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Andy Warhols Factory als Theaterstück

12.04.2022 • 19:05 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
To all tomorrow's parties <span class="copyright">ANJA KÖHLER</span>
To all tomorrow's parties ANJA KÖHLER

Niklas Ritter gibt Einblicke in seine neue Inszenierung „To all tomorrow‘s parties“.

Die Factory war Andy Warhols Studio und berühmter Treffpunkt für bahnbrechende Partys und Amphetaminkonsumenten. Dort scharte er eine bunte Truppe von Darstellern aus Erotikfilmen, Drag Queens, Prominenten, Musikern und Freidenkern um sich, die später als „Warhols Superstars“ bekannt wurden. Unter ihnen war auch die Sängerin Christa Päffgen alias Nico, deren Leben der Regisseur Niklas Ritter in seiner neuen Produktion beleuchtet.

Identitätssuche

Wie auch im gleichnamigen Song „All tomorrow’s parties“ des Albums „The Velvet Underground and Nico“ spielt der Identitätskonflikt eine große Rolle. Im Stück inszeniert Ritter selber eine Art Factory Installation, in der Andy Warhol und seine Superstars Nico, Edie Sedgwick, Valerie Solanas und Candy Darling im Zentrum stehen und sich auch in Vergangenheiten und Abgründen bewegen. Die Personen hätten in Warhols Filmen einiges über ihr Seelenleben ausgepackt, viel verdrängt und versucht, zu ihrer Identität zu finden, erzählt der Regisseur, wobei viele daran zugrunde gegangen seien. Auch das wird in „To all tomorrow’s parties“ gezeigt.
Erzählt wird über diese fünf zentralen Figuren „quasi wie ein Herointrip“, weil die Factory „ja auch ein Ort war, wo viel über Drogen gelaufen ist“, sagt Ritter.
Ritter hat auch viel Biografisches von verschiedenen Figuren in seine Produktion einfließen lassen. „Bei näherer Betrachtung merkt man, dass die alle in ihrer Kindheit sehr zu kämpfen hatten. Andy Warhol hat ja auch keine leichte Kindheit gehabt, war immer wieder krank und hatte epileptische Anfälle.“

Aufgesplittete Figuren

Die Figur des Andy Warhol führt in vier Teilen durch den Abend und beleuchtet in jedem Teil einen der Superstars. Das ganze Ensemble wird aus der Sicht von Nico erzählt, die sich von ihrem ersten Auftreten an, an die unterschiedlichsten Phasen ihres Lebens erinnert und sich dabei quasi in mehrere Nicos aufsplittet. „Während sie sich an Edie Sedgwick und die anderen [Superstars] erinnert, verwandeln sich die Nicos in die anderen Figuren und erzählen auch deren Geschichte so ein bisschen mit.“ Angefangen mit einer Interviewsituation von Nico werden punktuell Figuren, Erlebnisse und Erinnerungen aus der Factory herausgepickt, die diese Leute erzählt haben, beschreibt Ritter die Inszenierung.
Angelehnt an Andy Warhols Porträts wird eine Figur als Schablone genommen und in unterschiedlichen Facetten dargestellt, indem man sie anders coloriert. Das Prinzip ist, dass sich die Figuren spalten, „es gibt mal fünf Nicos, dann gibt’s mal drei Andy Warhols.“


Da sich Nico als Person immer wieder stark veränderte, war Ritters Idee, dass man die Figur aufteilt. Vom Model angefangen, wurde sie später zur Punk-Ikone und war auch nur einen kurzen Zeitraum in ihrem Leben in der Factory, bevor sie später als Sängerin durch die Welt tourte und bis heute sehr viele Musikerinnen beeinflusst hat. „Ich möchte, diese verschiedenen Persönlichkeiten, die sich in dieser einen Persönlichkeit vereinen bildlich auf die Bühne stellen. Man hat eben vier oder fünf Persönlichkeiten, die unterschiedliche Perspektiven auf bestimmte Erlebnisse in dem Leben dieser einen Figur haben.“, sagt Ritter.

To all tomorrow's parties<span class="copyright"> ANJA KÖHLER</span>
To all tomorrow's parties ANJA KÖHLER

Starke Frauenfiguren

Der Gedanke, ein Stück über Nico zu machen, begleitete Ritter schon länger. Bereits bei den Überlegungen zu seiner Inszenierung von Marie Antoinette, die 2019 als „Antoinette Capet – Die Österreicherin“ am Landestheater uraufgeführt wurde, war Nico im Gespräch. „Wir wollten weibliche Figuren aus unterschiedlichen Zeitaltern zeigen. Das war der Grundgedanke, den wir damals hatten bei Marie Antoinette.“ Die Idee kam von Stephanie Gräve, der Intendantin des Landestheaters, die großer Fan von Nico und The Velvet Underground ist.
Ritter beschreibt Nico als Frau, die sich in der Männerwelt der 50er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre in unterschiedlichsten Phasen ihres Lebens unterschiedlich durchgesetzt hat. „Mittlerweile bin ich ein großer Bewunderer, aber das ist ja auch eine Frau, die durchaus Schrecken in sich trägt, also man kann sie nicht rein bewundern, aber sie ist eine sehr spannende Persönlichkeit auf jeden Fall“, sagt Ritter.
Die Herausforderung für Ritter war, aus den Kunstinstallationen, Filmen, Interviews und Songs eine Geschichte herauszuarbeiten. Die Schwierigkeit, auf keinen fertigen Text zurückgreifen zu können, machte für ihn aber auch den Reiz aus.


In „To all tomorrow’s parties“ wird auch die Musik von „The Velvet Underground and Nico“ in Ritters Inszenierung im Zentrum stehen. Das Ensemble wird den Zuschauerinnnen und Zuschauern starke und doch gebrochene Persönlichkeiten vor Augen führen und Frauen zeigen, die sich in der Männerwelt behauptet haben.
„Jede dieser Figuren hat sich gegen Widerstände durchgesetzt, auch wenn die eine oder andere dann am Ende doch auch gescheitert ist. Aber den Mut, den eigenen Weg zu gehen und an die eigene Andersartigkeit und Besonderheit zu glauben und alles möglich zu machen, was die Träume so hergeben“, möchte Ritter den Zuschauern zeigen, auch wenn nicht immer alles gut ausgeht.


Premiere „To all tomorrow‘s parties“ von Niklas Ritter: Donnerstag, 14. April, 19.30, Landestheater Bregenz. Infos: landestheater.org

Sieglinde Wöhrer