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Schostakowitschs Geige tanzt am Abgrund

30.03.2022 • 18:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte im Festspielhaus.   <span class="copyright">Mathis Fotografie</span>
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte im Festspielhaus. Mathis Fotografie

Ein großartiges Bregenzer Meisterkonzert mit dem RSB war im Festspielhaus zu erleben.

Die deutsche Geigensolistin Julia Fischer hatte ihre Haare mit einem blaugelben Band in den Farben der Ukraine zusammengehalten. Nach dem opulenten Schluss der sinfonischen Tänze von Rachmaninow verabschiedeten sich die Streicher des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit einer berührenden Zugabe, der „Abendserenade“ von Valentin Silvestrov: Der 84-jährige ukrainische Komponist war Anfang März mit einem Koffer voller Manuskripte aus seiner Heimatstadt Kiew geflüchtet und ist in Berlin untergekommen.


Mit einem ansonsten ganz und gar russischen Programm war Vladimir Jurowski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), dessen Chefdirigent er seit 2017 ist, bei den Bregenzer Meisterkonzerten zu Gast. Jurowski, der in Moskau geboren wurde und nächste Woche seinen 50. Geburtstag feiert, kam 1990 mit der Familie nach Deutschland und hat dort studiert. Sein Vater, der kürzlich verstorbene Michail Jurowski, war ebenfalls als Dirigent eng mit dem RSB verbunden und berühmt für seine intensiven Schostakowitsch-Interpretationen.

Gegen den Krieg

Wie viele Kulturschaffende wendet sich der vielfach ausgezeichnete und international tätige Jurowski gegen den Krieg in der Ukraine. Mit der russischen Kultur ist der gebürtige Moskauer, der seit dieser Saison Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper – und damit Nachfolger von Kirill Petrenko – ist, natürlich untrennbar verbunden. Und was wäre die Welt ohne die russische Musik? Das wurde an diesem umjubelten Abend in Bregenz einmal mehr deutlich.


Im letzten Meisterkonzert hatte Igor Levit die klingenden Initialen von Dmitri Schostakowitsch mit Ronald Stevensons „Passacaglia“ in die Klaviatur gehämmert. Das Motiv D-ES-C-H kehrt natürlich auch im Violinkonzert von Schostakowitsch wieder, manchmal verschleiert, manchmal prominent hervorgehoben. Komponiert wurde das Konzert in den Jahren 1947/48, uraufgeführt erst 1955, nach Stalins Tod, mit dem Solisten David Oistrach.

Julia Fischer, die Münchner Geigerin, lässt sich tragen von den aus raunenden Tiefen aufsteigenden Orchesterklängen, über 40 Minuten spannt sich der farbenreiche musikalische Bogen. Konzentriert, souverän verbindet sie filigrane, spinnwebfein gedämpfte Klänge mit den Farben von Celesta und Harfe. Vladimir Jurowski und das RSB verdichten den Klang zu unheilvollen Schärfen und Schmerzenstönen.

Seit 2017 Chefdirigent des RSB: Vladimir Jurowski. <span class="copyright">Mathis Fotografie</span>
Seit 2017 Chefdirigent des RSB: Vladimir Jurowski. Mathis Fotografie

Mitreißend, beißend, schroff, virtuos ist das Scherzo ein Tanz am Rande des Abgrunds. Solistin, Dirigent und Orchester verbünden sich in nie nachlassender Energie. In die Passacaglia mischen sich dunkle Orchesterfarben, darüber schwingt sich Julia Fischers Geigenton wie ein Lichtstrahl empor, wandelt sich und mündet in einer atemberaubend gesteigerten Solokadenz. Gestochen scharf und unerbittlich wirbelt die bissige Burlesque im Finale. Gleichsam zur Entspannung bedankte sich Fischer mit einer fulminanten Caprice von Paganini.

Prokofjew und Rachmaninow verbindet eine ähnliche Geschichte. Beide waren hervorragende Pianisten, beide verließen Russland, Prokofjew kehrte zurück (und starb am gleichen Tag wie Stalin), Rachmaninow lebte ab 1935 in Kalifornien und schuf mit den Symphonischen Tänzen sein letztes Werk. Die Musik, die Jurowski und das RSB hier präsentierten, klingt freilich sehr unterschiedlich.


Prokofjews „Andante“ aus der vierten Klaviersonate ist so großartig für das Orchester instrumentiert, dass man sich kaum vorstellen kann, wie es auf dem Klavier allein klingt. In den drei Symphonischen Tänzen Rachmaninows spielt Jurowski mit der Virtuosität des gesamten Orchesters, zeichnet den Walzer brüchig und vielschichtig in seiner Endzeitstimmung. Im Finale vereinen sich „Dies irae“, Totentanz und Choral mit fauchenden Gongexplosionen – der Abschied mit Silvestrovs feinem Streichergespinst wirkt dadurch noch stärker. Ein großartiger Abend!

Katharina von Glasenapp

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