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Ich breche eine Lanze für die Alten

08.05.2022 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Wenn man in der Kulturwelt tätig ist und versucht, mit der eigenen Kreativität ein paar Münzen zu verdienen, stößt man unweigerlich auf diverse Ausschreibungen und Wettbewerbe, um sein Talent in ein „Battle“ zu werfen. Oder man sucht um Förderungen an, die bestimmen, ob das Geschriebene für andere einen bestimmten Wert hat, künstlerisch gesehen. Auffällig dabei ist es, dass sehr viele dieser Zuwendungen sich explizit auf Menschen in der unteren Altersgruppe beziehen. Förderung für junge Künstler, Talentewettbewerbe für Autorinnen und Autoren unter Dreißig. Und so weiter und so weiter. Ich finde das toll, weil es den jüngeren Kalibern unter uns etwas mehr an Chancen gibt, einen Start in dieses wirklich nicht ganz leichte Kunst- und Kulturleben zu ermöglichen. Schade finde ich, dass nicht daran gedacht wird, dass auch Ü30er, Ü40er, Ü50er, Ü60er, Ü70er, Ü80er, Ü90er, Ü100er und so weiter oft ungeahnte Talente in sich erkennen und neu durchstarten. Das ist ein wenig das Auge unserer Gesellschaft, die meint, ab einem gewissen Alter sollte man gefälligst keine Änderungen an seinem Leben vornehmen. Der 55-jährige Papa, der nach 25 Jahren Kinderversorgung sich nun auf sich konzentrieren will, um Gedichte zu schreiben, hat es wesentlich schwerer, als eine 19-jährige Poetry-Slammerin. Es erfordert enormen Mut, starken Willen und viel Kraft, im späteren Leben genau dies ändern zu wollen. Und das betrifft keinesfalls nur die Kunst. Die fungiert hier nur als Beispiel. Es gibt wirtschaftliche Auszeichnungen für Menschen unter 40, aber es gibt keine (oder kaum) öffentliche Partys für Menschen über 60, die ihr Jus-Studium innerhalb der Mindeststudienzeit abgeschlossen haben. Das hat wahrscheinlich viel damit zu tun, inwieweit wir es als „noch rentabel“ empfinden, in jemanden zu investieren. Weil statt 50 produktive Jahre sind vielleicht nur noch 20 realistisch. Aber genau so wie wir uns für unsere Jungen einsetzen, sollten wir es für unsere Alten tun. Da gibt es Erfahrungsschätze, Geschichten, Talente, von denen wir alle zusammen nur profitieren können. Es braucht: Schreibwettbewerbe für Menschen, die ihren Sechziger schon hinter sich haben. 55+-Feiern in der Wirtschaftskammer für alle, die sich in diesem Alter selbstständig gemacht oder in einer neuen Arbeit Tolles geleis­tet haben. Midlife-Stipendien für Universitäten und auf jeden Fall talentfreie Single-Partys für Ü70-Jährige. Wir bauen diese Welt nämlich alle. Und vielleicht würde so ein Blick auch dazu führen, dass sich einige „Alte“ nicht mehr auf ihren Lorbeeren ausruhen.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.