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Faszinierend getanzte Weltgeschichte

28.03.2022 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Gilgamesch-Epos bildet die Grundlage des Stücks.    <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Das Gilgamesch-Epos bildet die Grundlage des Stücks. Udo Mittelberger

„Outwitting the Devil“ war beim Bregenzer Frühling zu sehen.

Akram Khan, der britische Tänzer und Choreograph mit Wurzeln in Bangladesch, verbindet in seinen Arbeiten den indischen Tanzstil Kathak (worin Geschichten aus dem Leben der Götter dargestellt werden) mit westlicher moderner Tanzkunst. 2014 war er mit der faszinierenden Performance „DESH“ beim Bregenzer Frühling zu Gast, nun entführte die 2019 in Stuttgart uraufgeführte Produktion „Outwitting the Devil“ (etwa „den Teufel überlisten“) in die jahrtausendealte Welt des Gilgamesch-Epos.

Die Zeitschrift „Tanz“ zeichnete ihn dafür als „Choreograph des Jahres“ aus, eine von vielen Auszeichnungen, die der grenzüberschreitende Künstler bekommen hat. Akram Khan tanzt nicht mehr selbst, drückt aber seine Ideen durch die Körper anderer Menschen aus – und das auf faszinierende und rätselhafte Weise.

Das Publikum folgte der Aufführung gebannt und begeistert.    <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Das Publikum folgte der Aufführung gebannt und begeistert. Udo Mittelberger

Das „Gilgamesch-Epos“ der Sumerer wird den meisten, wie auch der Rezensentin, nur als Begriff bekannt sein: Eines der frühesten literarischen Zeugnisse, eingeritzt mit Keilschrift in zwölf Tontafeln, erzählt unter anderem von König Gilgamesch und der Stadt Uruk, die er mit einer riesigen Mauer umgab. Erst 2011 wurde jene Tontafel gefunden und übersetzt, auf die sich Akram Khan jetzt bezieht: Der alte, sterbende König blickt zurück, sieht sein jüngeres Ich, erinnert sich an die Zähmung des wilden Enkidu, die Freundschaft, die Reisen, einen riesigen Zedernwald, dessen Wächter sie töten und dessen Schönheit sie zerstören.

Wunderbare Atmosphäre

Dunkel ist der Bühnenraum, im diffusen Licht kauern Menschen, Tonscherben liegen auf dem Boden, eine große Kiste ist im Dämmerlicht auszumachen, tiefes Grollen und französischer Text ziehen hinein in die wundersame Atmosphäre. Die Tonspur mit immer wieder erschütternden wummernden Schlägen könnte von Alpträumen erzählen, sphärische sinnliche Klänge von der schönen Gegenwelt. Vielfältig ist die Sprache des Tanzes, manchmal körperlich, in langen Schritten oder kriechend erdgebunden wie Reptilien oder andere geschmeidige Tiere, manchmal athletisch und höchst virtuos in der Urkraft der Bewegung. Archaische Beschwörungen oder Rituale, die Geschlossenheit der Gruppe in einem wilden Tanz, stumme Schreie, Zusammenbrüche und tastender Neubeginn fließen ein in die vieldeutige Choreographie, erzählen von Ekstase ebenso wie von Entsetzen.

Die britische Akram Khan Company im Festspielhaus.      <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Die britische Akram Khan Company im Festspielhaus. Udo Mittelberger

Mit zwei Tänzerinnen und vier Tänzern, der oft sehr heftig aufgedrehten Musik von Vincenzo Lamagna, der Lichtgestaltung von Aideen Malone und den Kostümen von Kimie Nakano bringt Akram Khan diese mystische Geschichte nahe – – doch vermutlich haben sich viele von ihrer eigenen Phantasie anregen lassen oder das Rätselhafte dieser Themen als Solches im Gedächtnis behalten. Herausragend in ihrem leuchtend orange-goldenen Kleid und ihrem Tanzstil ist Mythili Prakash, die Amerikanerin mit indischen Wurzeln, die den speziellen Stil des Bharata Natyam pflegt: Die ausgeprägte Führung der Arme und Hände und die Fußarbeit rufen die Vorstellung einer Gottheit oder Tempeltänzerin hervor. Doch natürlich auch die athletische Kraft von Luke Jessop oder die konzentrierte Aktion von François Testory sind höchst eindrücklich – die Kargheit des Programmzettels macht die Zuordnung allerdings schwierig.

Über 80 Minuten spannt sich der Bogen dieser faszinierenden getanzten Weltgeschichte, das Publikum ist gebannt und begeistert.

Katharina von Glasenapp

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