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Marine Le Pen: Die Frau, die sie fürchten

24.04.2022 • 15:23 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Zum zweiten Mal nach 2017 greift Marine Le Pen heute in Frankreich nach dem Präsidentenamt. Wer ist die Frau, die sich selbst als „Tochter des Monsters“ bezeichnet?
Zum zweiten Mal nach 2017 greift Marine Le Pen heute in Frankreich nach dem Präsidentenamt. Wer ist die Frau, die sich selbst als „Tochter des Monsters“ bezeichnet? APA/AFP/CHRISTOPHE SIMON

Schafft sie es, Nimbus von Frankreichs Verliererin abzustreifen?

Früher haben die Parteifreunde sie nur den Nachtvogel genannt, „la nightclubbeuse“. Das war nicht einmal verächtlich gemeint. Nicht im Front National. Als Studentin war Marine Le Pen immer in Partylaune. Auch ihr Vater war bekannt dafür, dass er die Feste feierte, wie sie fielen. Vermutlich war dieser Spitzname auch ein Ausdruck der Erleichterung. Erleichterung darüber, dass die Erbfolge im Hause Le Pen geklärt war und die Jüngste nicht in die Politik strebte. Für die Parteinachfolge war Jean-Marie Le Pens älteste Tochter Yann vorgesehen.

Doch dann kam alles anders. Marine wollte in die Politik, Marine wollte die Nachfolge des Vaters antreten. Erst biss sie sich den Weg an die Parteispitze frei, dann tötete sie symbolisch den Vater, am Ende änderte sie auch noch den Namen der Partei. Es ist, wenn man so will, eine lange Geschichte der Emanzipation und der Rebellion.

Marine Le Pen, 53, steht in einer Messehalle in Arras vor 4000 Fans. Es ist die letzte Wahlkampfveranstaltung vor dem großen Wahltag. Sie glaubt noch an den Sieg, zumindest tut sie so. Sie lässt den „nonchalanten, herablassenden“ Präsidenten ausbuhen und ruft: „Er liebt die Franzosen nicht!“ Applaus für Marine. Trikoloren werden geschwenkt.

Überhaupt Marine. Sie ist die einzige Politikerin in Frankreich, die von Anfang an nur bei ihrem Vornamen genannt wird. Wo sie auch hinkommt, dieselben Rufe. Marine! Auf ihrem Wahlkampfbus ist ein großes Porträtfoto von ihr zu sehen und die Aufschrift: „Das Frankreich, das wir lieben“. Statt des Verbes „aimer“ steht da nur ein M. wie Marine.

Marine Le Pen ist ein Paradox

Sie ist eine erfolgreiche Verliererin. Zum zweiten Mal steht sie auf dem Podium, aber wie es aussieht, ist es wieder nur der zweite Platz, die ewige Silbermedaille, die sie bekommt. Und doch ist es eine Erfolgsgeschichte: Im Frühjahr 2011 setzt sie das US-Magazin Time auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. Im April 2022 ist Le Pen dort angekommen, wo sie immer hinwollte: in den Herzen der Franzosen. Sie erzielt in den Umfragen Höchstwerte in Sachen Sympathie, Verständnis, Volksnähe.

Innerhalb von zehn Jahren ist es ihr gelungen, die Ideologie des Vaters zu banalisieren, aus dem rechtsextremen Front National eine Partei zu machen, die gefühlt viel weiter in die Mitte gerückt ist, auch wenn der ideologische Kern derselbe geblieben ist, „On est chez nous“ skandieren Le Pens Anhänger auf den Wahlkampfveranstaltungen. Man will unter sich bleiben, Migranten nicht reinlassen, Ausländern keine Sozialbauwohnungen geben, auch keine Familienhilfe, Le Pen verspricht, die Nation von der Unbill der Globalisierung zu schützen. Patriotischer Protektionismus heißt das jetzt.

M wie Marine, die „Tochter des Monsters“, wie sie sich selbst gern nennt. Jurastudium in Paris, Arbeit als Anwältin, dann geht die zweifach geschiedene, alleinerziehende Mutter von drei Kindern in die Politik. „An ihr ist ein Bub verloren gegangen“, sagt ihre Schwester Yann. Die Mutter formuliert es anders: „Marine ist der perfekte Klon ihres Vaters.“ Ihn haben sie lange den Menhir genannt. Auch sie hat etwas von diesem monolithischen Stein der Bretagne, ihre Stimme ist tief und rau wie die der Knef. Sie wollte immer ihrem Vater gefallen, ihn beeindrucken. Aber um das zu erreichen, musste sie ihn absurderweise ausschalten, aus der Partei ausschließen, mit ihm brechen.

Marine Le Pen erzählt gern, wie sie als Kind diskriminiert wurde. Wegen ihres Namens. Sie erzählt immer wieder von jenem Bombenanschlag auf die elterliche Wohnung, 20 Kilo Sprengstoff, bei dem, wie durch ein Wunder, nur ein Hund getötet worden ist. Sie war damals acht. Das eigentliche Trauma aber ist eines, über das sie weniger gern redet: Marine, eigentlich Marion Anne Perrine, war 16, als die Mutter die Familienvilla verließ. Ohne Vorankündigung. Im Oktober 1984 brannte das ehemalige Pin-up-Girl Pierrette Le Pen mit dem Biografen ihres Mannes durch, daraus wurde einer der größten Vaudevilles im Nachkriegsfrankreich. Erst rückte Pierrette das Ersatz-Glasauge des Ex-Mannes nicht heraus, dann behielt er die Urne ihrer Mutter, die sie beim überstürzten Aufbruch vergessen hatte, und auch Unterhalt bekam sie nicht. Möge sie doch putzen gehen, soll er ihr nachgerufen haben. Aus Rache posierte sie – nur durch einen Staubwedel geringfügig verhüllt – im Playboy.

„Marine hat furchtbar unter der Trennung gelitten“, wird die Mutter später zu Protokoll geben. „Sie hat nicht damit gerechnet. Für sie waren wir das Idealpaar. Ihre Welt brach zusammen.“ Ganze 15 Jahre lang sah Marine Le Pen ihre Mutter nicht. Es schweißt sie auf alle Zeiten mit dem Vater zusammen: „Er ist der Mann meines Lebens. Er hat die Frau gemacht, die ich heute bin“, sagt sie, bevor es wiederum mit ihm zum Bruch kommt.

Sie hat die Partei gegen seinen Willen verändert und auch gegen den Widerstand vieler Parteikader, die zum Schluss in Massen zum rechtsextremen Éric Zemmour übergelaufen sind. Auch das hat sie überlebt und weiter ihr eigenes Image verändert: Noch vor zehn Jahren hatte sie sich als Sportschützin inszeniert, für den Magnum-Revolver von Smith & Wesson geschwärmt und für die Todesstrafe plädiert. Heute ist sie Tierschützerin. Während des Lockdowns hat sie ein Diplom als Katzenzüchterin abgelegt. Seither flutet sie die sozialen Medien mit Fotos von Kätzchen. In ihrem Haus in Saint-Cloud bei Paris lebt sie mit vielen Katzen und ihrer Jugendfreundin Ingrid zusammen. Es gebe dort nur eine einzige Regel, verrät sie während einer Fernsehreportage: Keine Männer. Auch Kater sind übrigens tabu.

Es ist das dritte und höchstwahrscheinlich letzte Mal, dass Marine Le Pen für die Präsidentschaft kandidiert hat. Mit jedem Mal ist sie ihrem Ziel nähergekommen. Dieses Mal sagt man ihr 45 Prozent voraus. Das reicht wieder nicht. Für Le Pen ist aber auch eine knappe Niederlage ein großer Sieg.

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