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Eine kurze Geschichte über die Eigenwahrnehmung

24.04.2022 • 16:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Man kann es nicht ignorieren, unser Körper ist Reflektor unseres Gefühlshaushaltes und Lebensstiles. Den einen geht was an die Nieren, die anderen nehmen es sich zu Herzen und vielen schlägt es auf den Magen. Ich gehöre zur letzteren Gruppe. Deshalb wird mein Körper nicht auf Herz und Nieren geprüft (hach, welch schönes Wortspiel), sondern ab und an der Magen gespiegelt. Das ist kein Trara. Die Schreckensgeschichten über die verschluckten Schläuche gehören der Vergangenheit an. Man geht hin ins Spital, trinkt eine Flüssigkeit, die ein „leiwand“-entspanntes Gefühl gibt, und nachdem einem die Ärztin eine weitere gespritzt hat, schläft man einfach weg. Das Filmen des Körperinneren bekommt man gar nicht mehr mit. Einerseits fein, andererseits schade. Ich hätte gerne gesehen, wie es so in mir aussieht.

Das Aufwachen nach so einer Mini-Narkose ist aber das eigentlich Spannende. Die Eigenwahrnehmung liegt – zumindest bei mir – nämlich dabei total daneben. Im Halbschlaf merke ich, wie die Krankenschwester ein fröhliches „Guten Morgen“ trällert, und ich öffne die Augen. „Wow, bin ich aber schnell fit!“, denke ich mir. Die Frage, ob ich abgeholt werde, bejahe ich und stelle eloquent die Gegenfrage, ob der Abholzeitpunkt in 45 Minuten richtig gewählt ist. Gedanklich dieses Gespräch noch einmal Revue passieren lassend, bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht einfach „Gnagna gnagnag gnnn“ gelallt habe. Das „Mhm“ als Antwort der Krankenschwes­ter passt jedenfalls auch bei zweiterem. Organisiert wie ich bin (also zumindest habe ich es mir in diesem Moment zwischen Traum und Wirklichkeit eingebildet), schreibe ich also eine SMS an einen Freund, der sich bereit erklärt hat, mich abzuholen. „Hi du. Wäre in circa 45 Minuten so weit. Also etwa ab 10 Uhr ist Abholen möglich. Danke“. Angekommen bei ihm ist „Hiyx Monk, va 45. Minuten. Also etwa 19 wär möglich noch im Halbschlaf“. Ich habe mich total gewundert, warum er mich angerufen hat, um nachzufragen, wann er denn jetzt parat sein soll.

Schlussendlich bin ich weiter wach geworden, und statt zwei Prozent meines Gehirnes waren dann bald wieder vier bis fünf Prozent aktiv und ich konnte wieder gerade Sätze formulieren, was mir beim Telefonieren sehr zugute kam. Den Rest des Tages habe ich schlafend verbracht. Das Stamperl an Spritze hat ganz schön reingehauen. Im Nachhinein betrachtet gibt es mir aber schon ein wenig zu denken, wie sehr das, was man glaubt zu sein, mit dem, was nach außen gelangt, dermaßen in Diskrepanz sein kann. Unter dem Einfluss eines Narkotikums noch witzig, aber auf den Alltag gestülpt jedenfalls ein weiterer Grund, sich ab und an ein wenig besser zuzuhören. Ich werde mir auf jeden Fall meinen Satz „Bitte die Handtücher aufhängen!“ noch einmal genau anhören. Womöglich kommt da ganz was anderes bei den Kids an.

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