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Wie wird es in der Ukraine weitergehen?

01.05.2022 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Krieg in der Ukraine geht mit unverminderter Härte weiter
Der Krieg in der Ukraine geht mit unverminderter Härte weiter (c) AP (Vadim Ghirda)

Anfangsphase ist vorbei. Doch wie wird es in der Ukraine weitergehen?

Der Krieg in der Ukraine geht mit unverminderter Härte weiter. Noch ist kein Ende in Sicht. Wir wissen weder, ob wir in der Mitte oder am Ende dieses Konfliktes stehen – noch, ob der Krieg sich ausweiten könnte auf andere Länder. Was mit Sicherheit stimmt: Die Anfangsphase dieses Konfliktes ist vorbei – und sie endete mit einer strategischen Niederlage Russlands. Denn: Der angesagte Regimewechsel wird nach dem russischen Abzug um Kiew nicht stattfinden. In dieser Hinsicht hat die Ukraine den Krieg bereits gewonnen.

Was aber sind mögliche Zukunftsszenarien? Hier ein kurzer Überblick mit dem Hinweis, dass jede Prognose über den Kriegsverlauf mit Vorsicht zu „genießen“ ist. Der Nebel des Krieges ist allgegenwärtig und in einem komplexen menschlichen Unterfangen wie Krieg passiert oft etwas Unerwartetes. Ich möchte speziell auf zwei Szenarien eingehen. Erste Option: Russland führt eine Generalmobilmachung durch. Zweite Option: Russland versucht, den Krieg ohne solch eine Massenmobilisierung zu gewinnen.

Unabhängig davon, ob die geografisch relativ begrenzte russische Bodenoffensive im Donbass erfolgreich ist oder nicht, könnte der Kreml sich entscheiden (vielleicht im Rahmen einer Rede am russischen Feiertag am 9. Mai) einen allgemeinen Kriegszustand auszurufen und eine Generalmobilmachung anzuordnen. Was spricht dafür? Nach Ende dieser Offensive werden die russischen Truppen nicht mehr fähig sein, größere Angriffe durchzuführen. Der Hauptgrund: die enormen Verluste auf russischer Seite in den letzten Wochen. Hier wiegen Zehntausenden Toten, Verwundeten und Gefangenen mehr als das Material (Russland verlor bis dato fast 600 seiner Kampfpanzer).

Szenario 1

Theoretisch könnte Russland bis zu zwei Millionen Soldaten in den nächsten Monaten mobilisieren. Diese Zahl ist aber insgesamt unrealistisch. Dazu fehlen moderne Ausrüstung und passendes Gerät. Mehrere Hunderttausend Soldaten könnten aber dennoch zu den Fahnen gerufen werden, vielleicht während eines temporären Waffenstillstandes. Bis dato will Wladimir Putin diesen Schritt zur Eskalation tunlichst vermeiden. Denn solch eine Mobilisierung geht nur mit Ausrufung eines generellen Kriegszustandes. Da müsste Russlands Präsident seine Kriegsziele klar erweitern. Das würde bedeuten, dass er sich mit territorialen Gewinnen östlich des Dnepr-Flusses wohl nicht zufriedengeben kann und die ukrainische Hauptstadt Kiew wohl erneut russisches Angriffsziel sein würde.

Geist & Gegenwart

Diskussion: Der Ukraine-Krieg und die politischen Folgen. Montag, 2. Mai, 18 Uhr mit Herfried Münkler und Martin Sajdik, Moderation Stefan Winkler. Infos und Livestream auf www.geistundgegenwart.at und auf kleine.at

Szenario 2

Russland kann den Krieg auch ohne eine Generalmobilmachung fortsetzen. Zum Beispiel könnte es nach Ende der Donbassoffensive in die Verteidigung übergehen und versuchen, neue Verstärkungen durch die Rekrutierung von Vertragssoldaten heranzuführen. Sollten die Ukrainer eine eigene Gegenoffensive in naher Zukunft starten, wäre das mit großen Verlusten auf ukrainischer Seite verbunden. Russische Truppen haben sich traditionell in der Militärgeschichte als sehr zähe Verteidiger erwiesen. Eine Art Abnutzungskrieg könnte sich eine lange Zeit so fortsetzen. Zusätzlich könnte Russland durch seine Schwarzmeerflotte die Blockade des Landes zur See fortsetzen und nach und nach der Ukraine ihre wirtschaftliche Existenz rauben. Konturen dieser Strategie lassen sich bereits erkennen.

In den letzten Tagen haben Angriffe mit Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und anderen Bomben verstärkt ukrainische Industriebetriebe sowie kritische Infrastruktur getroffen. Unterstützt könnte diese Abnutzungsstrategie durch einen plötzlichen Atombombentest, beispielsweise eine Detonation einer taktischen Nuklearwaffe im Schwarzen Meer werden, um von der ukrainischen Seite zusätzliche politische Konzessionen zu gewinnen. Ein riskantes Spiel, da sich im Westen mit Sicherheit Stimmen für einen Regimewechsel in Moskau und ein direktes Eingreifen in den Konflikt mehren würden, sollte dieses nukleare Tabu gebrochen werden.

Welches der beiden Szenarien wahrscheinlicher ist, bleibt abzuwarten. Eines stimmt mit Sicherheit: Die Zeit arbeitet für die Ukraine und gegen Russland, vor allem wegen der westlichen Waffenlieferungen sowie nachrichtendienstlicher Unterstützung, die es Kiew überhaupt erst ermöglichen werden, in die Offensive zu gehen. Die Lieferung schwerer Waffen aus dem Westen steigert die Chancen auf einen nachhaltigen Frieden, in der die territoriale Integrität der Ukraine abseits der Krim vielleicht mit wenigen Gebietsverlusten erhalten bleibt.

In diesem am 24. Februar losgetretenen Krieg wird es aus heutiger Sicht daher keine Pattsituation geben. Es wird kein sogenannter „eingefrorener“ Konflikt, wie er seit dem Jahr 2014 im Donbass geherrscht hat, mit relativ statischen Frontlinien. Dazu ist das militärische Potenzial, dank Waffenlieferungen an die Ukrainer sowie der politische Wille, weiterzukämpfen, auf beiden Seiten einfach noch zu groß.

Was absehbar scheint: Früher oder später wird die eine oder andere Seite militärisch im Vorteil sein und diesen im Rahmen einer Offensive nützen, um größere Raumgewinne zu erzielen. Erst danach wird die Diplomatie eine wirkliche Chance haben, diesen Krieg zumindest vorübergehend zu beenden.