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Vom Glück der zwei „Zuhausen“

17.04.2022 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Natürlich und selbstverständlich bin ich über die Osterferien wieder nach Wien (runter, rauf oder rein?) gefahren. Ich kann nicht anders, Wien ist für mich genauso viel Zuhause wie Vorarlberg. So konträr sie sind, ich könnte keinen der beiden Orte aufgeben. Vielleicht ist das so ähnlich wie mit einem Zwetschgenbaum, der veredelt worden ist mit Ästen eines Marillenbaums. Beide Obstsorten gehören zu ihm, und wenn man ihm egal welchen Ast wegschneidet, ist er verletzt. Bei mir ist es so, dass nicht der Ort an und für sich Heimat ausmacht. Ich bin zwar total verliebt in die Landschaftsvielfalt Vorarlbergs, aber das gibt mir noch nicht das Gefühl von Zuhause. Es sind die Familie, die Arbeitswelt, die Kinder und die Freunde genauso wie die immer gleiche Kassiererin beim Lebensmittelgeschäft ums Eck, die mir „zack“ zeigen: „Heidi, du bist daheim“. In Wien sind es die Freundinnen und Freunde, die mich schon seit mehr als 20 Jahren durch mein Leben begleiten. Es ist dieses Zusammensitzen bei Linsensalat und Sekt Rosé und dabei quatschen über Politik, Gesellschaft, Männer, Frauen bis hin zu „wie geht man aufs Klo“ und wo rasiert man sich überall die Haare oder eben nicht. Und es ist der Kebab-Stand ums Eck, der noch immer den besten Döner macht „wo gibt“. Ich liebe diese vielen kleinen Unterschiede meiner zwei „Zuhausen“. Es fängt schon beim Dialekt an. Ich mag es, meine Freunde in Wien mit einem angehängtem „odr“ total aus dem Sprachkonzept zu bringen. „War das jetzt eine Frage?“ und in Vorarlberg war meine erste Lesung auf wienerisch. Was sehr zum Amüsement der Zuschauer beigetragen hat. Es ist aber nicht nur die Sprache, es ist der Wiener Grant, der mich fasziniert und ich mich im Gegenzug dann aber über die Leichtigkeit und das freundliche Verhalten der Vorarlberger freue. Ich vermisse den Wiener Kellner, der mir vorhält, warum ich „die Blätschn vom Salod“ nicht esse (große Salatblätter, Anm.), wenn ich im Ländle bin. In Wien begrüße ich dafür die Menschen in Schönbrunn versehentlich mit einem Hohenemser „Hoi“ und ernte dafür verwirrte Blicke. Ich liebe es, dass sich die Menschen in Wien so bunt zeigen. Und hier mag ich es, wenn ich spazieren gehen kann und einmal eine halbe Stunde keiner Menschenseele begegne. Ich habe riesiges Glück, diese zwei Heimaten zelebrieren zu können und es zeigt mir, dass trotz all der Unterschiede, die wir Menschen aufgrund unserer Zugehörigkeit haben, wir genau deshalb eben auch ganz viel Schönes, Spannendes und Einzigartiges zu bieten haben. Ich bin überzeugt, dieser Gedankengang lässt sich auf jeden Ort dieser Welt übertragen. Frohe Ostern!

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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