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Solo-Violine als Geschichtenerzählerin

11.04.2022 • 18:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Symphonieorchester Vorarlberg.      <span class="copyright">Thomas Schrott</span>
Das Symphonieorchester Vorarlberg. Thomas Schrott

Kolja Blacher dirigierte in Bregenz und Feldkirch das Symphonieorches­ter.

Mit Kolja Blacher als Konzertmeister und Violinsolist in Personalunion hat das Symphonieorchester Vorarlberg Neuland betreten und überzeugt: Beet­hovens „Coriolan“-Ouvertüre, eine der Londoner Symphonien von Joseph Haydn und ein besonderes Werk von Leonard Bernstein forderten das SOV in seiner Selbstständigkeit heraus, der sympathische Solist agierte im Montforthaus Feldkirch und im Bregenzer Festspielhaus als „primus inter pares“.

Dass Kammerorchester ohne einen Dirigenten musizieren und ihr Konzertmeister vom ersten Pult aus die Impulse gibt, ist ja durchaus üblich, für das SOV und seine so engagierten Musikerinnen und Musiker war das eine neue Erfahrung: In einem eng gesetzten Halbkreis hatten alle Streicher Blickkontakt zu Kolja Blacher am ersten Pult oder zu ihren Stimmführern, auch die Sitzordnung der Holz- und Blechbläser war optisch wie klanglich interessant.

Mit Leben erfüllt

Mit den scharf akzentuierten Eröffnungsakkorden und den darauffolgenden versöhnlichen Holzbläserlinien war in Beethovens c-Moll-Ouvertüre zum Trauerspiel „Coriolan“ der Rahmen für die musikalische Arbeit abgesteckt: Pulsieren in nachschlagenden Figuren, gezackte Motive und spannende Generalpausen füllten das Werk mit Leben.

Von Heinrich Joseph Collins Theaterstück mag man heute nur noch den Namen kennen, doch Beethoven hat es mit diesem Vorspiel unsterblich gemacht. In Joseph Haydns Symphonie Nr. 95, ebenfalls in c-Moll und entsprechend ausdrucksstark gearbeitet, bewährten sich wiederum die intensive Probenarbeit und die Präsenz der Musikerinnen und Musiker.

Solist und Konzertmeister Kolja Blacher.  <span class="copyright">Bernd Bühmann</span>
Solist und Konzertmeister Kolja Blacher. Bernd Bühmann

Als langjähriger Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und des Lucerne Festival Orchestras unter Claudio Abbado, als Solist, Kammermusiker und Lehrer hat Kolja Blacher das SOV zu einem feinen Zusammenspiel inspiriert: Markante Themen und Haydns Kunst, sie geistvoll zu verarbeiten, prägten den ersten Satz. Schön ziselierte ­Streichervariationen und sparsam eingesetzte Bläser waren im langsamen Satz zu hören, im Menuett zeigten sich Haydns widerborstiger Humor und im Triosatz der schöne Ton des Solocellisten Detlef Mielke. Ebenso dramatisch kunstvoll wie ­filigran und plas­tisch arbeitete das Orchester den Finalsatz heraus.

Solovioline, Streicher, Harfe und eine Reihe von Schlaginstrumenten setzt der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein für seine ganz persönliche „musikalische Rhetorik“ ein: Denn seine fünfsätzige „Serenade“ aus dem Jahr 1954 greift Platons „Symposion“ („Das Gastmahl“) und die darin enthaltenen Diskussionen über das Wesen der Liebe auf. Die Solovioline wird zum Geschichtenerzähler, Kolja Blacher lässt seine Geige aufblühen, singen und scherzen, bald virtuos, bald lyrisch und charmant oder sinnlich.

Ob die verschiedenen Ausdrucksformen nun Spiegel für die jeweiligen Redner und Meinungen sind oder sich einfach ein wunderbar farbiger Reigen im Zusammenspiel von Solisten und Orchester ergibt, sei dahingestellt: Kolja Blacher, das SOV mit einer höchst spielfreudigen Schlagwerkergruppe und Hans-Peter Hofmann als unterstützender Konzertmeister musizierten mit Herzblut und Klangfantasie! Katharina von Glasenapp

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