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Boris Becker: Der tiefe Fall eines Idols

01.05.2022 • 14:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Boris Becker muss ins Gefängnis
Boris Becker muss ins Gefängnis (c) AP (Frank Augstein)

Ende seiner Tenniskarriere läutete zugleich den Niedergang ein.

Als Boris Becker 2018 bei den French Open mit Eurosport-Kommentator Matthias Stach und einem Kameramann im Schlepptau über das Trainingsgelände Jean Bouin stolzierte, fasste sich ein österreichischer Journalist ein Herz, steuerte den „Roten Baron“ an und bat die deutsche Tennis-Legende quasi unter dem Motto „Von Kollege zu Kollege“ um ein kurzes Gespräch. Doch dazu kam es nicht. Herr Becker gäbe keine Interviews mehr, er führe solche nur noch, schilderte der Abservierte wenig später angesäuert das Erlebnis und sparte dabei nicht mit jenem hochnäsigen Ton, mit dem ihn Becker stehengelassen hätte.

Es ist nur ein unbedeutendes Beispiel für jene „fatale Arroganz“, von der die „Daily Mail“ nach dem Schuldspruch für Becker, der am Freitag am Southwark Crown Court in London gefällt wurde, schreibt. Das einstige Sport-Idol musste gleich nach der Urteilsverkündung aufgrund mehrerer Insolvenzstraftaten mit einer vorsorglich nur mit dem Allernötigsten gepackten Tasche seine zweieinhalbjährige Haftstrafe (zumindest 15 Monate davon unbedingt) antreten und in einem unübersehbaren Schockzustand zur Kenntnis nehmen, dass er eben doch nicht jener Unberührbare war, für den er sich wohl hielt.

“Nur das Beste ist gut genug für Boris”

Dabei war es gerade das, was Becker vom ersten Tag seines kometenhaften Aufstiegs an eingeimpft bekam. Nach seinem Triumph als erst 17-Jähriger 1985 beim Rasenklassiker in Wimbledon rissen sich die Sponsoren um das „German Wunderkind“, das mit Ion Tiriac einen gewieften Manager an seiner Seite hatte. Und der Rumäne betonte: „Nur das Beste ist gut genug für Boris“. Warum sein Schützling, für den er einige Millionen-Deals ausgehandelt hatte, nun so tief fallen konnte, ist Tiriac heute selbst ein Rätsel. Doch sagt er gegenüber Becker-Kenner Jörg Allmeroth: „Boris hätte zu einem der reichsten Sportler werden können. Aber er hat nicht mehr auf die Leute gehört, die das Richtige für ihn wollten.“

Fakt ist, dass Beckers Abstieg schon mit dem Ende seiner aktiven Karriere 1999 seinen Anfang nahm. Ab diesem Zeitpunkt wollte sich der Leimener, der sechs Grand-Slam-Titel eingespielt hat und im Jänner 1991 an der Spitze der Tenniswelt stand, von seinem Sportlerleben emanzipieren und in der großen, weiten Geschäftswelt reüssieren. Doch erwies sich sein zweites Leben rasch als härterer Gegner als all jene Konkurrenten, die ihm 15 Profijahre lang auf der anderen Seite des Netzes gegenüberstanden. „Du sitzt in einer Verhandlung, hörst zu, gehst in den Tiebreak und machst irgendwann die Big Points“, drückte der als beratungsresistent geltende Sportstar einst sein Verständnis für das Geschäftemachen aus. Doch fabrizierte Becker, der sich selbst als „Lehrling im Nadelstreif“ bezeichnete, im Laufe der Jahre einen Doppelfehler nach dem anderen.

Verurteilung 2002 in Deutschland

Bereits 2002 war der heute 54-Jährige in Deutschland wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verdonnert worden – eine Tatsache, die auf die Schwere des Urteilsspruchs in London Einfluss nahm. Auch mit dem Internetportal „Sportgate“ scheiterte Becker kläglich. Zudem lebte der Tennis-Pensionist so weiter, als würden ihm nach wie vor Turniersiege und Sponsoreneinnahmen Unmengen an Geld auf sein Konto spülen. Doch das Gegenteil war der Fall – Becker hatte stattdessen monatlich hohe Zahlungen an seine Ex-Frauen und Unterhalt für seine Kinder zu leisten.

Nein, Becker hat nie wirklich gelernt, mit Geld umzugehen. Beinahe nachvollziehbar, müssen sich Topathleten in ihrer aktiven Zeit doch nur auf ihre Kernaufgabe fokussieren: ihren Sport so erfolgreich wie nur möglich auszuüben. Der Rest wird für sie erledigt. Von Managern, von Beratern – seriösen sowie unseriösen. Von diesen hat sich der Deutsche nach und nach gelöst. Er glaubte, man könne ihm, Boris Becker, nichts anhaben. Er glaubte, seinen Weg trotz alarmierender Warnhinweise unbeirrt weitergehen zu können. Dieser hat den einstigen König von Wimbledon nun aber direkt in das Gefängnis geführt. Es ist der traurige Schlusspunkt des Niedergangs einer einstigen Sport-Legende.

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