Allgemein

“Alle Zeichen deuten auf Sturm”

11.04.2022 • 23:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bundeskanzler Karl Nehammer nach dem Treffen mit Putin: "Es war kein Freundschaftsbesuch"<span class="copyright">APA/BKA/DRAGAN TATIC</span>
Bundeskanzler Karl Nehammer nach dem Treffen mit Putin: "Es war kein Freundschaftsbesuch"APA/BKA/DRAGAN TATIC

75 Mi­nu­ten kon­fe­rier­ten Wladimir Putin und Karl Ne­ham­mer in Mos­kau.

Ein­ein­halb Stun­den weil­te Bun­des­kanz­ler Karl Ne­ham­mer nach ei­ge­nen An­ga­ben am Mon­tag­nach­mit­tag beim rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin – nicht im Kreml, son­dern in des­sen Re­si­denz west­lich von Mos­kau. Hän­de­druck habe es kei­nen ge­ge­ben, twit­ter­te der Kanz­ler­spre­cher. Ob wegen Co­ro­na oder um po­li­ti­sche Dis­tanz zu wah­ren, ist nicht be­kannt.

Der Tisch, an dem der Kanz­ler Platz ge­nom­men habe, sei lang ge­we­sen aber nicht so lang wie jener, an dem Putin den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron und den deut­schen Kanz­ler Olf Scholz emp­fan­gen hatte, er­zähl­te Ne­ham­mer nach dem Tref­fen in einer Vi­deo-Kon­fe­renz mit 70 Me­di­en­ver­tre­tern aus aller Welt, dar­un­ter CNN, New York Times, Spie­gel, Reu­ter, ARD. Weder Jour­na­lis­ten noch Fo­to­gra­fen oder Ka­me­ra­leu­ten war der Zu­tritt in die Pu­tin-Re­si­denz ge­stat­tet, Fotos oder Film­auf­nah­men von der Zu­sam­men­kunft gibt es keine. Ganz zu schwei­gen eine ge­mein­sa­me Pres­se­kon­fe­renz.

Putins Residenz Nowo-Ogarjowo bei Moskau. In der Residenz fand das Treffen zwischen dem österreichischen Bundeskanzler und dem russischen Präsidenten statt.<span class="copyright">APA/BKA/DRAGAN TATIC</span>
Putins Residenz Nowo-Ogarjowo bei Moskau. In der Residenz fand das Treffen zwischen dem österreichischen Bundeskanzler und dem russischen Präsidenten statt.APA/BKA/DRAGAN TATIC

„Das war kein Freund­schafts­be­such“, er­klär­te Ne­ham­mer bei dem Pres­se­ter­min in der ös­ter­rei­chi­schen Bot­schaft in Mos­kau. „Mir war es wich­tig, Putin in die Augen zu schau­en und ihm zu sagen, was ich in But­scha er­lebt habe.“ Der Kanz­ler ver­such­te vor und nach der Zu­sam­men­kunft gar nicht erst den Ver­dacht auf­kom­men zu las­sen, dass er aus der west­li­chen Sank­ti­ons­pha­lanx aus­bre­chen wolle bzw. dass er von Putin in­stru­men­ta­li­siert und über den Tisch ge­zo­gen wor­den wäre. „Ich habe mir keine Wun­der von der Reise er­war­tet.“ Und: „Jeder Schritt, sei er noch so klein, ist bes­ser als kei­nen Schritt zu tun.“

Grund­sätz­lich zeig­te sich Ne­ham­mer skep­tisch über den Kriegs­ver­lauf und die wei­te­re Ent­wick­lung: „Ich bin pes­si­mis­tisch.“ Er habe „ge­ne­rell keine po­si­ti­ven Ein­drü­cke“ ge­won­nen. „Putin ist mas­siv in der Kriegs­lo­gik an­ge­kom­men.“ Die nächs­ten Wo­chen wür­den wo­mög­lich noch dra­ma­ti­scher, noch bru­ta­ler wer­den. „Alle Zei­chen deu­ten auf einen Sturm hin“, ver­wies Ne­ham­mer auf Hin­wei­se, dass ein Groß­an­griff der rus­si­schen Armee auf die Ost­ukrai­ne un­mit­tel­bar be­vor­ste­he. „Ich orte eine Spi­ra­le der Ge­walt, die sich in die Höhe schraubt.“

Auch die ukrainische Führung habe der Reise nach Moskau zugestimmt.<span class="copyright">REUTERS/Maxim Shemetov</span>
Auch die ukrainische Führung habe der Reise nach Moskau zugestimmt.REUTERS/Maxim Shemetov

“Wäre Selenskyj dagegen gewesen, ich wäre nicht gefahren.”

Karl Nehammer

Ein­mal mehr ver­si­cher­te Ne­ham­mer, dass sein nicht un­um­strit­te­ner Be­such mit Kom­mis­si­ons­che­fin Ur­su­la von der Leyen, Rats­prä­si­dent Charles Mi­chel, dem deut­schen Kanz­ler Olaf Scholz und dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Recep Erdogan ab­ge­spro­chen war. Ent­schei­dend sei al­ler­dings, dass auch die ukrai­ni­sche Füh­rung der Reise nach Mos­kau zu Putin zu­ge­stimmt habe: „Wäre Se­lens­kyj da­ge­gen ge­we­sen, ich wäre nicht ge­fah­ren.“

Für Rät­sel­ra­ten sorg­te al­ler­dings eine Kor­rek­tur einer am Nach­mit­tag ver­öf­fent­lich­ten Pres­se­aus­sen­dung des Kanz­ler­amts. Wäh­rend in der ers­ten Ver­si­on von „sehr gro­ßen Dif­fe­ren­zen“ zwi­schen Putin und Ne­ham­mer die Rede war, wurde die For­mu­lie­rung in der zwei­ten Ver­si­on auf „Dif­fe­ren­zen“ ab­ge­schwächt.

In den Abend­stun­den brach Ne­ham­mer wie­der in Rich­tung Ös­ter­reich auf. Nach Mos­kau flog der Kanz­ler Linie – mit einem Zwi­schen­stopp und einer Über­nach­tung in Is­tan­bul. Ob es auf dem­sel­ben Weg zu­rück­geht, war am Abend noch offen.

Von Mi­cha­el Jung­wirth