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Was Österreichs Bundesheer braucht

28.03.2022 • 16:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Was Österreichs Bundesheer braucht
APA/BUNDESHEER/LUFTSTREITKRäFTE (UNBEKANNT)

Krieg wirft Frage der Aufrüstung des Bundesheeres auf.

In Österreich entbrannte in den letzten Tagen eine innenpolitische Debatte über eine mögliche Aufrüstung des Bundesheeres. Egal, welche Entscheidungen letztendlich getroffen werden: Sie werden die Sicherheit jeder Österreicherin und jedes Österreichers langfristig beeinflussen. Das Grundproblem vieler Bürger und Politiker in verteidigungspolitischen Debatten scheint aber, dass sie die alltägliche Logik von Politik und Wirtschaft zwar meistens verstehen, die paradoxe Logik des militärischen Wettbewerbs ihnen aber fremd zu sein scheint.

Hier ein Erklärungsversuch. Der römische Aristokrat Publius Vegetius hat die paradoxe Logik des Krieges schon im vierten Jahrhundert nach Christus gut zusammengefasst: “Wer den Frieden will, bereite den Krieg vor.” Mit anderen Worten: Militärische Stärke kann den Ausbruch von Kriegen verhindern, weil sie einen potenziellen Gegner unmittelbar abschreckt. Wir wissen heute, dass Wladimir Putin wohl kaum eine hochgerüstete ukrainische Armee im Februar 2022 angegriffen hätte. Eine gut kalibrierte Aufrüstung der Streitkräfte ist also quasi eine Versicherungspolizze – mit dem Unterschied, dass man nicht nur vor den finanziellen Konsequenzen geschützt ist, wenn diese Polizze abgeschlossen ist, sondern die Gefahr reduziert wird, dass ein Unfall (also ein Krieg) in Zukunft überhaupt passiert. Wie kann man nun durch so eine Versicherung – eine gut kalibrierte Aufrüstung – den bestmöglichen Schutz erlangen?

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Mit Sicherheit nicht durch die oft genannte Spezialisierung in den Bereichen Cyber, ABC-Abwehr und dem Pionierwesen, ohne eine Aufwertung der militärischen Grundfähigkeiten. Denn die Zukunft des Krieges liegt im sogenannten Kampf der verbundenen Waffen. Dieses Konzept lässt sich am besten mit dem alten Schere-Stein-Papier-Spiel erklären: Jede militärische Einheit (etwa ein Kampfpanzer) hat Schwächen (z. B. Angriffe mit Panzerabwehrlenkwaffen oder durch Drohnen), die es zu kompensieren gilt – durch eine andere Einheit, etwa durch die Flugabwehr oder Panzergrenadiere. Würde man als Land also nur auf eine oder zwei Fähigkeiten (Stein oder Schere) setzen, machen wir das Bundesheer durch die fehlende dritte Fähigkeit (Papier) enorm verwundbar.

Ein großer Irrtum …

Mit einer Spezialisierung würden wir also unsere Versicherungspolizze schwächen und das Risiko eines militärischen Konflikts erhöhen. Das Schere-Stein-Papier-Prinzip gilt ebenso, wenn wir uns auf die am wahrscheinlichsten eintretenden kurzfristigen Einsatzszenarien konzentrieren. Setzen wir alles auf die wahrscheinlichste Karte, erhöhen wir die Chancen, dass unwahrscheinliche Szenarien mittelfristig Realität werden. Wenn wir uns also nur auf Cyberverteidigung und ABC-Abwehr konzentrieren, erhöht es laut paradoxer Logik des Krieges das Risiko, dass ein potenzieller Gegner uns mit konventionellen Mitteln (etwa Drohnen und Raketen) angreift.

Einige meinen dennoch, dass auf eine etwaige Spezialisierung im Rahmen einer europäischen Streitkraft gesetzt werden soll. Ein großer Irrtum. Denn ohne die Fähigkeit im Kampf der verbundenen Waffen ist die Integration mit anderen Streitkräften in Europa bald nicht mehr möglich. Künstliche Intelligenz und andere neue Technologien zeigen, dass die Zukunft des Krieges in Richtung vernetzten Kampfes der verbundenen Waffen geht, in welcher der schnelle Transfer und die Auswertung von Daten schlicht entscheidend sein werden. Wer auf eine Spezialisierung in einzelne Waffengattungen setzt, kann sie im Ernstfall nicht gut und schnell genug in andere Verbände integrieren. Das gilt vor allem ohne eine stehende Struktur einer großen europäischen Streitkraft. Solange es die Nato gibt, wird es diese aber nicht geben. Selbst in der Nato geht der Trend vielmehr in Richtung Gesamtverbände, etwa eine mechanisierte multidimensionale Brigade (im Falle Österreichs auf EU-Ebene vielleicht ein Bataillon) zu stellen, die sowohl auf dem Land als auch im Cyberraum kämpfen kann. Jeder zukünftige Krieg wird sich nämlich nicht nur auf eine Dimension beschränken, sondern zu Land, See, Luft, im Cyber- und Weltraum geführt werden.

Fundamentale Kommunikations- und Verständnisprobleme

Was bedeutet das aber nun konkret für Österreich? Zumindest ein Kern des Bundesheeres muss im kleinen Rahmen fähig sein, im gesamten militärischen Spektrum zu operieren. Das heißt, wir brauchen eine kleine, aber feine Panzertruppe mit Langstrecken-Präzisions-Artillerie, die von Angriffen aus der Luft durch eine Flugabwehr geschützt ist. Wir brauchen eine Jägertruppe, die im Verbund mit bewaffneten Drohnen operieren kann. Wir brauchen eine effektive Cyberverteidigung, die von elektronischen Kampftruppen und unseren Nachrichtendiensten unterstützt wird. Und wir brauchen eine Luftwaffe, die auch fähig ist, Kampfmissionen zu fliegen. Das alles wäre mit einem Sonderbudget von ein paar Milliarden und einer Anhebung des Verteidigungsbudgets auf rund ein Prozent des BIP möglich.

Hier entstehen aber fundamentale Kommunikations- und Verständnisprobleme zwischen Militärstrategen und dem Rest der Bevölkerung: Das Hauptziel jeder neuen militärischen Anschaffung ist es nämlich, sie nie einzusetzen. Hier teilt die paradoxe Logik des Krieges also militärische Effektivität und bürokratische Effizienz und macht die Anschaffung von neuen Waffensystemen politisch schwierig. Wer kauft denn schon etwas, das er nie benutzen will? Antwort: ein vernünftiger Verteidigungspolitiker.

Franz-Stefan Gady ist Politikberater und Militäranalyst am Institute for
International Strategic Studies (IISS) in London.

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