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„Atomkraft ist auf keinen Fall nachhaltig“

02.04.2022 • 18:23 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Johannes Hartmann von Fridays For Future. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Johannes Hartmann von Fridays For Future. Roland Paulitsch

Johannes Hartmann von Fridays For Future Vorarlberg über die vergangenen Monate.

In der vergangenen Woche hat es einen weiteren Klimastreik in Vorarlberg gegeben. Was hat sich seit dem ersten Streik im Jahr 2019 getan?
Johannes Hartmann: Wir als Gesellschaft beschäftigen uns mit Klimagerechtigkeit mehr als je zuvor. In keiner Wahl seit 2019 hat Klimaschutz nicht eine zentrale Rolle gespielt. Es werden auch erste Maßnahmen gesetzt. Ein großer konkreter Erfolg ist zum Beispiel, dass der Lobau-Tunnel nicht gebaut wird. In Vorarlberg haben wir einen Klimanotstand und auch unsere Politikerinnen und Politiker müssen sich immer häufiger rechtfertigen, wenn sie Klimagerechtigkeit nicht mitdenken. Es hat sich also Einiges getan. Leider ist es trotzdem noch viel zu wenig – weshalb wir auch weiterhin vor dem Landhaus anzutreffen sein werden.

Am 25. März beteiligten sich auch Vorarlberger Schülerinnen und Schüler am weltweiten Klimastreik. <span class="copyright">VOL.AT/Mayer</span>
Am 25. März beteiligten sich auch Vorarlberger Schülerinnen und Schüler am weltweiten Klimastreik. VOL.AT/Mayer

Welche Rolle spielen die Pandemie und der Krieg in der Ukraine beim Kampf gegen den Klimawandel? Es wird in beiden Fällen sehr oft davon gesprochen, dass Veränderungen notwendig sind und beispielsweise die regionale Versorgung gestärkt und die Abhängigkeit von Öl und Gas reduziert werden sollen.
Hartmann:
Ich glaube, man muss aufpassen, dass man Krisen nicht gegeneinander ausspielt. Sie sollten gleichzeitig und miteinander bekämpft werden. Beispielsweise hätte die Regierung die Möglichkeit gehabt, Corona-Hilfen an die Erreichung des 1,5-Grad-Zieles zu binden und hätte damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Lösung, um von russischem Gas und Öl wegzukommen, kann langfristig auch nur die schon lange notwendige schnelle Umstellung auf erneuerbare Energieträger sein. Ich hoffe da auf die Vernunft und den Mut unserer Politikerinnen und Politiker, Entscheidungen für eine lebenswerte Zukunft zu treffen.

In Österreich wurden zuletzt einige Schritte in Sachen Klimaschutz gesetzt wie zum Beispiel der Beschluss zur Einführung der CO2-Bepreisung oder auch das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz. Wie beurteilen Sie diese Entwicklungen?
Hartmann:
Jede getroffene Maßnahme für Klimaschutz begrüßen wir natürlich. Die genannten Maßnahmen sind ein Anfang. Ihr Effekt wird aber noch um Welten zu gering sein, um damit die Pariser Klimaziele zu erfüllen. Sie sind leider nicht viel mehr als Tropfen auf einem heißer werdenden Stein.

Der Klimastreik endete vor dem Landhaus. Die Politik müsste mehr gegen den Klimawandel tun, ist Johannes Hartmann überzeugt. <span class="copyright">VOL.AT/Mayer</span>
Der Klimastreik endete vor dem Landhaus. Die Politik müsste mehr gegen den Klimawandel tun, ist Johannes Hartmann überzeugt. VOL.AT/Mayer

Müsste also noch mehr in Sachen Klimaschutz getan werden? Welche konkreten Maßnahmen bräuchte es aus Ihrer Ansicht nach noch?
Hartmann:
Ja, viel, viel mehr. Wir brauchen klare Pläne für Klimagerechtigkeit. Zielsetzungen und schwammige Formulierungen reichen nicht. Wir brauchen einen Ausstiegsplan aus jeglicher fossiler Energie bis 2030. Der Plan muss mit konkreten Maßnahmen hinterlegt sein und Zwischenziele beinhalten. Wenn diese nicht erreicht werden, brauchen wir zusätzliche Maßnahmen. Mit einem solchen Plan würde die Politik endlich Verantwortung übernehmen. Und ganz wichtig: die Maßnahmen müssen sozial gerecht sein, sie dürfen nicht wieder die kleinen Leute am meisten treffen!

In Vorarlberg gibt es ebenfalls Bemühungen zum Klimaschutz. Wie sehen Sie diese? Reichen die Bekenntnisse zur Energieautonomie und zum Ausbau der Wasserkraft? Was wäre sonst noch notwendig?
Hartmann:
Die derzeitigen Bemühungen des Landes sind besser als nichts. Sie orientieren sich aber nicht an dem, was notwendig ist. Es sind erste Schritte, mehr aber auch nicht. Von ernsthaftem, an der Wissenschaft orientiertem Klimaschutz kann keine Rede sein. Im Gegenteil, es werden sogar noch Dinge diskutiert, die offensichtlich klimaschädlich sind. Beispiele dafür sind die S 18 und die Tunnelspinne. Solche Projekte signalisieren der Jugend, dass ihre Zukunft für die Politikerinnen und Politiker nicht wirklich zählt.

Einzelkämpferin gab den Anstoß

Mit der damals 15-jährigen Greta Thunberg hat im August 2018 alles begonnen. Die junge Schwedin hatte sich zuvor intensiv mit dem Thema Klimawandel auseinandergesetzt und verweigerte im Vorfeld der Wahl zum schwedischen Reichstag den Schulbesuch. Mit einem Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ („Schulstreik für das Klima“) stand sie stattdessen vor dem Reichstagsgebäude in Stockholm. Ziel war es, die Regierung dazu zu bringen, mehr für den Klimaschutz zu tun. Nach der Wahl beschränkte sie den Protest auf Freitage.

Seitdem ist aus dem einsamen Protest der Greta Thunberg eine weltweite Bewegung geworden. Unter den Losungen #FridaysForFuture (Freitage für die Zukunft) und #YouthForClimate (Jugend fürs Klima) engagieren sich allerorts junge Menschen für den Klimaschutz. Doch nicht nur Jugendliche sind Teil der Bewegung, sondern auch zahlreiche Erwachsene – wie etwa Parents For Future – unterstützen mittlerweile den Kampf gegen den Klimawandel. Thunberg erlangte zudem durch ihr Engagement weltweite Berühmtheit und nutzt ihre Position, um weiter für den Klimaschutz zu kämpfen. Unter anderem nahm sie 2019 am Weltwirtschaftsforum in Davos Teil und hat schon zahlreiche Spitzenpolitiker getroffen.

Greta Thunberg im November 2018 vor dem Schwedischen Reichstag. <span class="copyright">Reuters/TT News Agency/Franzen</span>
Greta Thunberg im November 2018 vor dem Schwedischen Reichstag. Reuters/TT News Agency/Franzen

In jüngster Zeit wird – vor allem auf europäischer Ebene – die Atomkraft als Alternative zu fossilen Energiequellen ins Gespräch gebracht. Ist das ein Grund zur Besorgnis für Sie?
Hartmann:
Atomkraft ist auf keinen Fall nachhaltig, abgesehen von den Gefahren, die sie birgt. Alles, was irgendwie möglich ist, muss so schnell wie möglich mit erneuerbaren Energieträgern abgedeckt werden. Klar, ein Kohleausstieg ist in Hinblick auf die Klimakrise dringender als ein Atomausstieg. Es sollten aber dann nachhaltige, sichere Lösungen gesucht werden und nicht zusätzliche Atomkraftwerke gebaut und gefördert werden.

Wie muss es ganz allgemein im Kampf gegen den Klimawandel weitergehen?
Hartmann:
Unsere Politiker­innen und Politiker müssen verstehen, dass die angsteinflößenden Prognosen des Weltklimarats keine erfundenen Erzählungen sind, sondern die Zukunft darstellen, auf die wir gerade zusteuern. Dann würden wir nicht mehr darüber diskutieren, ob wir schon genug machen oder ob wir nicht noch eine Straße bauen können, sondern endlich tatsächliche Pläne entwerfen und umsetzen.

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