer. Dialoge gibt es nicht, die beiden monologisieren jeweils abwechselnd, teils schlüpft eine schnell mal in die Rolle einer dritten Person und wird damit kurzfristig zum Gegenüber der anderen.

Plüschrahmen

Ausstatterin Caro Stark hat fünf verschieden große rote quaderförmige Rahmen gebaut, die innen mit Plüsch ausgekleidet sind. Diese Teile werden von den beiden Darstellerinnen, die in den gleichen schwarz-weiß-gestreiften, ärmellosen Hosenanzügen stecken, hin- und hergeschoben – wozu ist nicht immer ganz klar. Musik und bunte Lichter von der Seite werden fallweise eingesetzt, etwa Blasmusikklänge, als Franziska von einem Besuch bei den Schwiegereltern in Tirol erzählt.

Pedross und Fliri in einer Szene.   <span class="copyright">Mark Mosman</span>
Pedross und Fliri in einer Szene. Mark Mosman

Es ist viel Ironie dabei, wenn Elisabeth von den Frauengesprächen auf einer Nacktbadeterrasse erzählt, Sarkasmus, wenn sie von der Diät am Buffet des Lebens spricht. So unterschiedlich die beiden Frauen in ihren Lebensentwürfen auch zu sein scheinen, so sehr ähneln sie sich in ihren Emotionen, die von Zynismus über Resignation und Wut reichen. Dass sich beide mit dem Künstler Jakob dieselbe Person für ihre Flucht aus der Realität aussuchen, erscheint da nur stimmig. Relativ häufig sprechen die beiden auch über ihre Sexualität – ein Thema, das in der Öffentlichkeit nicht unbedingt eine weibliche Domäne ist.

Ermüdend

Die beiden Frauen werden von Fliri und Pedross energievoll und überzeugend gezeigt – immer wieder ist auch einiges an Witz dabei. Allerdings wird das „Gejammere“ auf Dauer ein wenig ermüdend und man möchte ihnen am liebsten zurufen: „Dann tut doch was dagegen.“ Letztlich ist es nämlich ein Klagen auf hohem Niveau, das die beiden Frauen aus gutbürgerlichem Milieu da betreiben – einige ihrer Probleme wirken auf die Alleinerzieherin, die Ende des Monats nicht weiß, wie sie über die Runden kommen soll, vermutlich als Provokation.
Dass die beiden ihr Leben (finanziell) so abhängig von Männern machten, ist zwar auch strukturellen, gesellschaftlichen und politischen Zwängen geschuldet – ganz aus der Verantwortung ziehen kann sich frau aber nicht. Das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, wäre eventuell ein Tipp – ein eigenes Haus mit Garten ist dann aber vielleicht nicht drin.

Weitere Aufführungstermine unter www.dieheroldfliri.at

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