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Malen und zeichnen mit der Nähmaschine

01.04.2022 • 20:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bianca Lugmayr in ihrer Ausstellung im Kollektiv in Bregenz.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bianca Lugmayr in ihrer Ausstellung im Kollektiv in Bregenz. Klaus Hartinger

Bianca Lugmayr zeigt derzeit im Kollektiv in Bregenz eine beeindruckende und vielschichtige Schau.

Weiße Garnfäden, von Pflastersteinen gehalten, ziehen sich kreuz und quer durch das Schaufenster des Kollektiv in der Maurachgasse in Bregenz, fragil und doch fest. Sie erinnern an die Lebensfäden, die in der antiken römischen und griechischen Mythologie von den drei Schicksalsgöttinnen gesponnen werden und die damit das Leben des einzelnen Menschen bestimmen (und beenden). Unter diesen Fäden liegen zwei Porträts von Frauen, gezeichnet mit Nähmaschine und Fäden.


Die in Vorarlberg lebende, 1979 in Wels in Oberösterreich­ geborene Künstlerin Bianca Lugmayr stellt derzeit unter dem Titel „gesponnen, bemessen, beschnitten“ im Kollektiv textile Arbeiten von faszinierender Schönheit aus. Lugmayr, die in Linz Textildesign studiert hat, verbindet in ihren Werken Handwerk und Kunst, indem sie mit der Nähmaschine malt und zeichnet. Dabei geht es ihr aber nicht um handwerkliche Perfektion, sondern es ist das Fehlerhafte, der Zufall, den sie spannend findet. Textilien werden zum Sinnbild für das Leben, für das Verwobene, Versponnene, das beiden zu eigen ist. Eine Analogie, die sich etwa auch in gängigen Sätzen wie „Das Leben hängt am seidenen Faden“ finden lässt.

Detail einer der Arbeiten von Lugmayr.       <span class="copyright">Hartinger</span>
Detail einer der Arbeiten von Lugmayr. Hartinger

Grundlage für die nun gezeigten Arbeiten ist eine Beschäftigung von Lugmayr mit den Biographien von Vorarl­berger Künstlerinnen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, darunter Paula Ludwig oder Flora Bilgeri. Frauen, die oft einen hohen Preis bezahlt haben, um als Künstlerin zu leben, und auf viel Unverständnis gestoßen sind. Lugmayr lotet in ihren Arbeiten das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen, konventionellen Zwängen und dem individuellen Willen und Weg aus.


Auf größeren und kleineren Leinenstoffen, die die Künstlerin zunächst mit meist schwarzer Farbe bemalt hat, sind mit der Nähmaschine Wörter wie „Selbstermächtigung“, „Wahrhaftigkeit“, „Echtheit“ geschrieben, ein Ringen um den eigenen Weg, der auch von Kampf oder Heuchelei gekennzeichnet ist. Am Ende eines Bildes ist „müde Kriegerin“ zu lesen. Oft entstehe der Text auch erst an der Nähmaschine, erzählt die Künstlerin. Spannend ist auch die Textur des Stoffes, die teils Risse aufweist, die Starre, die sich durch die Farben ergibt und die Fäden, die von den Wörtern herunterhängen, sodass das Ganze einen plastischen Charakter erhält.

Die Künstlerin arbeitet derzeit teilweise im Ausstellungsraum.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Künstlerin arbeitet derzeit teilweise im Ausstellungsraum. Hartinger

In einer kleineren Arbeit hat Lugmayr Stoffstücke eines alten Seidenpyjamas verarbeitet, in einem zweiteiligen Werk eine Steinschleuder zu einem Pinsel umfunktioniert, mit dem sie einen Leinenstoff bemalt hat. Beides ist nun in der Ausstellung zu sehen. Aber auch einige ältere Arbeiten sind vorhanden, Drucke von Künstlerinnenporträts auf Leinen, die mit der Nähmaschine nachbearbeitet wurden. Zu sehen ist etwa ein Porträt von Paula Ludwig mit Sohn und Katze, auf das Lugmayr Zitate der 1900 in Feldkirch geborenen Schriftstellerin und Malerin genäht hat.


Die größtenteils ungerahmten Arbeiten sind im ganzen Raum verteilt. In einer Ecke in der Nähe des Schaufensters steht die Nähmaschine, an der die Künstlerin weiter am Arbeiten ist. Besucherinnen und Besucher können somit beim Entstehungsprozess der Werke dabei sein.

Eine weitere Arbeit der Künstlerin.     <span class="copyright">Hartinger</span>
Eine weitere Arbeit der Künstlerin. Hartinger

Es ist eine vielschichtige und ansprechende Schau, die Bianca Lugmayr hier zeigt. Auch der Titel „gesponnen, bemessen, beschnitten“ spielt mit den verschiedenen Ebenen, die sich in den Werken inhaltlich und formal widerspiegeln. Dazu kommt die zurückhaltende, zarte und fragile Ästhetik der Arbeiten, die große Wirkung entfaltet. Eine Ausstellung, die Eindruck hinterlässt.

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