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Der Hulk in mir: Selbstreflexion mit Rasenmäher

01.05.2022 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

rühling ist es und der Rasen gehört gemäht. Also habe ich den letztes Jahr noch reibungslos funktionierenden Mäher aus dem Keller geholt und gestartet. Das heißt, ich habe mittels zwanzig Mal ziehen an der Starterleine versucht, diesen Mistfink zum Laufen zu bringen. Er wollte nicht. Nicht mit ­Choke. Nicht mit frischem Benzin. Nicht mit neuer Zündkerze. Einfach so. Und dann spürte ich, wie er hochkroch, der Zorn mit einer Würze Wut. Heidi stand im hohen Gras, zwischen Löwenzahn und Gänseblümchen, zwischen summenden Bienen und zwitschernden Vögeln und ließ einen dermaßen lauten Schrei ab, dass die Welt um sie herum für einen kurzen Moment erstarrte. „Du … (hier möge man sich eine passende Wortwahl vorstellen)-Ding. Jedes Mal, wenn man dich, zefixnocheinmal, braucht, geht einfach nix weiter!“ Die Wutwürze hat mich dann dazu veranlasst, unkontrolliert gegen die Haltestange des Rasenmähers zu hauen. Als ich fertig war mit der Zornwitzlerei, begann der Akt der Selbstreflektion. Zorn und Wut gehören nicht zu meinem Standardrepertoire an Gefühlen. Und wenn, dann richten sie sich meistens gegen Gegenstände. Vor allem die Wut. Die lässt mich dann auch mal zum Hulk gegenüber einem Hieroglyphen spuckenden Drucker werden, oder einem kleinem Plastiksackerl, das sich trotz reiben, zwirbeln und Co. nicht öffnen lässt. Da fliegt auch mal eine Alufolie durch die Küche, weil sich partout der Anfang nicht finden lässt und sie nur noch in Fetzensträngen auf der Rolle klebt. Wie Lametta am Christbaum. Wut ist blöd, die verstehe ich nicht, weil sie nicht hilft. Zorn ist mir noch eher verständlich. Der hat wahrscheinlich früher beim Mammutjagen Kräfte freigesetzt. Wenn der Steinzeitmensch hungrig war und das Mammut einfach nicht auf Pfeil und Bogen reagiert hat, ist er zornig geworden, der Mensch, und hat es laut schreiend auf eine Klippe zugetrieben. Das arme Tier ist dann vor Angst hinuntergesprungen. Wut hätte ihn dazu gebracht, dem Mammut mit der Faust eines zwischen die Stoßzähne zu geben, woraufhin das etwas größere Tier ihn einfach mit einem kleinen Rüsselschubser nach Afrika zurückkatapultiert hätte. Wut macht unzurechnungsfähig und ist komplett sinnlos, weil sie dich kein bisschen deinem Ziel näherbringt. Selbstverständlich niemals richtet sich Wut bei mir gegen fühlende Lebewesen. Deshalb, um mir auch das letzte kleine Restchen an unnützer Unkontrolliertheit zu nehmen, gehe ich mir jetzt Filme über künstliche Intelligenz ansehen, mit Gefühlen. Danach packe ich meinen Rasenmäher sorgenvoll und behutsam ins Auto und bringe ihn zur Reparatur. Das macht viel mehr Sinn.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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