_Homepage

Mit Kunst dem „Wesen“ auf der Spur

28.04.2022 • 18:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">wolfgang ölz</span>
wolfgang ölz

Der Kunstraum QuadrART in Dornbirn zeigt Arbeiten von sieben Künstlerinnen und Künstlern zum Thema „Wesen“.

Der Philosoph Josef Seifert spricht in seinem Werk „Sein und Wesen“ davon, dass es viele verschiedene Bedeutungen des Begriffs „Wesen“ gibt, die sich auf verschiedene fundamentale metaphysische Gegebenheiten beziehen. Es ist demnach gewagt, sich in einer Ausstellung der Bedeutung des philosophischen Begriffs „Wesen“ anzunähern.
Jedenfalls ist der Verweis auf die althochdeutsche Bedeutung eher ein Holzweg. Der Begriff „Wesen“ ist ursächlich aus der griechischen Antike. Platon verwendet statt dem Begriff „Wesen“ („ousia“) das Wort „eidos“. Mit „eidos“ meint Platon die Essenz eines Dings, das, was etwas wirklich ist. Damit ist sein Wesen gemeint. Er denkt dabei auf keinen Fall an etwas Flüchtiges oder Vergängliches, sondern im Gegenteil an etwas ganz klar Bestimmbares, etwas gleichsam Ewiges, das ein Ding von seinem Innersten her ausmacht. Diese Auffassung steht der Meinung der Künstlerinnen und Künstler der derzeitigen Ausstellung im QuadrART in Dornbirn entgegen, die sich einig sind, dass das Wesen nicht wirklich fassbar sei und somit flüchtig.

Licht

Hermann Präg, einer der ausstellenden Künstler, spricht davon, dass seine Lichtobjekte ein Versuch einer Annäherung an den Begriff des Wesens seien. Gerade hier liegt eine Verwechslung mit verheerenden Folgen für die neuzeitliche Philosophie vor. Der Phänomenologe Josef Seifert schreibt: „Bedeutsam ist die Unterscheidung zwischen Wesen und Begriff. Begriffe sind radikal verschieden von real exis­tierenden Seienden. Das Wesen eines realen Seienden wird in dem real existierenden Seienden gefunden, der Begriff wird vom Verstand gebildet.“
Die von Markus Grabher kuratierte Ausstellung mit dem Titel „annähernd wesentlich“ ist die Nummer 5 der von Erhard Witzel und Uta Belina Waeger ins Leben gerufenen Ausstellungsreihe in ihrem Kunstraum QuadrART in Dornbirn. Die Künstlerinnen und Künstler verzichten hier auf die Ausstellungswände und hängen ihre Werke in den Raum. Damit wollen sie die Sicherheit eines konventionellen Kunstbesuches unterlaufen.

<span class="copyright">wolfgang ölz</span>
wolfgang ölz

Fotos

Markus Grabher hat Fotos vom Flohmarkt geholt, deren Menschen vergessen und damit aus seiner Sicht wesenslos geworden seien. Seine Arbeiten kreisen um Krieg, Großmutter, Ich und Schwangerschaft. Gernot Bösch hat Holzskulpturen zum blumigen Titel „Wesen des Mannes in der Blüte“ gestaltet. Seine Hexaeder zeigen Blütenkörper in Frühling, Sommer und Herbst.
Gabriele Bösch, die auch als Schriftstellerin im Land bekannt ist, hat in geduldiger Kleinarbeit – pro Blatt bis zu eineinhalb Arbeitswochen – großformatige Papierbögen mit Tuschezeichen beschriftet, was für sie ein Fortschreiben ihrer Literatur, Elegien und Oden, darstellt. Die Tochter von Gernot und Gabriele Bösch, Aurelia Bösch, ist ebenfalls künstlerisch tätig. Sie hat zum Thema Transzendenz schwarzweiße Fotos gemacht, die an die Grenze der Wahrnehmung führen könnten.

Traumwelten

Alice Wellingers auf Stoff gedruckte, goldbefranste Traumwelten erinnern an den Surrealismus oder den Wiener Phantastischen Realismus, wo der Traum mit Sigmund Freud den Königsweg zum Unbewussten darstellt. Tabea Hampel zeigt im Untergeschoss einen Film, der Rollenklischees hinterfragen soll, indem sie sich vor der Kamera ihre Beine rasiert. Ebenfalls im Untergeschoss befindet sich eine ganz neue Lichtskulptur von Hermann Präg. In gewohnter Qualität thematisiert er die philosophischen Grundlagen der Naturwissenschaften. Seine Lichtquelle strahlt wohltuend in den Raum.


Bis 10. Juli. Donnerstag, Freitag, Samstag, 17 bis 19 Uhr (bis 10. Mai), danach mit telefonischer Vereinbarung. quadrart-dornbirn.com

Wolfgang Ölz