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Die Welt hinter den glatten Bildern

25.03.2022 • 19:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Billie Clarken inmitten der zerkratzten Abercrombie &amp; Fitch-Drucke.  <span class="copyright">Kathrin Leisch</span>
Billie Clarken inmitten der zerkratzten Abercrombie & Fitch-Drucke. Kathrin Leisch

Die junge US-amerikanische Künstlerin Billie Clarken stellt derzeit Werke im Dock 20 in Lustenau aus.

Cancel the Reboot“ steht auf einem weißen T-Shirt´. Ein Bild davon hängt neben Postkarten aus Griechenland und den USA und dem berühmten Foto von Albert Einstein mit der herausgestreckten Zunge sowie anderen Dingen auf einer alten, weißen ausrangierten Kühlschranktür.

„Cancel the Reboot“, den Neustart abbrechen, ist auch der Titel der Ausstellung von Billie Clarken im Dock 20 in Lustenau. Die 1992 geborene US-amerikanische Künstlerin, die ausgebildete Fotografin ist, spürt in ihrem multimedialen Werk medialen Inszenierungen, Identität und Personenkult nach und arbeitet dabei häufig mit Versatzstücken aus der Popkultur.

Blick in die Ausstellung.     <span class="copyright">Kompatscher</span>
Blick in die Ausstellung. Kompatscher

Die Arbeit „Reward Me For My Suffering“ („Belohne mich für meine Leiden“) gleich zu Beginn der Schau besteht aus einem Druck auf Schaumstoff, auf dem Mickey Rourke in einer Filmszene durch die Luft hechtet und sich Eisenstangen aus dem Bild herauswinden.

In „The Wrestler“ spielte der Schauspieler 2008 – viele Jahre nach seiner erfolgreichen Zeit –einen abgehalfterten und vereinsamten Wrestler. Parallelen zu seinem wirklichen Leben drängen sich auf, auch als Boxer war er ja aktiv. Für diese Rolle bekam er seine erste Oscar-Nominierung – zum wirklichen Neustart wurde sie nicht.

Die Plastikhecke.   <span class="copyright">Kompatscher</span>
Die Plastikhecke. Kompatscher

Real ist auch die große grüne Hecke nicht, die den Blick in den großen Ausstellungsraum verstellt. Die dichten Sträucher sind auf Plastik gedruckt. Dahinter steht eine alte Schaukel, in der ein großes Bild von Anna Nicole Smith hängt.

Die über Jahrzehnte in den Medien omnipräsente Frau, deren wechselhaftes Leben oft bis ins kleinste Detail dem Blick der Öffentlichkeit ausgesetzt war, war Symbol und Sinnbild für Aufstieg und Fall. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stieg sie zum medialen Star auf. Ihr früher Tod scheint gleichsam grausamer Teil dieser Inszenierung zu sein. Auf der Rückseite ihres Bildes sind symbolträchtig zwei tote aufgehängte Rehe zu sehen.

Kühlschranktüren

Von der eingangs erwähnten Kühlschranktür finden sich gleich mehrere in der Ausstellung – einige davon als Bildträger, die mit den darauf angebrachten Bildern, Karten und Buttons den scheinbaren Eindruck von Individualität und Persönlichem geben. Mit drei leeren Kühlschranktüren spielt Clarken auf den Begriff „White Cube“ („Weißer Würfel“) an. Damit wird mittlerweile ein Ausstellungsraum bezeichnet, früher meinte man damit vor allem Kühlschränke.

Mit einem Bild des US-amerikanischen Sängers Aaron Carter, dessen Fotos in den 1990er-Jahren im Internet ein Eigenleben entwickelten, thematisiert Clarken ebenso Selbst- und Fremdbild und die Unmöglichkeit, selbst über sein eigenes Bild zu bestimmen, sobald man zu einer „Person öffentlichen Interesses“ wird.

"You Oughta Be in Pictures" ist der Titel dieser Arbeit.  <span class="copyright">Kompatscher</span>
"You Oughta Be in Pictures" ist der Titel dieser Arbeit. Kompatscher

Zu sehen ist auch eine Fotoserie der ebenfalls US-amerikanischen Kleidermarke Abercrombie & Fitch. Die Bilder wurden als sexistisch und rassistisch kritisiert, verfehlten aber nicht ihren Zweck: Die Aufmerksamkeit war ihnen gewiss. Clarken zeigt die Bilder als zerkratzte Drucke und macht damit Risse in die glatte Fassade.

Die Eigendynamik von Bildern, die unabhängig von der Realität funktionieren, die unerbittlichen Mechanismen einer Kultur- und Medienindustrie, die Kehrseiten des Starkults bearbeitet die Künstlerin in ihren Werken, greifbar und ansprechend.
Bis 14. Mai. Donnerstag, 14 bis 20 Uhr, Freitag und Samstag, 14 bis 18 Uhr. dock20.lustenau.at

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