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Die Angst der Heidi vor den Wörtern

15.05.2022 • 14:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ich bin eine „An-mir-Zweiflerin“. Immer wenn ich etwas vollbringe, sei es das Backen eines Kuchens, das Schreiben eines kleinen Theaterstückes oder der Einkauf von neuen Klamotten, schlussendlich stelle ich mir immer die Frage, bin ich darin gut genug? Kann man das herzeigen, kann man das lesen oder essen oder anschauen? Dann liegt Kleidung ein Jahr im Kasten, Stücke bleiben ungelesen, und der Kuchen wird nur unter Familienmitgliedern verteilt. Hier wird immer gesagt, dass alles super ist. Eine sichere Variante.

Wenn dann doch einmal etwas von mir an die Öffentlichkeit gelangt, um von mir fremden Menschen begutachtet zu werden, überkommt mich die Sehnsucht nach einem Krankenstand oder einem Urlaub in der Arktis (oder Antarktis). Das kann man doch nicht herzeigen, das können doch andere viel besser! Mein Magen dreht sich um, meine Hände zittern, und ich wünsche mir nichts sehnlicher herbei als einen anständigen Job. Als Bauarbeiterin zum Beispiel. Eine gerade Wand architektonisch meistern würde ich gerne. Da gibt es Vorlagen, da gibt es Schemata, an die man sich halten kann. Das hat etwas Handfestes, Meisterliches, Beruhigendes. Schief ist schief. Da gibt es nix zu beschönigen, keine Interpretationsmöglichkeiten. Es sei denn, man schweift auch beim Bau wieder ins Künstlerische ab, wie Hundertwasser. Aber ich würde einfach nur ein ganz normales, gemütliches Vogewosi-Wohnhaus bauen wollen. Ohne Schnickschnack.

Aber nein, unsereins muss sich der Verschriftlichung der eigenen Gedankenwelt hingeben oder anderen gestalterischen Formen, die auch immer ein wenig vom meinem eigenen Seelenleben preisgeben. Wer will denn das schon hören, lesen, sehen? Eine gute Freundin hat einmal zu mir gesagt: natürlich gibt es Menschen, die das besser können als du.“ Bevor ich mich aber stante pede bei der Uni exmatrikuliert habe, vor lauter Unsicherheit, hat sie weitergesprochen: „Aber es wird immer Menschen geben, die besser sind. Es wird aber auch immer Menschen geben, die dasselbe machen wie du und schlechter sind. Aber definitiv mehr Ego haben als du. Dass du weder Einstein noch Berthold Brecht bist, wissen wir eh. Aber da gibt es noch viel dazwischen, davor und daneben.“
An das denke ich dann, wenn ich besonders ängstlich bin vor einem Auftritt. Und an Richard Lugner … Er hat ja auch was erreicht.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.