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Putin, Inszenierung eines Autokraten

09.05.2022 • 13:12 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Inszenierungen des Wladimir Putin: als Macho-Reitersmann
Inszenierungen des Wladimir Putin: als Macho-Reitersmann (c) AP (Alexei Druzhinin)

Historikerin über Kult um Putin mit alten Symbolen der Männlichkeit.

Heute begeht Russland wieder mit einem militärischen Spektakel auf dem Roten Platz in Moskau den Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland 1945. Was Präsident Wladimir Putin verkünden wird, ist ungewiss, gewiss aber ist, dass dieser Tag als martialischer Auftritt für Putin gestaltet wird. Wo will Putin in der Nachfolge sein, beim Zarismus oder beim Stalinismus?
BARBARA STELZL-MARX: Es ist eine Mischung. Putin als Zar ist etwas, das immer wieder zum Vorschein kommt, das Modell des allmächtigen Zaren, der unantastbar, politisch heilig ist. Die alte zaristische Kreml-Architektur wählt Putin ganz gezielt für seine Inszenierungen und setzt sich damit in eine Linie mit den autokratischen Herrschern. Andererseits versucht er sich dann auch so darzustellen, wie es schon Josef Stalin tat: als Vater aller seiner Völker.

Ist das nicht eine alte, längst überholt geglaubte Selbstdarstellung eines Machos?
Es ist eine sorgsam ausgearbeitete Ikonografie als Ergebnis eines breit angelegten, interdisziplinär vernetzten Putin-Kults. Putin, der Herrscher und Politiker, die Vaterfigur, ein Künstler, ein Held, ein Retter und zunehmend jetzt auch der Feldherr und Eroberer.

Putin als Autokrat im Kreml-Prunk
Putin als Autokrat im Kreml-PrunkAP

Wie kann das denn an Bildern festgemacht werden?
Die Fotos etwa von Putin als Reiter mit nacktem Oberkörper. Die Darstellung “Herrscher zu Pferd” ist eine alte, klassische Inszenierungsform. Man stelle sich vor, einer unserer Politiker würde sich halb nackt auf einem Pferd über die Alpen reitend präsentieren. Doch da finden sich noch die Bilder von Putin beim Fischen, wieder mit entblößtem Oberkörper, eine erotische Inszenierung. Das unterstreicht die Männlichkeit. Putin ließ sich mit einem angeblich von ihm betäubten Tiger fotografieren, die Inszenierung als Mutiger.

Wladimir Putin rückte am 7. Mai 2000, also fast auf den Tag genau vor 22 Jahren, an die Spitze Russlands auf. Ist die Pflege des Kults, die selbstgefällige Selbstdarstellung etwas, dem Politiker zu erliegen, wenn sie zu lange an der Macht sind?
Putin begann gleich, als er noch eine relativ unbekannte Person in der Politik war, für sich das Image eines durchsetzungsstarken Herrschers aufzubauen, um Führungsstärke und Kompetenz zu zeigen. Von Anfang an waren Kabinettssitzungen zu sehen, bei denen Putin im Mittelpunkt thronte, links und rechts Reihen von Mitarbeitern, die Befehle entgegennahmen. Dazu noch Requisiten der alten Sowjetunion, wie das alte Schnurtelefon. Auch Judo gehörte von Beginn weg zu Putins Inszenierung, wie er mit dem schwarzen Gürtel Gegner über die Schulter wirft.

Vladimir Putin
Putin als heldenhafter Tiger-BändigerAP

Bei uns würden derartige Darstellungen in den Bereich der Lächerlichkeit gerückt werden. Warum kann man mit Selbstdarstellung wie einst Italiens Diktator Benito Mussolini in der Zwischenkriegszeit noch im Russland des Jahres 2022 punkten?
Viele Russen sahen ihn als starke Antwort auf den schwachen Michail Gorbatschow und den von Krankheit und Alkohol gezeichneten Boris Jelzin. Gorbatschow wird bei uns positiver gesehen als in Russland. Für die Russen trug er wesentlich zum Zerfall ihres mächtigen Landes bei. Und da kommt jetzt ein Retter, ein Held, einer, der Härte und Ausdauer verspricht.

Und die Inszenierung ihres Präsidenten hilft den Russen darüber hinweg?
Es hängt von der Bevölkerungsschicht ab. Die kritischen Jungen versuchen, das Land zu verlassen, die breite Masse, vor allem die auf dem Land, konsumiert die von Staatsseite angebotenen Nachrichten und ist einverstanden. Nicht zuletzt vermittelt Putin auch Gefühle, zeigt sich mit Tieren, mit Kindern, es menschelt im Gegensatz zum Macho.

Das Leugnen der eigenen Geschichte

Die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs war in Deutschland und in Österreich ein mühsamer, auch ein schmerzhafter Prozess. In der Sowjetunion stellte man sich dieser Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht, sondern polierte nur eine Helden-Version: Die Sowjetunion wurde von Hitler-Deutschland überfallen und konnte die Faschisten heldenhaft besiegen.

Eine Teil-Wahrheit. Denn die Sowjetunion entfesselte gemeinsam mit dem Deutschen Reich den Zweiten Weltkrieg. Im August 1939 wurde in Moskau der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen, ein Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzabkommen teilten sich Deutsche und Russen Polen auf, Josef Stalin wurden die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauern ausgeliefert, die er umgehend besetzte.

Gemeinsam fielen Hitler und Stalin schließlich über Polen her. In Katyn ließ Stalin rund 4400 polnische Kriegsgefangene ermorden.

Die Sowjetunion unterstützte das Hitler-Reich mit Getreide wie auch mit Rohstoffen zur Aufrüstung für den Feldzug gegen den Westen. Der Bruch erfolgte am 22. Juni 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel.

Der heutige 9. Mai wird als Hochamt des Staates begangen. Warum vereinnahmt Putin gerade so ein Ereignis aus der alten Sowjetunion?
Vieles ist nicht geblieben, worauf sich Russland berufen kann. Der Wettlauf im Weltraum etwa ist nichts mehr, womit sich dieses Land rühmen kann. Was übrig bleibt, ist der Sieg über den Faschismus. Und der 9. Mai als Erinnerung an die Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschen Reichs wird erst seit Putin wieder wie in der Sowjetzeit mit groß angelegter Feierlichkeit begangen.

Passt das nicht in das System des Putin, in dem Kritik verboten und die alten Klamotten, selbst der verbrecherische Josef Stalin wieder zu Ehren kommen?
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg findet unter Putin wenig statt. Kritik an Stalin und dessen Verbrechen sind vielfach Tabuthemen.

Wie wird dieser verbrecherische Krieg Putins gegen die Ukraine ausgehen?
Das weiß niemand. Ich könnte mir vorstellen, dass die Ukraine doch einen Kompromiss schließt und die Krim sowie den Donbas an Russland übergibt.

WISSENSCHAFTLERIN DES JAHRES 2019: STELZL-MARX
Barbara Stelzl-Marx ist Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz und leitet das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung. Neben zahlreichen Auszeichnungen wurde sie auch „Wissenschafterin des Jahres 2019“.APA