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„Es gibt noch Lücken, die gefüllt werden können“

12.05.2022 • 18:02 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der langjährige Obmann Werner Bundschuh (l.) mit seinem Nachfolger Johannes Spies.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der langjährige Obmann Werner Bundschuh (l.) mit seinem Nachfolger Johannes Spies.Klaus Hartinger

Interview. Die Malin-Gesellschaft hat nach 30 Jahren einen neuen Obmann bekommen.

Bei der jüngsten Jahreshauptversammlung der historischen Johann-August-Malin-Gesellschaft kam es zu einem Wechsel an der Spitze. Nach 30 Jahren wurde Werner Bundschuh als Obmann von Johannes Spies abgelöst. Spies wurde 1981 in Graz geboren, besuchte die HAK in Bregenz und absolvierte dann ein Diplomstudium für das Lehramt an Hauptschulen an der damaligen Pädak in Feldkirch für die Fächerkombination Englisch, Geschichte und Sozialkunde.
Spies war zunächst Lehrer an der damaligen Mittelschule Bregenz-Vorkloster. Seit 2014 ist er an der Mittelschule Dornbirn-Markt und seit 2020 auch Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Mit ihm wurde auch der Vorstand neu gewählt. Dessen Mitglieder sind nun neben dem neuen Obmann Isabella Greber, Franz Valandro, Severin Holzknecht und Sarah Koelman. Ein Gespräch mit dem ehemaligen und dem neuen Obmann.

Herr Spies, Sie sind seit Kurzem Obmann der Malin-Gesellschaft. Warum haben Sie sich dafür zur Verfügung gestellt?
Johannes Spies:
(lacht) Die schwierigste Frage gleich zu Beginn. Ich bin Werner Bundschuh 2017 als Netzwerker von erinnern.at (Lehr- und Lernprogramm zu Nationalsozialismus und Holocaust, Anm.) für Vorarl­berg nachgefolgt. Diese Verbindung von Forschungstätigkeit und Vermittlungstätigkeit, die diese beiden Institutionen jeweils auszeichnet, macht Sinn. Und es gibt auch einen persönlichen Grund: Es ist einfach eine tolle Möglichkeit, viel lernen zu dürfen.

Herr Bundschuh, war es für das Gründungsteam der richtige Zeitpunkt, um sich zurückzuziehen?
Werner Bundschuh:
Es war der völlig richtige Zeitpunkt.

Warum?
Bundschuh:
Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dann soll man in Vereinen schauen, dass sie geeignet übergeben werden. Wenn man einen Nachfolger hat, von dem man überzeugt ist, weil er es machen will und die Fähigkeiten dazu hat, dann ist das der richtige Zeitpunkt. Es geht auch darum, neue Impulse zu setzen, etwa auch in der Vermittlung. Da ist eine neue Generation gefragt.

Stichwort neue Impulse. Was wird sich ändern?
Spies:
Ich möchte zuerst dem Werner ein bisschen widersprechen. Von völligem Rückzug kann man nicht sprechen. Seine Hängematte zu Hause im Garten wird noch länger leer bleiben. Werner Bundschuh ist nach wie vor in die Arbeit des neuen Vorstands eingebunden, gerade um den Übergang gut zu begleiten. Aber auch seine Expertise und seine Kenntnis der handelnden Personen sind wichtig.

Wie ist das bei den übrigen Vorstandsmitgliedern?
Bundschuh:
Wir sind alle an Bord, aber im operativen Geschäft ist es sehr gut, wenn man sich da nicht einmischt. Wenn wir gefragt werden, stehen wir zur Verfügung. Es ist ja kein Bruch, sondern ein Übergang.

Was soll, wird, muss sich nun ändern?
Spies:
Verändern müssen tut sich nichts. Wenn man sich die Geschichte der Malin-Gesellschaft ansieht, dann ist es ein Erfolgsprojekt, das seinesgleichen sucht. Insofern gibt es keinen Druck, Dinge zu verändern. Aber es gibt die Erwartung, auf diesem hohen Niveau konstant weiterzuarbeiten. Es gibt natürlich einige Bereiche der Zeitgeschichte, die noch oder stärker erforscht werden könnten, etwa die Frauengeschichte …
Bundschuh: Ich glaube, dass es ein ganz wichtiger Aspekt im neuen Vorstand ist, dass auch junge engagierte Frauen dabei sind.

Was die Forschung betrifft, hat die Gründungsgeneration ja im Prinzip bei Null angefangen und in den 40 Jahren sehr viel an kritischer Zeitgeschichte erarbeitet. Soll oder kann das in dem Ausmaß weiter erfolgen?
Spies:
Die Themen gehen nicht aus. Die Leistung der Malin-Gesellschaft in den vergangenen vier Jahrzehnten war, jene Bereiche, die davor ausgeklammert wurden, kritisch zu erforschen, um damit der damaligen offiziellen Vorarlberger Landesgeschichte eine alternative Geschichtsdarstellung daneben zu stellen. Das wird es in Zukunft vermutlich auf diese Art und Weise nicht mehr brauchen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass einzelne Aspekte durchaus vertiefend weiter erforscht werden müssen, etwa einzelne Biographien, die auch wesentliche Beiträge für eine Vermittlungsarbeit leisten können.

Die unter anderem schulische Vermittlungsarbeit der Malin-Gesellschaft war jetzt nicht so ausgeprägt. Soll sich das ändern?
Bundschuh:
Da ist Luft nach oben bzw. es hat natürlich sehr enge personelle Verbindungen zwischen der Malin-Gesellschaft und erinnern.at gegeben. Da war der Fokus, die Forschungsergebnisse in die Vermittlung zu bringen. Aber es gibt selbstverständlich noch Lücken, die gefüllt werden können. Wichtig ist aber auch, das was erforscht wurde, in die nächste Generation zu transportieren und auch in einer Sprache, die jetzt in der Schule verwendbar ist.
Aber das erfolgt größenteils über erinnern.at?
Spies: In der Praxis kann das durchaus in Kooperation umgesetzt werden. Vermittlung kann aber auch in verstärkter Vortragstätigkeit erfolgen.

Im neuen Team sind also auch Leute, die forschen?
Spies:
Mit Severin Holzknecht gibt es jemand, der innerhalb der Malin-Gesellschaft vor allem für den Bereich der Wissenschaft tätig sein wird. Ich komme mehr aus dem Vermittlungsbereich und habe den Hintergrund der Politischen Bildung. Isabella Greber hat an der Universität Wien studiert und eine fachlich tiefgehende Ausbildung …
Bundschuh: … und arbeitet derzeit am Deserteur-Projekt von Peter Pirker mit. Da gibt es ganz klar auch Forschungskompetenz.
Spies: Die Arbeit und vor allem die Fülle, die die Arbeit der Malin-Gesellschaft immer ausgezeichnet hat, ist ja nicht etwas, das man als Einzelperson leisten kann. Das ist Teamwork.

Werner Bundschuh <span class="copyright">Klaus hartinger</span>
Werner Bundschuh Klaus hartinger

Welche Rolle, Herr Spies, glauben Sie, dass die Malin-Gesellschaft derzeit in der Vorarlberger Gesellschaft hat und welche sie in Zukunft haben kann?
Spies:
Es ist ein Verein, der in Vorarlberg etabliert ist, über eine bestimmte Reputation verfügt und aufgrund dessen auch wahrgenommen wird. Was das für die Zukunft bedeuten kann? Die Malin-Gesellschaft ist eine unabhängige Institution, die niemandem Rechenschaft schuldig ist und unabhängig und kritisch forschen kann. In Zeiten, in denen Fake News und Geschichtsverfälschungen Konjunktur haben, glaube ich, dass die Malin-Gesellschaft auch weiterhin einen Beitrag leisten kann.

Soll sie auch auf Aktuelles reagieren?
Spies:
Ich sehe die Malin-Gesellschaft nicht als politische Partei, das tagespolitische Geschäft überlassen wir denen. Aber es gibt natürlich, wenn man sich die Forschung anschaut, Dinge, die immer wieder auftreten. Warum hat man vor 40 Jahren begonnen, sich mit dieser Geschichte kritisch auseinanderzusetzen? Da geht es um Pluralismus, um Meinungsfreiheit, Diskurs und auch darum, was Geschichte mit uns heute zu tun hat.
Bundschuh: Coronademos mit deutlichen Hinweisen auf ein verfälschtes Narrativ, „Impfen macht frei“ – ich glaube, das sind Dinge, wo man klar Stellung beziehen muss. Daher hat sich die Malin-Gesellschaft auch immer als mahnende Stimme gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen empfunden.

Wie hoch ist eigentlich die Mitgliederzahl?
Spies:
Aktuell etwa 170, 180.
Bundschuh: Das ist seit Jahren eine sehr stabile Zahl.
Spies: Mir ist es natürlich ein Anliegen, auch jüngere Leute einzubinden.
Bundschuh: Das ist ein wichtiger Aspekt. Aber noch zur Wahrnehmung der Malin-Gesellschaft: Die hat sich in meiner Amtszeit als Obmann sehr verändert. Mittlerweile gibt es auch von Landesseite Lob. Das war zu Beginn ganz anders. Man kommt an der Malin-Gesellschaft nicht vorbei, wenn es um Zeitgeschichte geht.

Und das soll vermutlich auch in Zukunft so bleiben?
Spies:
Die Malin-Gesellschaft hat dazu beigetragen, dass der exklusive Anspruch einer Geschichtsschreibung durch die Landesregierung in den vergangenen Jahren abgenommen hat. Da sind wir wieder beim Thema Demokratie: Wie diskutieren wir über etwas? Gehe ich mit absoluten Wahrheiten in ein Gespräch, dann ist der Wert des Gespräches eher gering. Aber natürlich wird die
Malin-Gesellschaft auch in Zukunft ein wichtiger Player im Bereich der Zeitgeschichte bleiben.

Johannes Spies<span class="copyright"> klaus hartinger</span>
Johannes Spies klaus hartinger

Wie gut funktioniert die erwähnte Einbindung von Jüngeren?
Spies:
Es gibt den jungen Vorstand, der die Arbeit aufgenommen hat. Es gibt weitere jüngere Interessierte, aber es ist natürlich meine Aufgabe, in diese Richtung weiter zu wirken und junge Leute einzubinden.

Herr Bundschuh, Sie waren 30 Jahre lang Obmann. Haben Sie das auch vor, Herr Spies?
Bundschuh:
Ich wollte damals für zwei Jahre übernehmen …
Spies: Ich habe das wirklich gern übernommen und freue mich jetzt sehr, den Verein im Übergang begleiten zu dürfen. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen.