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Lieferung chinesischer Waffen an Serbien

17.04.2022 • 14:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Xian Y-20 wird in der chinesischen Luftfahrtbranche scherzhaft "Dickes Mädchen" genannt.
Die Xian Y-20 wird in der chinesischen Luftfahrtbranche scherzhaft “Dickes Mädchen” genannt. ChinaMilitary

Angesichts des Krieges wurde das mit Besorgnis wahrgenommen.

Unter Flugzeugbeobachtern herrschte kürzlich helle Aufregung, erstmals sind chinesisches Militärtransportflugzeuge des Typs Xian Y-20 über europäischen Boden geflogen und auch dort gelandet. Insgesamt sechsmal setzten die Militärfrachter am Nikola Tesla Flughafen in der serbischen Hauptstadt Belgrad auf, außerhalb Chinas wurden bisher nie mehr als zwei der vierstrahligen Kolosse gesichtet. Über die Gründe und den Inhalt des Transports gab es schnell Spekulationen. Die militärische Mission wurde im „halb geheimen“ geplant und ausgeführt, aber beide Nationen hatten Interesse dabei gesehen zu werden. Eine Machtdemonstration Chinas gegenüber dem Westen und Serbiens gegenüber seinen Nachbarn.

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Der Militärexperte und Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt, Markus Reisner bestätigt: “China hat Waffensysteme an Serbien geliefert. Serbien hat bereits vor drei Jahren Drohnen des Typs Chengdu Wing Loong geordert und zum Teil schon erhalten und im August 2020 das Flugabwehrsystem Typ FK-3, die Exportvariante des chinesischen HQ-22 bestellt.” Nach Bekanntwerden der Anlieferung sagte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić gegenüber Medien, die Neuerwerbung sei der “Stolz des serbischen Militärs.”

Militärexperte, Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt und Buchautor.
Militärexperte, Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt und Buchautor.Sonstiges

Für viele Experten des Westens, der Nato, der EU und vor allem in den angrenzenden Balkanstaaten eine beunruhigende Entwicklung, auch angesichts des Krieges in der Ukraine. Serbien gilt traditionell als prorussisch und trägt die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland nicht mit. Entsteht hier eine neue Achse Russland-Serbien-China? Für Reisner hat die Waffenlieferung viel Komponenten auf unterschiedlichen Ebenen: “Seit Jahren fährt Serbien einen Zickzack-Kurs zwischen EU, USA, Nato, Russland und China. Man will in die EU, wendet sich Europa zu, doch gleichzeitig sichert man sich in alle Richtungen ab. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen aus dem Jugoslawienkrieg als Bomber der Nato Einsätze gegen Belgrad geflogen sind.”

Machtprojektion

Der Militärexperte erklärt, mit den Drohnen und dem Flugabwehrsystem schafft Serbien eine Machtprojektion: “Sowohl Drohnen als auch Flugabwehrsysteme sind potente Fähigkeiten in der modernen Kriegsführung. Das sind Waffen, über die die meisten europäischen Länder gar nicht verfügen. In Europa besitzen nur Großbritannien, Frankreich und Italien bewaffnete Drohnen. Denn die USA verkaufen ihre Kampfdrohnen, Predator und den Nachfolger Reaper, nur an sehr ausgewählte Kunden und Partner. China ist mit seinen Produkten in diesen Markt gestoßen, hat Nigeria, Libyen, Jemen, Saudi-Arabien, die Emirate oder den Irak damit beliefert und hat nun seinen ersten Kunden in Europa.”

Verhandlungstrumpf

Für China ist das Geschäft ein wichtiges Zeichen, denn man will den militärischen Exportmarkt dominieren, ein europäischer Kunde ist dafür die beste Referenz. Für Serbien hat die Aufrüstung einen Abschreckungscharakter und stärkt seine Position, sagt Reisner, “um am diplomatischen Parkett Gehör zu finden, ist heute neben wirtschaftlicher und politischer auch militärische Stärke gefragt”. Der Experte sieht derzeit kein Aggressionspotential Serbiens gegenüber seinen Nachbarn, die Kosovo Frage ist für Serbien noch nicht endgültig geklärt, aber man will sich an die EU binden. Militärische Potenz sei dabei so etwas wie eine Trumpfkarte bei diplomatischen Verhandlungen.

Der französische Kampfjet Rafale steht auf der Einkaufsliste Serbiens
Der französische Kampfjet Rafale steht auf der Einkaufsliste SerbiensAPA

Neuer Kampfjet

Wie sehr Serbien auf der Klaviatur dieses Instruments spielt, zeigt auch die jüngste Meldung, denn die nächste militärische Anschaffung ist schon in Vorbereitung. Diesmal geht die Bestellung aber nicht nach China und auch nicht nach Russland. Für die russischen MiG-29 Kampfjets wird dringend Ersatz gesucht und die Wahl scheint auf die französischen Dassault Rafale gefallen zu sein. “Zum einen kann Russland durch die Sanktionen seine Wartungsteams nicht mehr zu seinen Kunden schicken und zum anderen erhofft sich Serbien dadurch einen Fürsprecher in der EU. Jedes militärische Geschäft bringt auch eine Vernetzung in wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit mit sich”, sagt Reisner.

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