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Schlagzeuggewitter und Frühlingsmusik

09.05.2022 • 20:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Residentie Orkest Den Haag mit seiner Dirigentin Anja Bihlmaier und der Multipercussionist Martin Grubinger (unten) eröffneten das diesjährige Bodenseefestival.<br><span class="copyright">Wouter Vellekoop</span>
Das Residentie Orkest Den Haag mit seiner Dirigentin Anja Bihlmaier und der Multipercussionist Martin Grubinger (unten) eröffneten das diesjährige Bodenseefestival.
Wouter Vellekoop

Bodenseefestival wurde mit Konzert mit Martin Grubinger eröffnet.

Nach zwei Jahren Corona-Stille kann das Bodenseefestival heuer wieder stattfinden. Artist in residence ist der österreichische Multipercussionist Martin Grubinger. Er wurde beim Eröffnungskonzert am Samstag im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen begeistert gefeiert. Das Konzert gemeinsam mit dem Residentie Orkest Den Haag und der aus Schwäbisch Gmünd stammenden Dirigentin Anja Bihlmaier wurde am Sonntag in Weingarten und gestern Abend im Kulturhaus Dornbirn wiederholt.

Damit ist Grubingers „Residenz“ beim vierwöchigen Festival allerdings auch schon fast wieder vorbei. Nur noch ein Konzert mit seinem fünfköpfigen Percussions-Ensemble – unter ihnen der am Feldkircher Konservatorium lehrende Slavik Stakhov – und dem Pianisten Per Rundberg steht am kommenden Samstag im Konzerthaus Ravensburg auf dem Programm. Da ist Spark, die unkonventionelle „klassische Band“ und das Ensemble in Residence, noch deutlich öfter im gesamten Bodenseeraum zu hören. Und das große Thema „Natur“ zieht sich bis 6. Juni durch viele der Konzerte und Lesungen.

Farbenreich

Zur Eröffnung führte die sympathische Dirigentin Anja Bihlmaier das Residentie Orkest Den Haag im schwingenden Samtfrack und silbernen Schuhen auf die grüne Wiese, denn Gustav Mahler hat den zweiten Satz seiner dritten Symphonie mit „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“ überschrieben. Benjamin Britten hat den Satz für eine kleinere Orchesterbesetzung bearbeitet: Die Solooboe führte den Reigen an, Volkslieder und Vogeltriller mischten sich in diese hell timbrierte, farbenreiche Musik.

Martin Grubinger <span class="copyright">VELLEKOOP</span>
Martin Grubinger VELLEKOOP

Allein vier Schlagwerker und Klavier zusätzlich im großen Orchester sieht der israelische Komponist Avner Dorman in seinem 2007 für Grubinger geschriebenen Konzert „Frozen in time“ vor. Dazu natürlich ein paar Quadratmeter Trommeln, Marimba, Vibrafon, Kuhglocken oder sphärisch klingende Glasstäbe, die Martin Grubinger mit höchster Energie und traumwandlerischer Sicherheit bedient. Dorman schickt seinen Solisten auf eine Reise in die Natur und die Musikstile der Welt, auch Anja Bihlmaier und das Orchester greifen den groovenden Puls im ersten Satz, die zauberischen Mozartanklänge und die wilden Jazz-Explosionen im dritten Satz „The Americas“ als übergroße klangfarbenreiche Band auf.

Energetischer Wechsel

Grubinger, wie immer im schwarzen T-Shirt am durchtrainierten Oberkörper, vermittelt gut geerdete ekstatische Spielfreude und sportliche Höchstleistung, ist vollkommen eins mit seinen Instrumenten und Schlägeln. Natürlich schenkt er seinem Publikum auch zwei besondere Zugaben: das rasend gesteigerte „double“ auf der kleinen Trommel mit artistischen Beigaben und die atemberaubend leise schwingende Sarabande aus einer Cellosuite von Bach auf der Marimba. Schon allein dieser energetische Wechsel von kontrollierter Raserei zur ästhetischen Meditation ist bewundernswert. Ein Jahr noch will Grubinger wirbeln, dann, mit 40, ein neues Leben beginnen – noch kann man es sich nicht vorstellen!
Mit Robert Schumanns erster Sinfonie, der „Frühlingssinfonie“, deren Fanfaren zu Beginn die Gedichtzeile „im Thale blüht der Frühling auf“ skandieren und einem sprudelnden Allegro Platz machen, spiegelten Bihlmaier und ihr Orchester, dem sie seit 2021 vorsteht, die optimis­tische Aufbruchsstimmung, die uns in diesen Zeiten so gut (und not) tut. Der helle Klang, die Bläserfarben, der Atem im langsamen Satz, der Liederreigen im Scherzo und das pulsierende Miteinander im Finale bestärkten diese Eindrücke.

https://bodenseefestival.de

Von Katharina von Glasenapp
neue-redaktion@neue.at